Bainvgnü a Scuol – Willkommen in Scuol

Manche Orte lassen einen nicht mehr los. Das Unterengadin gehört dazu. Diese genussvolle Halbtagestour verbindet Natur, Kultur und Kulinarik: Von Scuol nach Tarasp, hinauf zum stillen Lai Nair und zurück entlang des Inns – eine einfache Wanderung, die Lust macht, einfach draussen zu sein.

Maria-Theresia Zwyssig

Was kommt Ihnen als Erstes in den Sinn, wenn Sie das Wort «Engadin» hören? Goldgelbe Lärchen im Herbstlicht, tiefblaue Seen, Capuns und Engadiner Nusstorte? Vielleicht der Frühlingsbrauch Chalandamarz, wenn die Dorfjugend am 1. März mit ihren blauen Hemden und den roten Zipfelmützen in den Dörfern unterwegs ist – oder die Engadiner Häuser mit kunstvollen Sgraffitos –, nicht zu vergessen der Schellen-Ursli, wie er tapfer durch den Schnee stapft. Ganz gleich, welches Bild gerade auftaucht: Das Engadin im Kanton Graubünden ist ein ganz besonderer Fleck Erde. Jahr für Jahr zieht es Menschen in eines der höchstgelegenen bewohnten Täler Europas – und viele kommen immer wieder zurück.

Ein Tal, das bleibt

Mich verbindet mit dem Engadin vor allem die Erinnerung an herbstliche Wanderferien meiner Kindheit. Gemeinsam mit meinen Grosseltern reiste ich in ihrem alten Ford Fiesta vom Berner Oberland über den Flüelapass an, zurück ging es über den Julier oder Albula. Den gleichen Weg zweimal nehmen? Das kam für sie nicht infrage. Diese Neugier begleitete uns auch beim Wandern. Dank ihnen durfte ich über viele Jahre unzählige Orte entdecken. Vielleicht ist genau das der Grund, dass es mich bis heute mindestens einmal pro Jahr ins Engadin zieht.

Unterwegs im Herzen des Unterengadins

Heute lade ich Sie zu einer gemütlichen, einfachen Wanderung – oder nennen wir es ruhig einen ausgedehnten Spaziergang ein. Der Tipp stammt von einem guten Freund, heute Lokführer bei der Rhätischen Bahn. Ausgangspunkt ist Scuol im Unterengadin. Flächenmässig ist Scuol die grösste Gemeinde der Schweiz und umfasst unter anderem Ardez, Ftan, Guarda, Sent, Tarasp und natürlich Scuol selbst.

Am Bahnhof – Staziun – steigen wir in die PostAuto-Linie 923 und fahren bis Tarasp, Fontana. Schon die Fahrt ist ein kleines Erlebnis: Das PostAuto überquert auf der imposanten Hochbrücke Punt d’En Vulpera/Tarasp den Inn. Seit dem Bau des Vereinatunnels gilt sie als eines der grössten Infrastrukturprojekte des Unterengadins. Kurz darauf steigen wir aus, atmen tief durch – wir befinden uns auf rund 1400 Metern über Meer – und lassen den Blick nach oben schweifen.

Der Lai Nair lädt zum Erholen und Entspannen ein.

Hoch über dem Dorf thront das Schloss Tarasp, seit 1040 Wächter des Tals und Wahrzeichen des Unterengadins. Heute gehört es dem einheimischen Künstler Not Vital. Wer mag, kann im Schloss eine bemerkenswerte Sammlung antiker, moderner und zeitgenössischer Kunst entdecken.

Doch auch draussen begegnet uns seine Kunst: Auf dem kleinen Dorfsee, dem Lai Tarasp, schwimmt eine riesige Metallkugel – der Mond. Silbern, glänzend spiegelt er die Umgebung und sorgt unweigerlich für einen zweiten Blick. 

Bevor wir uns auf den Weg machen, gönnen wir uns allerdings etwas ganz Wichtiges. Es ist die Qual der Wahl: Nusstorte oder Engadinertorte – der Name ist hier Programm. Besonders empfehlenswert ist das Schlosshotel Chastè Tarasp, dessen Restaurant uns mit warmem Arvenholz empfängt. Gut gestärkt starten wir anschliessend Richtung Lai Nair, einem Bergsee, der oberhalb von Tarasp auf einem stillen Plateau liegt.

Über eine Holztreppe gelangt man in den Lai Nair.

Der Lai Nair – Naturidylle auf dem Hochplateau

Der Weg führt durch das Dorf, vorbei an der katholischen Kirche und weiter entlang der Strasse Fontana Sura, wo wir bald auf den Wanderweg einbiegen. Der Wald zeigt sich idyllisch und ruhig. Nach rund 40 Minuten und etwa 150 Höhenmetern erreichen wir den Lai Nair auf 1544 Metern über Meer. Es gibt mehrere Wege zum See und rund um ihn herum. Nehmen Sie sich Zeit, umrunden Sie ihn gemütlich, setzen Sie sich auf eines der Bänkli und lassen Sie die Landschaft wirken. Die Berge der Silvretta-Gruppe scheinen zum Greifen nah, besonders der Piz Lavetscha mit seinen 2788 Metern zieht die Blicke auf sich.

Ich kehre immer wieder an diesen Ort zurück. Hier herrscht eine eigene Welt – rau und zugleich lieblich, wild und still im schönsten Gleichgewicht. Auch im Herbst ist der Lai Nair bezaubernd, dann allerdings deutlich weniger einladend für ein Bad. Im Sommer hingegen lockt er mutige Schwimmerinnen und Schwimmer zu ein paar Zügen. Über eine stabile Holztreppe gelangen Sie ins Wasser. Die Sicht ist trüb, fast schwarz – ein Effekt der Huminsäure, die durch den Abbau von Torfmoosen und anderen Pflanzenresten am Seeboden entsteht. Gespiesen wird der See hauptsächlich von Regenwasser. Kurz gesagt: Das Abtauchen braucht etwas Überwindung – aber es lohnt sich. Das Hochmoor lässt sich über einen Holzsteg erkunden, und unter den Arven rund um den See finden sich Feuerstellen mit grossen Tischen und Bänken. Ein idealer Ort zum Verweilen, Picknicken oder einfach Nichtstun. 

Hoch über dem Dorf thront das Schloss Tarasp.

Zurück nach Scuol – Wasser, Wärme und Wohlgefühl

Für den Abstieg folgen wir dem Weg oberhalb des Sees durch den Wald. Der Blick ins Tal Val S-charl öffnet sich, bevor wir den Weiler Avrona erreichen. Hoch über der Clemgia-Schlucht kehren wir im Gasthaus Avrona ein. Der Kuchentisch ist verführerisch, ebenso ein Apéro, den wir an einem der sieben Tische geniessen können. Herzlich und voller Charakter – ein echtes Bijou. Wir sind bereit für den letzten Abschnitt: den Abstieg via Vulpera nach Scuol. In Vulpera folgen wir dem Inn bis kurz nach dem TCS-Campingplatz, erst dann queren wir den Fluss über die Gurlaina-Brücke. Auf ihren 150 Metern mit drei Aussichtsplattformen bietet sie wunderbare Fotomotive – hinunter auf den Inn mit seiner unvergleichlichen Farbe oder hinüber zur Kirche. In Scuol bleiben wir erst im unteren, alten Dorfteil. Die typischen Engadinerhäuser mit ihrer Sgraffito-Kunst sind eine Augenweide. Zahlreiche Brunnen laden zur Degustation ein – über 20 Mineralquellen entspringen auf dem Gemeindegebiet. Besonders eindrücklich ist der Dorfbrunnen Bügl Grond, der grösste seiner Art im Dorf. Den Tag lassen wir schliesslich im Mineralbad Bogn Engiadina Scuol ausklingen. Warmes, sprudelndes Mineralwasser, ein Aussenbad mit Blick auf die Berge – Entspannung pur. Vielleicht schweift der Blick zur Lischanahütte hinauf, wo noch Licht brennt, und die Gedanken wandern bereits zur nächsten Tour.


Die typischen Engadiner Häuser mit den Sgraffitos begegnen einem in Scuol.

 

«Der Lai Nair ist ein stiller Ort, an dem Wildheit und Ruhe im Gleichgewicht stehen.»

 

Kurz & praktisch
Dauer: ca. 2 Std. 15 Minuten Wanderzeit
Länge: 7,8 Kilometer
Höhenmeter bergauf: 150 m
Ausrüstung: Schuhe mit gutem Profil, Sonnen- und Regenschutz, Windjacke
Anreise: mit dem PostAuto
Ideal für: eine genussvolle Halbtagestour

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