Schönheit und (Selbst-)Liebe

Bin ich eigentlich schön? Jeder Mensch hat sich wahrscheinlich irgendwann in seinem Leben diese Frage gestellt. Denn nichts steigert unsere Chancen in der Liebe so sehr wie äusserliche Attraktivität. (Jedenfalls bei Frauen. Bei Männern ist statistisch Prestige noch wertsteigernder.)
Wir können uns diese Frage auf zwei Arten beantworten: Durch Vergleich oder durch Liebe. Für den Vergleich steht heute eine ganze Industrie zur Verfügung: Überall in Werbung und Internet finden wir Schönheitsideale, mit deren Perfektion wir uns vergleichen können. Abweichungen vom Ideal sind Makel. Um sie auszumerzen, geht man in Fitnessstudios, Schönheitssalons, zur Diätberatung, Facelifting und vieles mehr. Doch diesen Kampf können wir nie gewinnen. Selbst die Schönsten der Schönen kennen an sich noch «Fehler», die sie nachts nicht schlafen lassen.
Ich finde es erfolgsträchtiger, uns mit den Augen eines Menschen sehen zu lernen, der in uns verliebt ist. Schenken wir ihm Glauben! Denn das können Liebende füreinander tun: Die Schönheit des anderen sehen, wo dieser sie nicht selbst sehen kann. Ja, manchmal erwecken sie diese Schönheit überhaupt erst, die vorher noch schlummerte. Sie wird dann auch für andere sichtbar, wenn wir es glauben und annehmen, uns demnach bewegen und entsprechend von uns denken.
Hören wir nur einmal, was Madschnun, der vor «Liebe Verrückte,» im persischen Epos «Madschnūn Lailā» über seine Liebste sagte: «Ihre Augen glichen denen einer Gazelle – ein einziger Wimpernschlag konnte die Welt in Trümmer legen.» «Ihr Gesicht lässt Blumen erblühen und verleiht ihnen Farbe.»
Lässt sich ein solches Aussehen herbeistylen? Sicher nicht. Wir dürfen davon ausgehen, dass die so beschriebene junge Frau vor der Begegnung mit Madschnun so über sich dachte wie alle jungen Frauen vor dem Spiegel: Nase zu gross oder klein, Busen ebenso, und hoffentlich sieht niemand den hässlichen Pickel.
Doch Schönheit, die zählt, die ans Herz geht, die uns zum Lieben bringt, ist keine, die man mit Zahlen messen kann. Sondern sie ist eine Spiegelung des Innersten, von mir aus der Seele. Eine solche Schönheit braucht Ecken und Kanten. Perfektion und absolute Harmonie im Aussehen sind – wie in der Musik – langweilig und unerotisch.
Platon fand: «Eros ist das Streben nach dem Schönen an sich.» Und Christian Morgenstern sagte: «Schön ist eigentlich alles, was man mit Liebe betrachtet. Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden.»
Das gilt auch für uns selbst. Auf Dauer dürfen wir es aber nicht unseren Geliebten überlassen, uns schön zu finden. Wir müssen es schon selbst lernen. Auch damit der Geliebte es nicht vergisst. «Wenn du in den Spiegel schaust und findest dich nicht schön, dann hast du nicht richtig geschaut», sagte Sufi-Grossmeister Pir Vilayat Khan. Richtig schauen, heisst, mit den Augen der Liebe zu schauen. Das können wir üben.
Also – beim nächsten Mal, wenn uns ein Spiegelbild zum Beispiel in einer Umkleidekabine in Wut oder Scham versetzt – schauen wir noch einmal hin! Wer ist dieser Mensch, wenn er den Stress und die Hektik einmal beiseitelässt? Schicken wir ihm etwas Liebe! Und schauen wir noch einmal neu hin!
Leila Dregger
Leila Dregger ist Journalistin und Buchautorin. Sie begeistert sich für gemeinschaftliche Lebensformen, lebte u. a. über 18 Jahre in Tamera, Portugal, sowie in anderen Gemeinschaften. Am meisten liebt sie das Thema Heilung von Liebe und Sexualität sowie neue Wege für das Mann- und Frau-Sein.
