Intimität ohne Gegenüber?
Es war «der beste Sex meines Lebens». Eine von vielen Aussagen der etwa 31 % US-Bürger*innen, die schon einmal eine KI für erotische Rollenspiele (ERP) ausprobiert haben. In Europa sind es weniger – noch, aber die Zahlen steigen rasend. Ist das vielleicht die neue Pandemie?
Sex mit der Maschine, alles im Kopf … was soll daran so toll sein? Haben die ERP-Fans denn nie guten Sex mit Menschen erlebt? Warum verlieren so viele die Lust auf Körperlichkeit? Ich habe mehrere Erklärungen ...
Eine ist Perfektionszwang: Im Internetzeitalter wächst man mit Bildern auf, wie ein begehrenswerter Körper auszusehen hat. Und denen entspricht trotz Fitness- und Styling- Bemühungen kein normaler Mensch! Wie kann man also glauben, jemand anderen ins Bett zu kriegen? Diese anderen «normalen Menschen» sieht man ja ebenso überkritisch.
Eine weitere Erklärung betrifft Bequemlichkeit: Warum sollte man sich bemühen, verabreden, kommunizieren, Missverständnisse, Liebeskummer oder Zurückweisung riskieren, wenn es mit der KI doch so leicht ist? Einschalten, einen Dialog anfangen, vielleicht auf einem Bildschirm zusehen, wie andere Körper sich berühren – und schon geht’s ab.
Noch eine Erklärung ist Scham. So viele erotische Fantasien werden nur der KI mitgeteilt. Sie findet dich immer toll. Moralische Schranken? Ekelgrenzen, Scham? Eigene Bedürfnisse? Gibt es bei der KI nicht. Sie kann dich auch nicht auslachen, dir keinen Korb geben – dafür ist sie nicht programmiert. Stattdessen erlebst du Verständnis, Geduld, Immerverfügbarkeit und ganz viel Ermutigung – und bleibst immer der Grösste.
Ich bin sicher, virtuelle Intimität kann helfen – vor allem, wenn man akut von Liebeskummer, Einsamkeit oder Minderwertigkeit betroffen ist. Da braucht man jemanden, der da ist, der einen nicht verurteilt, sondern zuhört, bestätigt. Da kann die KI sehr verführerisch sein. Aber auf Dauer ist sie Betrug.
Denn alles, was eine KI kann, spielt sich im eigenen Kopf ab, während Körper und Seele vor dem Bildschirm erstarren. So verlernen wir, wie echter Kontakt geht. Und verpassen die Chance echter Berührung. Und damit meine ich nicht nur den wilden, schweisstreibenden Sex, den wir uns alle wünschen. Ich meine auch das Gefühl einer anderen Hand in der eigenen, wenn man einmal verunsichert, aufgeregt oder traurig ist. Oder die verwirrende Anziehung, die dich durchfahren kann, selbst wenn der andere gar nicht deinen Traummassen entspricht. Oder das Bemühen um jemanden, der Streit, die Trennung, die Verzweiflung – und möglicherweise das Aufeinander- Zugehen und die Versöhnung. Oder die Feststellung, dass du tatsächlich jemandem helfen kannst und jemand dich braucht.
So unbequem, unvollkommen und peinlich ist es eben: das echte Leben. An was werden wir uns erinnern, wenn wir eines Tages auf unser Leben zurückblicken? An den perfekten, KI-generierten Orgasmus? Oder an eine echte Begegnung, so mühsam und holperig sie manchmal auch ist?
Wer das will, muss den Bildschirm verlassen und in die wilde, gefährliche Welt hinausgehen – wo die Menschen sind. Und wenn es das Schwierigste ist, was du jetzt tun kannst, es ist vielleicht auch das Wirksamste: Such dir jemand zum Kuscheln. Oder Händchenhalten.
