Flirten Sie!

Wann haben Sie das letzte Mal einem Kollegen ein Kompliment gemacht? Einer Fremden zugelächelt? Oder geflirtet? Flirten ist für mich ein Ausdruck von Lebensfreude: Es erinnert uns daran, dass wir erotische Wesen sind. Es bringt Würze in den Alltag und Leichtigkeit in unsere rein funktionellen Geschäftsverhältnisse.

Doch einige Dinge sollten wir beachten, damit Flirten ein Spiel ohne Verlierer bleibt und sich von aufdringlicher Anmache unterscheidet. Dazu gehört: Es geschieht immer im gegenseitigen Einverständnis. Lügen, Prahlen, Witze auf Kosten anderer machen, sich Vorteile verschaffen oder eigene Vorteile ausnutzen verderben die Lust auf einen Flirt. Ebenso Menschen, die nur flirten, um den eigenen Partner eifersüchtig zu machen.

Echtes Flirten ist immer ein Schritt aus der eigenen Komfortzone und braucht die Fähigkeit, sich nicht zu ernst zu nehmen. Im Flirt zeigen wir unserem Gegenüber durch Blicke, Gesten oder Komplimente, dass wir ihn oder sie attraktiv finden – und schaffen so Nähe, Spannung und ein wenig Erregung. Nach einem gelungenen Flirt bin ich den ganzen Tag in guter Stimmung – und das Gegenüber auch. Flirten öffnet einen Raum der Möglichkeiten – ohne ihn betreten zu müssen. Denn ein Flirt kann ein Herantasten an eine mögliche erotische Beziehung sein – muss aber nicht: Ein Flirt ist kein Beziehungsversprechen.

Ich habe zum Beispiel einen Dauerflirt mit unserem Bio-Lieferanten. Er kommt einmal pro Woche, macht bei uns Pause auf einen Kaffee – wir plänkeln etwas herum, zelebrieren unsere Freude aneinander mit Scherzen und Andeutungen, und manchmal umarmen wir uns. Keiner von uns würde darüber hinausgehen, wenn er vom anderen nicht ein klares Signal dazu bekäme. Es bleibt beim Spiel.

Ein Flirt unter Erwachsenen braucht aber den erwachsenen Umgang mit Anziehung und Zurückweisung – denn beim Flirten können wir beides erleben. Wer eine Zurückweisung nur schwer ertragen kann, vielleicht weil die Sehnsucht nach Nähe so gross geworden ist, wird nicht unbeschwert flirten können. Er oder sie sollte es lieber mit Klarheit und Ehrlichkeit versuchen. Und umgekehrt: Wer immer beim Flirten merkt, dass beim Gegenüber eine Sehnsucht wach wird, die man nicht erfüllen möchte … da hört das Spiel auf.

Bei einem Macht- oder Statusgefälle ist das Flirten meist nur für eine Seite schön – und für die andere ein Spiessrutenlauf. Bei mir gehen jedenfalls alle Alarmanlagen an, wenn ein Chef regelmässig Komplimente über das Aussehen einer Angestellten macht.

Wenn aber Flirten unverbindlich ist, wenn ich gar nicht weitergehen will: Ist es dann nicht eine Lüge?

Nein. Lüge oder leere Schmeicheleien zünden beim Flirt nicht. Wie bei jedem Spiel darf ich beim Flirten zwar «so tun als ob» – aber das Interesse, mit dem ich spiele, ist immer echt. Ich muss etwas Schönes beim anderen wahrgenommen haben, um flirten zu können. Darum macht Flirten auch so froh: ein kleiner Akt des Widerstands in einer Welt, die immer automatisierter und kontaktloser wird.

 

Leila Dregger ist Journalistin und Buchautorin. Sie begeis- tert sich für gemeinschaftliche Lebensformen, lebte u. a. über 18 Jahre in Tamera, Portugal, sowie in anderen Gemeinschaften. Am meisten liebt sie das Thema Heilung von Liebe und Sexualität sowie neue Wege für das Mann- und Frau-Sein.

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