Erste Hilfe am Wegesrand

Der Spitzwegerich ist eine grossartige Heilpflanze, die uns das ganze Jahr über frisch zur Verfügung steht. Wer sie im Notfall braucht, muss sie nicht lange suchen.

Yves Scherer

 

 

Auf einer kürzlich veranstalteten Kräuterwanderung durch den Wald interessierten sich die Teilnehmenden für schmerzstillende Pflanzen. Zu unseren Füssen standen zuverlässig und bescheiden einige Spitzwegeriche, die sich sogleich ins Gespräch brachten. «Wie stark schmerzstillend wirken die denn?», wollte eine junge Frau wissen. Ich lud sie zu einem Experiment ein und hielt ihr ein paar Brennnessel-Zweige hin. Die Frau nahm die Nesseln und schlug sich damit mehrmals auf den Unterarm, wo sich sogleich ein Ausschlag mit starkem Juckreiz bildete. Dann pflückten wir ein paar Blätter vom Spitzwegerich und die junge Frau rieb diese auf die schmerzende Stelle bis der Saft ihre Haut grün färbte. «Wow! Das wirkt tatsächlich! Ich spüre nichts mehr von den Nesseln.» Von Neugier gepackt überwanden nun auch die anderen aus der Gruppe ihre Angst vor den Brennnesseln, pieksten mit den Blättern ihre Unterarme und bestätigten nach der Behandlung mit dem Spitzwegerich dessen schmerzstillende Wirkung. Allerdings mussten wir alle die Behandlung zwei- oder dreimal wiederholen bis von der Hautirritation der Nesseln endgültig nichts mehr zu spüren war.

 

 

Die fürstlichen Wegbegleiter

Die Gattung der Wegeriche heisst so, weil die verschiedenen Arten gerne am Wegesrand wachsen. Das germanische Wort «rich» oder «rik» bedeutet Herrscher bzw. Fürst. Die Wegeriche sind demnach die Herrscher der Wege oder die fürstlichen Wegbegleiter. Der Gattungsname Plantago kommt vom lateinischen Planta für «Pflanze» oder «Fusssohle». Die indigenen Völker Nordamerikas nannten die Wegeriche «Fussstapfen des weissen Mannes», weil sich die bis dahin auf dem amerikanischen Kontinent unbekannte Pflanze entlang der Siedler-Trecks ausbreitete. Der botanische Name des Spitzwegerichs könnte man mit «Lanzettblättriger Wegerich» übersetzen.


Breitwegerich (Plantago major), Spitzwegerich (Plantago lanceolata) und mittlerer Wegerich (Plantago media) sind in ihrer Erscheinungsform und medizinischen Wirkung sehr ähnlich. Gut zu unterscheiden sind sie an ihrer Blattform. Der Breitwegerich hat breite Blätter, der Spitzwegerich spitze und die Blattform des mittleren Wegerichs liegt zwischen diesen beiden. Die Blätter der Wegeriche stehen grundständig an der Pflanzenbasis und bilden eine Rosette, der dünne Pflanzenstängel trägt an seiner Spitze den ährenförmigen Blütenstand mit auffälligen weissen Staubbeuteln, die ringförmig abstehen.


Spitzwegerich, Plantago lanceolata

 

Mittlerer Wegerich, Plantago media

 

Breitwegerich, Plantago major

 

Erste-Hilfe-Kraut für kleine Verletzungen

Pflanzen, denen wir auf Schritt und Tritt begegnen, schenken wir gemeinhin nicht viel Aufmerksamkeit. Es sei denn, sie verwöhnen uns mit prächtigen Blüten und betörenden Düften. Der Spitzwegerich tut beides nicht. Anstatt seine Energie an ein attraktives Erscheinungsbild zu verschwenden, investiert der Spitzwegerich lieber in seine soliden Heilkräfte. Der stets griffbereite Spitzwegerich bietet sich als Erste-Hilfe-Kraut für Hieb-, Stich- und Schnittverletzungen an. Wie das Hirtentäschelkraut und der Beinwell sind auch die Wegeriche sogenannte Soldatenkräuter. Zuverlässig stillen sie Blutungen, desinfizieren Wunden und reduzieren lokal das Schmerzempfinden von verletztem Gewebe. Zur schnellen Wundversorgung kann ein Brei der gequetschten Pflanze auf die Wunde gelegt werden. Kräuterpfarrer Johann Künzle soll gesagt haben: «Ein solcher Verband ist der erste und manchmal der beste Notverband, denn die Heilung solcher Wunden geht rasch vor sich. Wie mit Goldfäden näht der Wegerichsaft den klaffenden Riss.» Das wussten auch viele Ärzte, die im Zweiten Weltkrieg Wunden mit Spitzwegerich-Anwendungen behandelten.


Um Splitter aus der Haut zu ziehen, eignet sich die Auflage von Brei aus gequetschten Wegerichsamen, die die Haut aufweichen. Sind diese für einmal nicht zur Hand, hilft das wiederholte Einweichen der betroffenen Stelle in Wasser, um Fremdkörper aus dem Gewebe zu befördern.


 

Die wundheilungsfördernde Wirkung des Spitzwegerichs ist das Ergebnis eines raffinierten Wirkstoffgemisches: Reizmildernde Schleimstoffe, die in den Samen und Blättern enthalten sind, schützen verletzte Haut wie ein dünnes Pflaster, Gerbstoffe stoppen Blutungen und verschliessen offene Wunden, während die Flavonoide Entzündungen lindern. Das in der frischen Pflanze enthaltene Iridoidglykosid Aucubin ist ein natürliches Antibiotikum. Es hemmt das Wachstum von infektiösen Bakterien, etwa Eitererregern oder Salmonellen.


Alle Wegerich-Arten sind hervorragende Wundheilmittel. Auch Insektenstiche, Schleimhautdefekte, juckende Hautirritationen, Sonnenbrand und leichte Verbrennungen lassen sich gut mit Frischpflanzenzubereitungen oder verdünnter Tinktur behandeln. Wer auf einer Wanderung Druckstellen an den Füssen verspürt, legt sich ein paar Wegerichblätter in die Schuhe. Diese wirken der Blasenbildung entgegen.


«Der Wirkstoff Aucubin wirkt wie ein natürliches Antibiotikum gegen Bakterien.»

 

Das bewährte Hustenmittel

Bei der Einnahme von Spitzwegerich legt sich der Pflanzenschleim als dünner Schutzfilm auf die Schleimhäute der Mundhöhle und der oberen Bronchien. Auch hier kommt die entzündungshemmende, desinfizierende Wirkung der Pflanze zur Geltung. Der Hustenreiz wird deutlich gemildert. Speziell für Kinder sind Spitzwegerich-Anwendungen gut geeignet, auch bei therapieresistentem Reizhusten und Bronchitis. Die im Spitzwegerich enthaltene Kieselsäure festigt das Lungengewebe. In mehreren Studien konnten für die Wirkstoffe Aucubin und Acteosid eine schützende Wirkung auf die Leber nachgewiesen werden. Die Iridoidglykoside zeigen ausserdem eine krampflösende, antivirale und immunstimulierende Wirkung. Für Spitzwegerich-Anwendungen sind keine unerwünschten Nebenwirkungen bekannt. Seine Heilwirkung kann man sich mit folgendem Reim einprägen: «Schmerzen, Husten und Bakterien schickt der Spitzwegerich in die Ferien.»

 


Yves Scherer

Yves Scherer ist Herbalist, diplomierter Naturheilpraktiker und visueller Gestalter. Er unterrichtet Phytotherapie an verschiedenen Fachschulen und bietet eine eigene Ausbildung in Pflanzenheilkunde und Kräuterwanderungen an:

www.medizingarten.ch

www.medizinwald.ch

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