Die Weide kühlt Fieber und Schmerzen
«Wo eine Krankheit entsteht, wächst auch ihr Heilmittel.» Diese alte Erkenntnis der Volksheilkunde gilt ganz besonders für die Weide.
Yves Scherer

Eine meiner denkwürdigsten Begegnungen mit einer Pflanze erlebte ich während einer depressiven Phase. Mehrere herausfordernde Ereignisse hatten sich über Monate zu einem emotionalen Tief verdichtet, das meinen Horizont verdunkelte. Um wieder Licht in mein Leben hereinzulassen, nahm ich an einer Serie von Heilungsritualen teil. Ich war schon tief in die Thematik meiner Depression vorgedrungen, als ich nach einer durchwachten Ritualnacht ins Freie trat, um mich an der frischen Luft zu erholen. Den Blick auf den Boden gerichtet spazierte ich gedankenversunken durch den taufeuchten Morgen, bis ich vor einem Baum stehen blieb. Lange dünne Äste hingen wie ein Vorhang vom Baum herab. Der Anblick der hängenden Äste entsprach genau meiner Gefühlslage. Ich stand vor einer Trauerweide.
Ich spürte die Anstrengung der vergangenen Nacht in meinen Knochen und betrachtete mit einer tiefen Trauer im Herzen diesen Baum, der wie ein Spiegelbild meiner seelischen Verfassung vor mir stand. Ein leichter Wind kam auf und bewegte sanft die herabhängenden Äste, die beinahe den Boden berührten. Ich begann, über den Namen Trauerweide nachzudenken: Der Baum spürt den Wind, seine elastischen Äste werden von jedem Luftzug hin und her gewiegt. «Eigentlich bist du nicht der Baum der Trauer, sondern der Baum des Mitgefühls», flüsterte ich der Weide zu. Und ich spürte, dass ich damit auch mich selbst meinte. Mitgefühl mit mir selbst zu haben schien mir viel verträglicher, als in einer Depression zu versinken. Und ich sagte zu mir selbst: «Mein innerster Kern darf in einer Krise keinen Schaden nehmen. Ich will fest sein wie ein Baum.» Ein Schauer der Erleichterung durchfuhr mich bei dieser Erkenntnis und im selben Moment erfasste ein starker Windstoss die Äste der Weide. Mit voller Wucht traf mich ein Ast im Gesicht. Der brennende Schmerz des Schlages war wie eine Bestätigung meiner Gedanken. Ich umarmte den Stamm der Weide und übergab dem Baum meine Trauer. Nach dieser denkwürdigen Begegnung mit der Weide hatte meine Depression ihre Schwere verloren. Emotionen nahm ich fortan als Windstösse wahr, die mein Herz bewegten. Und dem Wind bin ich nicht schutzlos ausgeliefert, er zieht immer vorbei.

Weiden mögen es feucht
Der Begriff Weide entwickelte sich aus dem indogermanischen Wortstamm *uei für «biegen, winden, flechten» (Storl). Mit Weidenruten wurden nicht nur Körbe geflochten, sie wurden auch für den Hausbau benutzt. Die alteuropäischen Völker errichteten Wände aus Weideruten-Flechtwerk, das sie mit Lehm verschmierten. Der Gattungsname Salix ist keltischen Ursprungs und bedeutet «nahe am Wasser». Weiden sind tatsächlich eng mit dem Element Wasser verbunden. Sie wachsen gerne an Bachufern, in Auen und Sumpflandschaften. In Überschwemmungsgebieten können sie bis zu einem Jahr im Wasser stehen, ohne Schaden zu nehmen.
Die Weide blüht wie die Hasel sehr früh im Jahr und bietet den Bienenvölkern wertvollen Pollen, wenn deren Futtervorräte gegen Ende des Winters zur Neige gehen. Von der Gattung der Weiden (Salix) gibt es in Mitteleuropa viele verschiedene Arten, die oft schwierig zu unterscheiden sind. Werden die Sträucher nicht zurückgeschnitten, können sie sich zu hohen Bäumen entwickeln und einen Stammdurchmesser von über einem Meter erreichen. Für heilkundliche Anwendungen spielt die Schwierigkeit der Bestimmung keine grosse Rolle, da wir alle Arten gleichermassen nutzen können.

Bei Fieber und Schmerzen
Das alte Sprichwort «ubi morbus ibi remedium» besagt, dass am Ort, wo eine Krankheit entsteht, auch ein geeignetes Heilmittel wächst. Auf einem Spaziergang durch kühle, feuchte Niederungen holt man sich schnell einmal eine Erkältung oder die rheumatischen Gelenke machen sich schmerzhaft bemerkbar. Die Rinde der jungen, biegsamen Äste der Weide schafft hier Abhilfe. Weidenrindentee kühlt das Fieber und lindert Schmerzen. Ausserdem wirkt er schweisstreibend, wassertreibend, entzündungshemmend und antioxidativ.
Zahlreiche Studien über die medizinische Wirkung der Weide untersuchten den vermeintlichen Hauptwirkstoff Salicin bzw. Salicylsäure, der als Vorbild für die Entwicklung des Aspirins gedient hat und in synthetisierter Form als Acetylsalicylsäure in zahlreichen Schmerz- und Fiebermitteln enthalten ist. Die umfassende Wirkung der Weide beruht jedoch auf der Gesamtheit ihrer Wirkstoffe, bestehend aus Salicylalkoholderivaten, Flavonoiden, Proanthozyanidinen, Kaffeesäure, Harzen, Oxalaten und Gerbstoffen. Weidenrindentee und -tinktur können bei fiebrigen Erkältungskrankheiten, Grippe, chronischen Kopfschmerzen, Gelenk- und Muskelschmerzen, Gicht und arthritischen Beschwerden Linderung verschaffen.
Ob und in welchem Ausmass Weidenrinden-Anwendungen blutverdünnend bzw. gerinnungshemmend wirken, darüber gibt es widersprüchliche Aussagen. Gesichert ist, dass Weidenrinden-Anwendungen nicht mit acetylsalicylsäurehaltigen Medikamenten gleichgesetzt werden können. Nach heutigem Wissensstand eignet sich Weidenrinde nicht zur Herzinfarkt-Prophylaxe.
Gut für die Haut
Äusserliche Anwendungen wie Bäder oder Umschläge mit Weidenrindentee oder verdünnter Tinktur beruhigen die Haut, schützen vor Austrocknung, lösen Hornhaut auf und reduzieren die zu hohe Fettproduktion der Talgdrüsen bei Akne. Die in der Weidenrinde enthaltenen Salicylate pflegen den Säureschutzmantel der Haut, was sie widerstandsfähiger macht. Neueren Studien zufolge unterstützen Weidenextrakte auch die Neubildung von verletztem Nervengewebe.
Weidenrinde sammeln
Wenn im Frühling die Sträucher und Bäume im Saft stehen, lässt sich die Weidenrinde am besten ernten. Dazu schneidet man von verschiedenen Weiden ein paar junge, zwei- bis dreijährige Äste und schält dann die Rinde ab. Zusätzlich sammelt man noch einige Triebspitzen der ganz jungen Zweige. Die Rinde wird kleingeschnitten und zusammen mit den Triebspitzen am Schatten getrocknet. Das Sammelgut bewahrt man in einer Papiertüte oder Kartonschachtel auf und ersetzt es nach einem Jahr, wenn die Wirkstoffkonzentration nachlässt.

Die Weidenrinde anwenden
Weidenrindentee bei Fieber, Gliederschmerzen und Rheuma
2–3 EL kleingeschnittene, frische oder getrocknete Rinde und Triebspitzen mit 1 Liter kaltem Wasser ansetzen, kurz aufkochen und 5–10 Min. ziehen lassen. 3–5 Tassen täglich über den Tag verteilt trinken. Um den bitteren Geschmack des Tees abzuschwächen, kann er mit Holunderblüten, Lindenblüten oder Thymian gemischt werden. Die schmerzlindernde Wirkung tritt erst nach 2–3 Stunden ein, hält dann aber ca. 12 Stunden lang an. Da der Tee nebenwirkungsfrei ist, eignet er sich zur Langzeitanwendung. Wegen des verzögerten Wirkungseintritts ist Weidenrindentee nicht geeignet zur Behandlung akuter Kopfschmerzen. Dafür eignet sich eher Pfefferminztee.
Wann ist Vorsicht geboten?
Weidenrindentee und -tinktur sind in der Regel gut verträglich. Personen mit empfindlichem Magen sollten den Weidenrindentee nach dem Essen trinken, da die Gerbstoffe den nüchternen Magen reizen können. Patient*innen, die blutverdünnende Medikamente einnehmen, sollten auf salicinhaltige Heilpflanzen wie Weide und Frauenmantel verzichten. Schwangere, Stillende und Kleinkinder sollten Weidenrindentee und -tinktur nicht einnehmen.
Yves Scherer ist Herbalist, diplomierter Naturheilpraktiker und visueller Gestalter. Er unterrichtet Phytotherapie an verschiedenen Fachschulen und bietet eine eigene Ausbildung in Pflanzenheilkunde und Kräuterwanderungen an: www.medizingarten.ch www.medizinwald.ch
