Die Medizin der Urpflanze

Der Acker-Schachtelhalm ist ein lebendes Fossil.
Das spröde Kraut aus der Urzeit tut Haut, Knochen und Nieren gut.

Yves Scherer

Vor mehr als 300 Millionen Jahren dominierten Schachtelhalme die Sumpflandschaften und Urzeitwälder des Karbon-Zeitalters. Manche Arten wurden über 30 Meter hoch. Damals gab es noch keine Blütenpflanzen, keine Säugetiere und auch die Ära der Dinosaurier war noch nicht angebrochen. Die Dinosaurier sind wieder verschwunden, doch der Schachtelhalm ist geblieben. Und er erweist sich als reichhaltige, vielfältig verwendbare Heilpflanze.

Der Acker-Schachtelhalm ist eine ausdauernde krautige Pflanze, die in allen Ländern Europas zu finden ist. Am Rand von Kieswegen und auf Brachen findet man ihn recht häufig. Seine weit verzweigten Wurzeln reichen bis zu zwei Meter tief in den Boden hinein, wo kein Spaten und kein Pflug sie erreichen können. Von März bis Anfang Mai erscheinen die blass-braunen, bis zu 20 cm hohen Frühjahrstriebe der Schachtelhalme, deren Ähren Sporen tragen. Sobald die Sporen reif sind, rieselt der blaugrüne Sporenstaub zu Boden und bildet winzig kleine, moosähnliche männliche und weibliche Vorkeime. Erst durch die Befruchtung des weiblichen Vorkeims entsteht als Sommertrieb die eigentliche Schachtelhalmpflanze. Der sterile Sommertrieb bildet keine eigentlichen Blätter aus, sondern trägt quirlig angeordnete, dünne Ästchen. Seine Gestalt erinnert an ein kleines Tannenbäumchen. Die Pflanze wird bis zu 50 cm hoch.

Am jungen Spross des Sommertriebes ist gut zu erkennen, wie der Schachtelhalm zu seinem Namen kam. Der Stängel ist nämlich aus Segmenten aufgebaut, die ineinander verschachtelt sind. Die lateinische Bezeichnung Equisetum arvense bedeutet Acker-Pferdeschwanz. Volkstümliche Namen sind Katzenschwanz, Schafthalm, Hermoos und Tannenwedel. Die Bezeichnungen Scheuergras und Zinnkraut entstanden, weil man früher mit dem zu Knäueln zusammengepressten Kraut Kochtöpfe, Zinnbecher, Tafelsilber und Holzoberflächen gereinigt hat.

 

In der Schweiz sind etwa zehn verschiedene Schachtelhalm-Arten einheimisch, die alle volksheilkundlich verwendet wurden. Ihr Wirkspektrum ist nahezu identisch. Einzig der Sumpf-Schachtelhalm sollte nicht eingenommen werden, denn es ist bis heute unklar, ob er für den Menschen giftig ist oder nicht. In der modernen Phytotherapie wird vorwiegend der Acker-Schachtelhalm gebraucht.

 

«Wer Acker-Schachtelhalm sammelt, sollte ihn sicher vom ähnlichen Sumpf-Schachtelhalm unterscheiden können.»

 

Sommertriebe des Acker-Schachtelhalms.

 

Sichere Bestimmung des Acker-Schachtelhalms

Wer die Pflanze selbst sammeln will, sollte sie vom sehr ähnlich aussehenden und möglicherweise leicht giftigen Sumpf-Schachtelhalm unterscheiden können. Hierzu vergleicht man die Länge der Segmentscheiden am Stängel mit der Länge des ersten Segments eines Ästchens. Zur genaueren Beobachtung kann man den Stängel aus der Scheide herausziehen und die Ästchen von ihrem ersten Segment losreissen. Beim Acker-Schachtelhalm ist die Stängelscheide kürzer als das erste Segment der Ästchen, beim Sumpf-Schachtelhalm ist es umgekehrt. Als Merkhilfe dient der Spruch: «Im Sumpf trägt man hohe Stiefel.» Wer es einfacher mag, kauft sich das Kraut im Reformhaus oder in der Drogerie.

Der verschachtelte Stängel eines aufschiessenden Sommertriebes.

Bestimmungsmerkmal des Acker-Schachtelhalms: Bricht man die Ästchen am Übergang vom ersten zum zweiten Segment ab, sind die am Stängel verbleibenden ersten Segmente länger als die Stängelscheiden.

 

Inhaltsstoffe und Heilwirkung

Im spröden Kraut der Schachtelhalme ist viel Kieselsäure enthalten. Kieselsäure reinigt und festigt das Bindegewebe. Anscheinend unterstützt das organische Silizium die Rekalzifizierung von Knochengewebe. Es stärkt Knochen, Zähne, Nägel, Sehnen und Gelenkkapseln. Besonders für ältere Menschen eignet sich der regelmässige Genuss einer Schachtelhalm-Abkochung oder eines Schachtelhalm-Tees als vorbeugende Massnahme gegen degenerative Gelenkerkrankungen und Knochenschwund. Schachtelhalm festigt auch das Lungengewebe und stärkt durch die Vermehrung der weissen Blutkörperchen die Immunabwehr, weswegen er sich gut zur Begleitbehandlung der Lungentuberkulose eignet. Neben organischem Silizium sind reichlich Mineralien und Spurenelemente vorhanden, darunter Kalzium, Kalium- und Aluminiumchlorid, Eisenoxid, Magnesium, Zink und Mangan. Wegen des hohen Gehalts an Selen wird vermutet, dass Acker-Schachtelhalm als Therapeutikum bei Selenmangel eingesetzt werden kann. Saponine sorgen für eine vermehrte Harnausscheidung und lösen festsitzenden Schleim, Flavonoide stärken die Blutgefässe und agieren als Antioxidantien, die Vitamine C und E wirken ebenfalls antioxidativ und dämmen chronische Entzündungen ein.

Sebastian Kneipp benutzte den Schachtelhalm zur Behandlung von Blasen- und Nierenerkrankungen. Zur Stärkung der ableitenden Harnwege, bei Steinleiden, Blasen- und Nierenentzündung, Reizblase und Harnverhalten sei die Pflanze «einzig, unersetzbar und unschätzbar». Eine Teekur mit gleichzeitiger Anwendung von Sitzbädern lindert Schmerzen, wirkt entzündungshemmend und wassertreibend (aquaretisch). Pflanzliche Aquaretika wie der Schachtelhalm eignen sich auch zur Behandlung von Ödemen. Sie können gefahrlos verwendet werden, solange schwerwiegende Herz- und Nierenerkrankungen als Ursache ausgeschlossen sind.

Für äusserliche Anwendungen wie Spülungen, Bäder, Kompressen oder zur Herstellung von Salben haben sich alle Schachtelhalm-Arten bewährt. Mit ihrer gewebefestigenden, entzündungshemmenden und juckreizlindernden Wirkung sind die Urpflanzen bestens geeignet zur Behandlung von Hautkrankheiten, Bindegewebeschwäche, Durchblutungsstörungen, Venenschwäche, Haarausfall, brüchigen Nägeln, zur Blutstillung und Wundheilung. Das breite Wirkspektrum des Acker-Schachtelhalms ist ein gutes Beispiel für die Multi-Target-Wirkung von Heilpflanzen. Eine Vielzahl sekundärer Pflanzenstoffe initiiert und unterstützt Heilungsprozesse und wirkt besonders da, wo ihre Unterstützung gerade gebraucht wird. Für den Acker-Schachtelhalm wurden bisher keine Neben- oder Wechselwirkungen beschrieben. Bei schwerwiegenden Herz- oder Nierenerkrankungen sollte vor der Einnahme mit der behandelnden medizinischen Fachperson Rücksprache genommen werden.

Auch für die Wildkräuterküche ist der Acker-Schachtelhalm interessant. Die jungen Frühjahrstriebe sind gebraten oder gekocht ein schmackhaftes Wildgemüse. Besonders in Russland und Japan wird der Schachtelhalm bis heute in der Küche verwendet.

 

«Acker-Schachtelhalm vereint uralte Heilkraft und kulinarischen Wert in einer einzigen Pflanze.»

 

Wickel mit Acker-Schachtelhalm (siehe Anwendungstipps).

Acker-Schachtelhalm-Tee unterstützt die Gesundheit von Knochen und Gelenken.

 

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Drachenmedizin aus der Urzeit – Marianne Ruoff

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