Die Heilkräfte der Wildrose

Zart und wehrhaft zugleich – die wilde Rose vereinigt ihre vergängliche Schönheit mit starken Heilkräften.

Yves Scherer

Nachbarschafts-Apéro im Spätherbst. Wir sassen gemütlich draussen um ein Feuer und quatschten angeregt über Gott und die Welt. Als jemand bemerkte, dass die Kinder nicht mehr bei der Gruppe waren, hörten wir fröhliches Gekicher im Garten. Die Kinder hatten einen Stuhl unter die Wildrose gestellt, die weit ausladend am Zaun emporwächst. Auf Zehenspitzen pflückten sie die reifen Hagebutten vom Strauch und steckten sie sich in den Mund. Die kleinen, harten Kerne spuckten sie in weitem Bogen ins Gebüsch.

Während der Blüte im Mai und Juni schmücken Wildrosen die Waldränder und Hecken mit leuchtenden Farbtupfern in zartem Rosa. Die Hundsrose, Heckenrose oder Hagrose ist die mit Abstand häufigste einheimische Wildrose. Der Strauch wird bis zu drei Meter hoch und trägt die für Rosengewächse typische Blüte mit fünf Kronblättern. Weltweit gibt es 150 bis 200 Wildrosenarten. Die bekannteste und artenreichste Untergruppe Caninae zeichnet sich aus durch gebogene Stacheln und unpaarig gefiederte Blätter. Nach der Befruchtung der Blüten entwickeln sich glänzend rote Früchte, die Hagebutten.

Seit der Antike wird die Hundsrose als Heilpflanze geschätzt. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere und der griechische Arzt Dioskurides schrieben, die Wurzel eigne sich unter anderem zur Behandlung von Hundebissen. Diese Anwendung, die noch im Mittelalter allgemein bekannt war, hat der Pflanze vermutlich ihren Namen eingebracht. Sowohl die lateinische Bezeichnung Rosa canina wie auch der griechische Name kynosbatos sind gleichbedeutend mit «Hundsrose».

Eine andere Deutung sieht «Hund» im abwertenden Sinne von «gewöhnlich» oder «minderwertig». Die Hundsrose wäre demnach die gewöhnliche, wilde Rose – im Gegensatz zu den edlen Kulturformen. Die im gesamten deutschsprachigen Raum gebräuchliche Bezeichnung «Hagebutte » bedeutet «Frucht des Dorngebüschs» oder «Heckenfässchen ».

Die Symbolik der Hundsrose

In der Antike stand die Hundsrose vor allem im Zeichen der Heilung und des Schutzes. Die Verbindung zur Tollwutbehandlung gab ihr einen fast magischen Status als Pflanze, die zwischen Leben und Tod vermitteln konnte. Dornige Hecken aus Hundsrosen und Weissdorn boten sicheren Schutz vor irdischen und überirdischen Gefahren. Im Mittelalter wurden die zarten Blüten mit der Reinheit und Anmut Marias in Verbindung gebracht, die Dornen mit dem Leiden Christi. Wer sich zum Schlafen unter einen Rosenstrauch legte, mochte prophetische Träume haben. Die Wildrose findet sich in zahlreichen Wappen, etwa in England, wo die rot-weisse «Tudor-Rose» als Zeichen der Vereinigung der Häuser Lancaster und York das Königshaus symbolisiert. Die wilde Rose steht aber vor allem für die vergängliche Schönheit, denn ihre Blüten überdauern nur wenige Tage.

Viel Gutes aus der Hagebutte

Hagebutten enthalten bis zu 20-mal mehr Vitamin C als Zitronen. Vitamin C wirkt stark antioxidativ, beugt chronischen Entzündungen vor, unterstützt die Aufnahme von Eisen aus der Nahrung, den Abbau von Cholesterin und die Elimination von körperfremden Substanzen wie Medikamentenrückständen, Pestiziden und Schwermetallen. Ausserdem fördert es auf vielfältige Weise die Abwehrkräfte bei einem Infekt und schützt vor DNA-Schäden.

Das Fruchtfleisch und die Samen sind reich an Mineralien, Vitaminen, Flavonoiden, Carotinoiden, ätherischen Ölen, Fruchtsäuren, Gerbstoffen und Galaktolipiden (GOPO). Hagebutten wirken abwehrstärkend, antioxidativ, entzündungshemmend, gastroprotektiv und schmerzlindernd. Hagebuttentee und Hagebuttenmus unterstützen die körpereigenen Abwehrkräfte bei Erkältungskrankheiten.

Mehrere skandinavische Studien konnten zeigen, dass die Einnahme eines standardisierten Pulvers aus Hagebuttenschalen und -kernen die schmerzhaften Symptome von Knie- und Hüftarthrose und entzündlichem Rheuma lindert. Die Dosierung von Schmerzmitteln konnte während der Behandlung deutlich gesenkt werden. Eine Kur mit Hagebuttenpulver kann bei allen schmerzhaften rheumatoiden Erkrankungen und chronischen Schmerzen des Bewegungsapparates probiert werden. Die volle Wirkung stellt sich erst nach vier bis sechs Wochen ein. Die Kur sollte deshalb mehrere Monate dauern.

Am Tag nach dem Nachbarschafts-Apéro stellte ich eine Leiter neben den Wildrosenstrauch, schnallte mir eine «Chratte» um und füllte sie mit leckeren, heilsamen Hagebutten. Im Frühling zupfe ich die Blüten vom Strauch und geniesse sie als Tee.

Anwendungen

Hagebutten sammeln

Hagebutten sollte man erst nach dem ersten Frost ernten. Der Frost bewirkt, dass die Früchte weich, süss und aromatisch werden. Das Fruchtfleisch lässt sich dann leichter verarbeiten oder direkt essen. Die gesammelten Früchte mit einem Messer halbieren. Oft wird darauf hingewiesen, dass die feinen Härchen im Inneren der Frucht entfernt werden sollen, weil sie die Mundschleimhaut reizen können. Das klingt einfach, ist jedoch äusserst aufwendig und meines Erachtens auch nicht nötig. Am besten probieren Sie selbst aus, ob Sie die Härchen gut vertragen oder nicht. Das Sammelgut auf einem Tuch auslegen oder im Ofen oder Dörrex bei max. 40 °C trocknen. In einer Papiertüte oder Kartonschachtel können die Hagebutten bis zu einem Jahr gelagert werden. 

Hagebuttentee bei Erkältung

2–3 Esslöffel frische oder getrocknete Hagebutten (mit Kernen) zerkleinern, über Nacht in 1 Liter Wasser einweichen, kurz aufkochen und 30 Minuten ziehen lassen, evtl. mit Honig süssen. 3–4 Tassen täglich trinken.

Rosenblütentee

Ein Esslöffel getrocknete Blütenblätter mit 0,5 l heissem Wasser übergiessen, fünf Minuten ziehen lassen. Hagebuttenmus Ganze, frische Hagebutten in einem Kochtopf mit Wasser bedecken und köcheln lassen bis die Früchte weich sind. Anschliessend im Passevite passieren. Die Masse durch ein feinmaschiges Sieb oder Tuch streichen, um die letzten Kerne zu entfernen. Heiss in Gläser gefüllt ist es ca. fünf Wochen haltbar. Eingeweckt verlängert sich die Haltbarkeit auf bis zu zwei Jahre. Das fertige Hagebuttenmus am besten pur geniessen oder mit Zucker zu Konfitüre einkochen.

Wildrosenwasser zur Hautpflege

Eine Handvoll frische oder getrocknete Blütenblätter für ein bis zwei Stunden in lauwarmes Wasser einlegen, abgiessen und am selben Tag als Waschung benutzen. Das Rosenwasser pflegt fettige und unreine Haut dank seiner adstringierenden und leicht entzündungshemmenden Wirkung.

 


Beispielbild

Yves Scherer

Yves Scherer ist Herbalist, diplomierter Naturheilpraktiker und visueller Gestalter. Er unterrichtet Phytotherapie an verschiedenen Fachschulen und bietet eine eigene Ausbildung in Pflanzenheilkunde und Kräuterwanderungen an: www.medizingarten.ch www.medizinwald.ch 

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