Die beruhigende Ranke

Der Hopfen wirkt ausgleichend auf die Nerven und unterstützt die Verdauung. In der Frauenheilkunde werden seine pflanzlichen Hormone geschätzt.

Yves Scherer

Der Sommer war heiss und die Böden zeitweise sehr trocken. Um künftig mehr Schatten in den Garten zu bekommen, baue ich einen Pavillon, unter dem BesucherInnen Schutz vor der Sonne finden. Als Bepflanzung dachte ich zuerst an Efeu. Doch der Efeu wird mit den Jahren zu schwer für das Gitter. Also wähle ich Hopfen. Die mehrjährige Pflanze wird sich jedes Jahr neu am Gitter emporranken, und zur Erntezeit können die herabhängenden Hopfenzapfen bequem vom Weg aus geerntet werden. Was vielen nur als Bierzutat bekannt ist, war über Jahrhunderte eine geschätzte Heilpflanze für die Nerven und einen erholsamen Schlaf.


Der kleine Wolf

Der Hopfen (Humulus lupulus) gehört zur Familie der Hanfgewächse (Cannabaceae). Aus dem ausdauernden Wurzelstock spriessen im März und April bis zu sechs Meter lange Triebe, die sich an einer Stütze in die Höhe winden. Die gegenständigen Blätter erinnern an Weinblätter. Hopfen ist zweihäusig: Männliche und weibliche Blüten finden sich auf verschiedenen Pflanzen. Die Wildform des Hopfens wächst gerne an stickstoffreichen, eher feuchten Standorten: an Bachläufen, in Auwäldern, Waldrändern und in Gebüschen. Für die Heilkunde und das Bierbrauen werden ausschliesslich die weiblichen Blütenstände aus kultiviertem Hopfen genutzt, die sogenannten Hopfenzapfen.

Der Name «Hopfen» könnte vom angelsächsischen «hoppan» herrühren, was so viel bedeutet wie «hinüberhüpfen» oder «über Zäune klettern». Die wissenschaftliche Bezeichnung Humulus lupulus hat der schwedische Naturforscher Carl von Linné eingeführt. Humulus ist wohl ein altslawisches Wort für Hopfen. Der zweite Teil des wissenschaftlichen Namens, das Epitheton lupulus, bedeutet «kleiner Wolf». Diese Bezeichnung geht auf den römischen Gelehrten Plinius den Älteren zurück. Plinius meinte, der Hopfen schleiche sich in einen Strauch wie der Wolf in eine Schafherde.




Sanfte Medizin für die Nerven

Seiner Heilkräfte wegen wurde der Hopfen seit dem frühen Mittelalter in Klostergärten gezogen. Erst ab dem 11. Jahrhundert hat man ihn auch als Bierwürze genutzt. Wenn Hopfenzapfen in Getränke gemischt werden, verlängert sich deren Haltbarkeit. Die konservierende Wirkung des Hopfens beschrieb Hildegard von Bingen mit dem Ausspruch: «putredines prohibet in amaritudine sua» – «seine Bitterkeit verhindert die Fäulnis». Zur beruhigenden Wirkung hat sich Hildegard nicht geäussert. Überhaupt scheint die heilige Äbtissin keine gute Meinung vom Hopfen gehabt zu haben. In ihrem medizinischen Hauptwerk «Physica» schreibt sie: «Hopfen ist dem Menschen zum Gebrauch nicht sehr nützlich, weil er die Melancholie in ihm wachsen lässt, den Sinn traurig macht und die Eingeweide beschwert.»

Dennoch gilt der Hopfen in der Naturheilkunde seit langem als sehr zuverlässiges Beruhigungsmittel mit schlaffördernder Wirkung. Das komplexe Vielstoffgemisch aus ätherischen Ölen, Harzen, Flavonoiden, Bitterstoffen und Gerbstoffen wirkt ausgleichend auf die Nerven und mild sedierend. Hopfentee und Hopfentinktur bieten sich an bei nervöser Unruhe, innerer Anspannung und Einschlafstörungen. Hopfen erleichtert das Einschlafen und verbessert die Schlafqualität. Auch das traditionelle Hopfenkissen, mit getrockneten Zapfen gefüllt, kann das Einschlafen erleichtern. Die Wirkung des Hopfens verstärkt sich beim Trocknungsprozess. Für Teemischungen und Tinkturen empfiehlt es sich daher, getrocknete Hopfenzapfen zu verwenden.

Im Gegensatz zu synthetischen Schlafmitteln machen Naturheilmittel wie der Hopfen nicht abhängig. Jede Pflanze bietet uns dank ihrer harmonisch aufgebauten, komplexen Biochemie ein breites Wirkspektrum. Weil pflanzliche Ernährung und Medizin unsere Evolution seit Anbeginn begleitet haben, vertragen wir diese auch gut. In keinem Labor der Welt kann die geniale Vielschichtigkeit von pflanzlichen Vielstoffgemischen auch nur annähernd nachempfunden werden.



Pflanzenhormone für die Frau

Hopfen enthält pflanzliche Östrogene in hoher Konzentration. Diese Substanzen können sich an Östrogenrezeptoren im Körper binden und dort eine ausgleichende Wirkung entfalten. In der Frauenheilkunde wird Hopfen deshalb bei Beschwerden eingesetzt, die mit hormonellen Schwankungen zusammenhängen, beispielsweise bei prämenstruellen Spannungszuständen, unregelmässigem Zyklus und unerfülltem Kinderwunsch. Ausserdem können Hopfenanwendungen die Milchbildung hemmen und das Abstillen erleichtern. Bei typischen Wechseljahrbeschwerden wie Hitzewallungen, Schweissausbrüchen und Schlafstörungen wirkt der Hopfen regulierend. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Hopfenextrakte die Häufigkeit und Intensität von Hitzewallungen in den Wechseljahren spürbar reduzieren können. Sowohl auf das Nervensystem wie auch auf den Hormonhaushalt zeigt Hopfen eine ausgleichende Wirkung. Das macht die Pflanze zu einer wertvollen Begleitung während der natürlichen hormonellen Umstellung der Frau, da Schlafstörungen und innere Unruhe hier häufig gemeinsam auftreten.


Bitterstoffe fördern die Verdauung

Die Bitterstoffe des Hopfens entfalten nicht nur eine beruhigende, sondern auch eine verdauungsfördernde Wirkung. Wie alle Bitterstoffpflanzen regt Hopfen über die Bitterrezeptoren auf der Zunge den Speichelfluss sowie die Produktion von Magensaft, Gallenflüssigkeit und Verdauungsenzymen an. Das macht ihn zu einem nützlichen Verdauungshelfer bei Appetitlosigkeit, Blähungen und einem trägen Magen. Bei leichten Magen-Darm-Beschwerden wirkt Hopfen antimikrobiell und entzündungshemmend.



Hopfen ernten und trocknen

Die Hopfenzapfen werden im Spätsommer, meist von August bis September, geerntet, wenn sie beim Zerreiben intensiv aromatisch duften. Am besten werden die Zapfen von Hand gepflückt und anschliessend am Schatten auf einem sauberen Tuch getrocknet. In einer Papiertüte oder Kartonschachtel aufbewahrt, halten sich die Zapfen etwa ein Jahr.


«Hopfen wirkt beruhigend, hormonell ausgleichend und verdauungsfördernd.»

 

Hopfen als Gemüse

Wenn im Frühling der Wurzelstock auszutreiben beginnt, können die zarten, biegsamen Sprossen geerntet werden. Sie können gedämpft, in Salzwasser gekocht oder in Olivenöl oder Butter angebraten werden. Eine wahre Spezialität ist der Hopfenspargel. Hierbei werden die weissen, frisch ausgetriebenen Sprösslinge ausgegraben, bevor sie aus der Erde brechen. Dem Genuss junger Hopfentriebe wird eine fruchtbarkeitsfördernde Wirkung nachgesagt. Wenn im nächsten Sommer unser Hopfen-Pavillon willkommenen Schatten spendet, freue ich mich ganz besonders auf die Ernte der reifen Hopfenzapfen. Ihr würziges Aroma ist einmalig und bereits das Pflücken wirkt beruhigend auf die Nerven.

 

Anwendungen

Hopfentee bei Unruhe und Einschlafstörungen

4–6 Hopfenzapfen pro Tasse mit heissem Wasser übergiessen, 2–3 Minuten ziehen lassen, abseihen. 1 Tasse etwa eine halbe Stunde vor dem Schlafengehen trinken. Hopfen lässt sich gut kombinieren mit Baldrianwurzel, Melissenblättern oder Lavendelblüten.

Teemischung bei Wechseljahrbeschwerden

Hopfen, Frauenmantelkraut, Melisse, Rotkleeblüten, Salbei- und Walnussblätter zu gleichen Teilen mischen. Zubereitung wie oben.

Hopfenkissen

Getrocknete Hopfenzapfen lose oder zusammen mit Lavendelblüten in ein kleines Stoffsäckchen füllen und neben das Kopfkissen legen. Durch die Körperwärme und leichte Bewegung im Schlaf werden die ätherischen Öle nach und nach freigesetzt. Das Kissen sollte nach zwei bis drei Monaten frisch befüllt werden, da sonst die Wirkung nachlässt.

Wann ist Vorsicht geboten?

Wegen seiner östrogenähnlichen Wirkung sollte Hopfen bei hormonabhängigen Erkrankungen wie Brust- oder Gebärmutterkrebs sowie während der Schwangerschaft und Stillzeit nur nach Rücksprache mit einer Fachperson angewendet werden.

Da Hopfen leicht sedierend wirkt, ist beim gleichzeitigen Konsum von Alkohol oder Beruhigungsmitteln sowie vor dem Lenken eines Fahrzeugs Vorsicht geboten.

 


Yves Scherer

Yves Scherer ist Herbalist, diplomierter Naturheilpraktiker und visueller Gestalter. Er unterrichtet Phytotherapie an verschiedenen Fachschulen und bietet eine eigene Ausbildung in Pflanzenheilkunde und Kräuterwanderungen an:

www.medizingarten.ch

www.medizinwald.ch

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