Zwischen Mangel und Überfluss

Der menschliche Körper ist ein komplexes System, das unsere Existenz begründet. Unsere Ernährung ist dabei ein wichtiger Faktor, der dazu beiträgt, dieses System am Laufen zu halten. Eine ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen ist dabei entscheidend. Wie das gelingt, zeigen wir Ihnen auf diesen Seiten.

 Maximilian Geiger

Die Ernährung ist ein zentrales Element der gesamtheitlichen Perspektive auf ein gesundes Leben. Besonders wichtig ist es, die richtige Menge an lebenswichtigen Nährstoffen über die Ernährung aufzunehmen. Doch reichen die Nährstoffe in unseren Lebensmitteln für eine ausreichende Versorgung?


Verschiedene Arten von Nährstoffen 

Unterschieden wird zwischen energieliefernden und nicht-energieliefernden Nährstoffen – Makro- und Mikronährstoffen. Zur ersten Gruppe zählen beispielsweise Kohlenhydrate, zur zweiten etwa Vitamin C und Wasser. Besonders wichtige Nährstoffe sind beispielsweise Zink, Jod und Eisen, die als Spurenelemente bzw. Mineralstoffe gelten. Manche können vom Körper gespeichert werden. Ein Zuviel an energieliefernden Nährstoffen kann zu einer ungünstigen Energiebilanz und einer Zunahme an Körperfett führen.

Der Körper ist auf ein vollständiges Spektrum an Nährstoffen angewiesen. Wenn nur ein Nährstoff unzureichend vorhanden ist, können bereits Symptome wie Müdigkeit oder Immunschwäche auftreten, mittel- bis langfristig Erkrankungen oder Fehlfunktionen die Folge sein, wie Christine Brombach, Ernährungswissenschaftlerin an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW), erklärt. Omega-3-Fettsäuren beispielsweise sind im Kleinkindalter bedeutend für die Hirnentwicklung. So sollten wir möglichst regelmässig ein ganzes Bündel an Nährstoffen zu uns nehmen.


Wenn Nährstoffe fehlen

Betrachtet man Nährstoffmangel genauer, werden bestimmte Muster ersichtlich. So kommt beispielsweise Eisenmangel häufig bei Frauen, bei sich vegan ernährenden Menschen, die keine Supplemente nehmen, wie auch bei hochbetagten Menschen vor. In der Schwangerschaft besteht ein erhöhter Bedarf an Omega-3- und Folsäure sowie Eisen, die durch die Nahrung aufgenommen werden müssen, um einen Mangel beim Fötus zu verhindern. Sportler*innen haben einen erhöhten Eiweissbedarf. Bei sich streng vegan ernährenden Sportler*innen muss auf eine gute Auswahl und Kombination pflanzlicher Eiweisse geachtet werden. Mangelerscheinungen können auch Ergebnis von fehlenden Enzymen, Krankheiten oder Medikamenten sein, so Brombach. Ein Beispiel hierfür ist die Laktoseunverträglichkeit, bei der aufgrund fehlender Enzyme Milchzucker nur unvollständig verdaut werden kann und Kalzium oder bestimmte Vitamine unzureichend in der Nahrung vorhanden sind.


Nahrungsergänzungsmittel – 
eine sinnvolle Lösung?

In der Schweiz gibt es keine generelle Unterversorgung mit Nährstoffen, weil für die Allgemeinbevölkerung Makro- und Mikronährstoffe im Angebot von Lebensmitteln grundsätzlich ausreichend enthalten sind, wie Brombach erklärt. Ernährt man sich ausgewogen und abwechslungsreich, braucht es für gewöhnlich keine Nahrungsergänzungsmittel (NEM), wie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) festhält. Neben einer ausgewogenen Ernährung sind auch die Verarbeitungs- und Zubereitungsweise von Lebensmitteln entscheidend für die Nährstoffzufuhr. So entstehen einerseits Kochverluste, das heisst Nährstoffe gehen durch das Kochen verloren, andererseits kann durch den Kochprozess ein breites Spektrum an Nährstoffen auch erst verfügbar werden. Bei Hülsenfrüchten beispielsweise werden durch das Einweichen und Kochen die Nährstoffe erst bekömmlich und unverträgliche Stoffe entfernt.

Vom BLV als Lebensmittel eingestuft, können NEM vorübergehend sinnvoll sein, wenn einzelne Nährstoffe durch die alltägliche Ernährung in nicht ausreichenden Mengen aufgenommen werden. So sollten besonders folgende Bevölkerungsgruppen auf eine ausreichende Versorgung achten, wie Brombach erklärt: Hochbetagte, chronisch kranke Menschen und Schwangere. Im Winter ist zudem der Vitamin-D-Mangel bei einem Grossteil der Bevölkerung ein Thema.

Die Einnahme von Supplementen sollte immer mit einer ärztlichen Fachperson besprochen werden, weil bestimmte Nahrungsergänzungen mit Medikamenten in Wechselwirkung treten können.

Fehlende Nährstoffe im Körper können aber auch noch andere Gründe haben. Durch Nahrungsmittel, die einen hohen zugesetzten Zuckeranteil oder zusätzliche Fette enthalten, wird dem Organismus ein Mehr an Nährstoffen zugeführt, die zu viel Energie enthalten, wie die Expertin erläutert. Dabei sind gleichzeitig zu wenige andere wichtige Nährstoffe vorhanden. Langfristig kann das zu einem Ungleichgewicht der Nährstoffversorgung und damit zu Nährstoffmangel führen.

 


Keine permanente Lösung

NEM sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung. Zum knackigen Gemüse oder frischen Obst könnte sich kein grösserer Unterschied auftun als zu den Tabletten, Flüssigampullen, Kapseln oder Pulverbeuteln, in deren Form Supplemente eingenommen werden. Und doch haben Versprechungen, wie Schutz vor Krankheiten oder von lebensverlängernder Wirkung, zu einem regelrechten Boom geführt.

Belege für den Nutzen vieler NEM für gesunde Personen gibt es kaum. Forschungen zeigen auch keinen eindeutigen Nutzen von Multivitaminen für Lebensverlängerung oder die Prävention von Krebs oder Herz- krankheiten. NEM bringen teilweise gar Risiken mit sich, wenn der Körper mit Nährstoffen durch zu hoch dosierte Produkte oder Mehrfacheinnahme überversorgt wird. Manche Antioxidantien (ß-Carotin, Vitamin E) können sogar schaden.

«Supplemente sind kein Ersatz für eine ausgewogene Ernährung.»


Sorgsamer Umgang mit der Natur

Damit wir auch in Zukunft eine nährstoffreiche Ernährung geniessen können, sind wir auf fruchtbare Böden angewiesen. In ihnen stecken essenzielle Stoffe für Zellfunktionen, Wachstum und Stoffwechsel. «Ein sorgsamer und vorausschauender Umgang mit fruchtbarem Boden ist deshalb von entscheidender Bedeutung für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit», unterstreicht Rolf Krebs, der zu Bodenökologie forscht. Er betont, dass auch Pflanzen und Bäume unter Nährstoffmangel leiden können. Jede Pflanzenart hat verschiedene Bedürfnisse, und auch hier ist eine ausgewogene Nährstoffversorgung entscheidend. Denn Mangelerscheinungen bei Kulturpflanzen führen zu Ertragseinbussen, was für Menschen einen Verlust an frischen, nährstoffreichen Lebensmitteln bedeutet.

Obwohl wir nicht aus der Erde spriessen, brauchen wir wie Bäume und Pflanzen Nährstoffe, um zu überleben. Um dies zu gewährleisten und auch gesund zu bleiben, müssen wir unseren Körper, unabhängig von Supplementen, stets ausgewogen versorgen. So trägt der Mensch nicht nur zu sich, sondern auch zur Umwelt Sorge. 


Ein historischer Blick auf Nährstoffmangel

Die Muster von Nährstoffbedarf und -mangel beim Menschen haben eine lange Geschichte, die auf früheste Techniken der Essenszubereitung zurückführt. Brombach hebt in diesem Zusammenhang die soziale und kulturelle Bedeutung der Ernährung hervor. Die Entwicklung der Zubereitungstechniken von Rohstoffen im Meso- und Neolithikum begann mit der Nutzung von Feuer vor rund 1 Mio. Jahren. Erst als man während der Industrialisierung anfing, Lebensmittel zu kühlen und zu sterilisieren, wurden in der Nahrungsaufbereitung grosse Sprünge gemacht. Nährstoffmangel war damals eine Folge der beschränkten Zugänglichkeit bestimmter Lebensmittel aufgrund der sich ausbildenden Klassengesellschaft und der Nahrungsunsicherheit in Kriegszeiten.

Seit dem 19. Jahrhundert bis heute kann man in der westlichen Welt tendenziell eine allgemeine Nahrungssicherheit verzeichnen. In Nachkriegszeiten, wie etwa in den Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg, lässt sich wiederum eine Veränderung des Angebots feststellen. Nährstoffmangel hat nämlich nicht nur mit einem mangelnden Angebot an Lebensmitteln zu tun, sondern resultiert er auch aus einem Überangebot, das jederzeit verführt, zu (viel und unausgewogen zu) essen.


Quellen

Dieser Beitrag basiert auf Interviews mit Prof. Dr. Christine Brombach (Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Forschungsgruppe für Lebensmittel-Sensorik) und Prof. Dr. Rolf Krebs (Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, Institut für Umwelt und Natürliche Ressourcen).


Weitere Literatur:

Nährstoff Mini Guide. Mangel und Symptome leicht erkennen – James Thomas Batler, Epubli, 2024

Faktencheck. Nahrungsergänzungsmittel. Welche Vitalstoffe und Extrakte wirklich sinnvoll sind – Martin Auerswald, herbig, 2023

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