Wunderwerk Nervensystem
Unser Alltag verlangt dem Nervensystem Höchstleistungen ab – meist ohne, dass wir es bewusst wahrnehmen. Zwischen Reizüberflutung, Zeitdruck und ständiger Erreichbarkeit arbeitet es unermüdlich im Hintergrund. Ein Blick in die faszinierende Welt des Nervensystems zeigt, wie eng körperliche Balance, innere Ruhe und Nervenkraft miteinander verbunden sind.
Laura Columberg

Das menschliche Nervensystem ist ein hochkomplexes Kommunikationsnetzwerk, das alle körperlichen und geistigen Prozesse steuert. Es ermöglicht uns zu denken, zu fühlen, zu handeln und auf unsere Umwelt zu reagieren. Grundsätzlich lässt sich das Nervensystem in zwei grosse Bereiche unterteilen: das zentrale Nervensystem (ZNS) und das periphere Nervensystem (PNS). Das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark und fungiert als Steuerzentrale. Hier werden Informationen verarbeitet, Entscheidungen getroffen und Signale weitergeleitet. Das periphere Nervensystem hingegen umfasst alle Nervenbahnen ausserhalb des ZNS und sorgt dafür, dass Informationen zwischen Körper und Gehirn ausgetauscht werden.
Innerhalb des peripheren Nervensystems wird weiter differenziert: in das somatische Nervensystem und das vegetative (autonome) Nervensystem. Das somatische Nervensystem ist für willkürliche Bewegungen zuständig, etwa wenn wir unsere Muskeln bewusst steuern. Das vegetative Nervensystem hingegen arbeitet unbewusst und reguliert lebenswichtige Funktionen wie Herzschlag, Atmung, Verdauung und Stoffwechsel. Dieses vegetative System gliedert sich in zwei wichtige Gegenspieler: den Sympathikus und den Parasympathikus. Während der Sympathikus den Körper in Leistungsbereitschaft versetzt («Flucht oder Kampf»-Modus), sorgt der Parasympathikus für Ruhe, Regeneration und Erholung.
Entspannung dank dem Ruhenerv
Eine zentrale Rolle innerhalb des Parasympathikus spielt der Vagusnerv. Er ist der längste Hirnnerv und zieht sich vom Gehirn durch den Hals bis in den Bauchraum. Der Vagusnerv beeinflusst zahlreiche Organe, darunter Herz, Lunge und Verdauungssystem. Seine Hauptaufgabe besteht darin, den Körper in einen entspannten Zustand zu versetzen. Er senkt die Herzfrequenz, fördert die Verdauung und unterstützt die Regeneration. Aufgrund dieser vielfältigen Funktionen wird er oft als «Ruhenerv» bezeichnet. Ein gut funktionierender Vagusnerv hilft dem Körper, nach Belastungen wieder in ein Gleichgewicht zurückzufinden.

Methoden zur Aktivierung des Vagusnervs:
- Eine tiefe, langsame Bauchatmung gilt als eine der wirksamsten Techniken. Durch bewusst verlängertes Ausatmen wird dem Körper signalisiert, dass keine Gefahr besteht. Schon wenige Minuten ruhiger Atmung können Herzschlag und Muskelspannung senken.
- Summen, Singen oder sanftes Gurgeln stimulieren den Vagusnerv über den Kehlkopfbereich und fördern ein Gefühl von innerer Stabilität.
- Wärme und Berührung wirken ebenfalls regulierend: Warme Kräuterbäder, beruhigende Massagen oder das Auflegen einer Wärmflasche auf Bauch und Brust können dem Körper Sicherheit vermitteln und den parasympathischen Zustand unterstützen.
- Viele Menschen profitieren zudem von Aufenthalten in der Natur, langsamen Spaziergängen im Wald oder achtsamen Bewegungsformen wie Yoga und Tai-Chi.
Entscheidend ist dabei die Regelmässigkeit kleiner beruhigender Rituale. Der Vagusnerv reagiert besonders gut auf Wiederholung und sanfte Reize.

Pflanzliche Unterstützung
Zu den bekanntesten Heilpflanzen bei «Nervenstress» gehört die Melisse (Melissa officinalis). Sie beruhigt das vegetative Nervensystem und dämpft überschiessende Reaktionen, indem innere Unruhe, nervöse Anspannung und Dünnhäutigkeit gelindert werden. Sie hilft dem Körper, wieder in einen parasympathischen, erholungsorientierten Zustand zu kommen. Die Anwendung erfolgt üblicherweise als Teekraut, Tinktur oder spagyrische Essenz. Aber auch Einreibungen mit Melissenöl haben sich bewährt.

Wer lieber herbere Duftnoten hat, ist mit dem Lavendel (Lavandula angustifolia) gut bedient. Dessen Duft wirkt nachweislich beruhigend auf das Nervensystem. Lavendelöl in einem warmen Bad oder einige Tropfen auf dem Kopfkissen unterstützen das Loslassen nach einem belastenden Tag und schenken Geborgenheit. Innerlich angewendet entspannt Lavendel das zentrale und vegetative Nervensystem und senkt innere Anspannung. Insbesondere wenn die innere Spannung zu Schlafstörungen, Kopfschmerzen oder Verdauungsstörungen führt, können die ätherischen Öle des Lavendels Linderung schenken. Auch die Passionsblume (Passiflora incarnata) wird bei Anspannung und kreisenden Gedanken eingesetzt. Sie kann helfen, das Nervensystem sanft herunterzufahren und Gelassenheit zu fördern. Dadurch können auch stressverstärkte Schmerzen, Muskelanspannung und Schlafprobleme spürbar abnehmen.
Als klassisches «Nervensalz» wird das Schüsslersalz Kalium phosphoricum Nr. 5 bezeichnet. Es unterstützt bei Erschöpfung, innerer Unruhe und nervöser Überreizung, wenn Stress auslaugt und zehrt.
Wenn die Nerven schmerzen
Neben funktionellen Störungen, die durch Überlastung und Stress verursacht werden, können auch Nervenschmerzen auftreten. Diese werden typischerweise als einschiessend, stechend, brennend oder elektrisierend beschrieben. Solche Schmerzen entstehen meist durch Reizung oder Schädigung von Nerven und können sehr belastend durch die hohe Schmerzintensität und den langwierigen Charakter sein. Nerven regenerieren sich bei weitem langsamer als Gewebe und wachsen nur etwa 1 Millimeter pro Tag.
Zu den allgemeinen Empfehlungen der Heilungsunterstützung gehören:
- Schonung bis zur kompletten Ruhigstellung
- Wärme
- Entzündungshemmende Massnahmen
- Magnesium
- Viel Schlaf und bewusste Stressreduktion
- Später sanfte Mobilisation durch manuelle Behandlungen oder Physiotherapie
Naturheilkundlich gibt es verschiedene Ansätze, Nervenschmerzen zu lindern und die Regenerationskraft zu unterstützen. Eine wichtige Rolle spielen pflanzliche Präparate mit entzündungshemmenden, sanft wärmenden und beruhigenden Eigenschaften. Weidenrinde (Salix alba) wirkt bei Nervenschmerzen vor allem über ihre entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften. Die enthaltenen Salicylate hemmen Entzündungsprozesse im Gewebe, wodurch der Druck und die Reizung auf betroffene Nerven sinken. Das führt nicht zu einer direkten «Nervenwirkung», aber zu einer spürbaren Entlastung der Strukturen, die den Nerv umgeben. Besonders hilfreich ist die Weidenrinde unter anderem bei Ischias-Schmerzen, bei denen Entzündungen und Gewebsschwellung eine zentrale Rolle spielen. Die in der Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) enthaltenen Harpagoside reduzieren Entzündungen in Gelenken, Muskeln und Bindegewebe – dadurch nimmt der Druck auf gereizte Nerven ab. Er wird vor allem bei strukturellen Entzündungen, die Nerven mitreizen, eingesetzt. Eine direkte Wirkung auf Nerven entfaltet Capsaicin aus Cayennepfeffer/Chili. Es reizt die Schmerzfasern gezielt und reguliert dadurch die Empfindlichkeit herunter. Die Wiederholung der Anwendung führt zu einer Desensibilisierung der Nervenenden und damit zu einer spürbaren Schmerzlinderung. Guten Erfolg zeigt er bei Neuralgien und Polyneuropathie. Anwendungshinweis: Capsaicin wird in Form von Salben oder Pflaster verwendet und kann zu Beginn der Behandlung brennen, stechen oder stark wärmen. Bei zu hoher Konzentration oder empfindlicher Haut sind Reizungen, Rötungen oder leichte Hautschäden möglich. Lassen Sie sich daher bitte von einer medizinischen Fachperson beraten.

Eine der wichtigsten Heilpflanzen ist das Johanniskraut (Hypericum perforatum), das bei Nervenschmerzen vor allem nervenberuhigend, entzündungshemmend und regenerationsfördernd wirkt. Die enthaltenen Hypericine und Hyperforine unterstützen die Reizweiterleitung der Nerven und können überreizte oder entzündete Nervenfasern beruhigen. Es wird traditionell bei Neuralgien, Ischiasbeschwerden, Gürtelrose oder posttraumatischen Nervenschmerzen angewendet. Nebst der innerlichen Anwendung kann insbesondere das Rotöl aus den Blüten äusserlich angewendet, eine schmerzlindernde Wirkung entfalten. Bei langfristiger Anwendung kann Johanniskraut die Haut gegenüber Sonnenlicht sensibilisieren. Schützen Sie sich daher bewusst mit Sonnenschutz und Schatten, um Sonnenbrand verhindern zu können.
Als wichtiger Mineralstoff bei Nervenschmerzen gilt Magnesium. Nebst der Entspannung der Muskulatur wird die Erregbarkeit der Nerven gesenkt. Es stabilisiert die Reizweiterleitung, verhindert überschiessende Nervenimpulse und reduziert dadurch Kribbeln, Ziehen und brennende Schmerzen. Empfehlenswert sind 300–350 mg Magnesium pro Tag. Dies kann zum Beispiel mithilfe der Ernährung über Kürbis- oder Sonnenblumenkerne, Mandeln, Hirse, dunkle Schokolade, Spinat und Bananen gedeckt werden. Auch eine Supplementierung kann bei akuten Nervenschmerzen in Betracht gezogen werden. Damit Magnesium besser aufgenommen wird, kann ergänzend das Schüsslersalz Magnesium phosphoricum Nr. 7 eingenommen werden. Dabei lohnt sich die Einnahme über den Tag verteilt in Tabletten- oder Tropfenform. Auch B-Vitamine, insbesondere Vitamin B1, B6 und B12, sind essenziell für die Nervenfunktion und können unterstützend wirken. Diese kommen reichlich in Vollkornprodukten, Edelhefeflocken, Hülsenfrüchte, Fisch, Fleisch, Hefe und grünem Gemüse vor.
Ein leiser Gegenpol
Um eine auf Sie abgestimmte Therapie nutzen zu können, empfiehlt sich eine umfassende Beratung einer gesundheitlichen Fachperson. Dabei können Ihnen auch die verschiedenen Anwendungsformen und Dosierungen der Heilpflanzen gezeigt werden.
Darüber hinaus haben sich physikalische Anwendungen bewährt: Wärmebehandlungen zum Beispiel in Form von Auflagen, Wärmflaschen, Kirschsteinkissen oder Moorpackungen, können lockern, Schmerzen lindern und die Durchblutung fördern. Meist reagieren Betroffene sehr empfindlich auf Kältereize und äussern schnell Schmerzhaftigkeit. Auch sanfte Massagen oder Akupunktur können zur Schmerzlinderung beitragen und werden von ausgebildeten Fachpersonen individuell angepasst angewendet.
Manchmal geraten Körper und Nerven aus dem Gleichgewicht – durch Schmerzen, Anspannung oder einfach durch zu viel, das gleichzeitig auf uns einwirkt.
Naturheilkundliche Unterstützung kann in solchen Momenten wie ein leiser Gegenpol wirken: sanft, individuell und spürbar. Pflanzen, Mineralstoffe und kleine Rituale erinnern den Körper daran, dass Regeneration möglich ist und Heilung erfolgen kann. Jeder Schritt zählt, auch die kleinen. Und oft beginnt Veränderung genau dort, wo wir uns erlauben, wieder zur Ruhe zu kommen und dem eigenen System Zeit zu geben, sich neu zu ordnen.

Laura Columberg
Dipl. Naturheilpraktikerin TEN mit eigener Praxis auf dem Bözberg/AG. Spezialisiert auf Frauen- und Kinderheilkunde. www.praxiscolumberg.ch
