Wissen macht Lust

Die Anatomie und Physiologie des weiblichen Genitals ist selbst ­unter Fachleuten recht wenig bekannt. Frauen sind eingeladen, sich selbst mit Neugier zu erforschen, vor allem auch für eine ­befriedigende Sexualität.

Lioba Schneemann, Illustration: Sonja Berger

 «Ich habe einen Tiger zwischen meinen Beinen.» Dies sagt Nora im Schweizer Film «Die göttliche Ordnung» ihrem staunenden Mann, nachdem sie ihre Genitalien in einem Kurs «entdeckt» hat. Der Film scheint antiquiert. Jedoch reagieren viele Menschen immer noch mit Scham, Ekel, Belustigung oder gar Ablehnung, wenn es um das weibliche Sexualorgan geht.

Der Blick auf das weibliche Genital war und ist heute immer noch ein männlicher: «Wenn überhaupt über die Vulva gesprochen wurde, dann im Kontext von Krankheit und Kinderkriegen oder von Missbrauch, Missachtung und Misshandlung», schreibt etwa die Kulturwissenschaftlerin und Autorin Mithu M. Sanyal in ihrem Buch «Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts». Das prägende Denken des Westens sei, dass man ohne einen Penis kein richtiges Geschlechtsorgan besässe.

Zentrales Organ der Lust

In der westlichen Welt pervertiert die Ablehnung des eigenen Genitals in der sogenannten «Schönheits­chirurgie», bei der sich Frauen ihre grösseren inneren Labien verkleinern lassen.

Aufklärung sei auch aus diesem Grund dringend nötig, ist der Basler Biologe und emeritierte Professor Daniel Haag-Wackernagel überzeugt: «Alle nicht medizinisch begründeten Eingriffe sind strikt abzulehnen. Denn die Vulva ist ein komplexes System aus verschiedenen eng miteinander verbundenen Strukturen. Und deren Integrität ist Voraussetzung für eine erfüllende Sexu­alität und Gesundheit.»

Haag-Wackernagel erforscht seit vielen Jahren das zentrale Organ der weiblichen Lust: die Klitoris. Was er feststellte, ist: «Nach wie vor ist die genaue Anatomie und Physiologie des sogenannten Bulboklitoralorgans auch in Fachkreisen nur wenig bekannt. Besonders wichtig ist die Kenntnis der Sensorik bei chirurgischen Eingriffen, da Zerstörungen von Nervenbahnen zu Orgasmusproblemen führen können.»

Es sei von fundamentaler Bedeutung, dass Frauen bei medizinischen sowie bei ästhetischen Eingriffen korrekt über die möglichen Folgen für das sexuelle Erleben aufgeklärt würden. «Fehlendes Wissen zur Anatomie der Klitoris kann nach Eingriffen an oder in der Umgebung der Klitoris zum Verlust der genitalen Sensibilität führen.»

Aus Mangel an geeignetem Anschauungsmaterial entwickelte der Biologe sogar anatomisch korrekte Modelle des Bulboklitoralorgans sowie der umgebenden Struktu­ren, die die Firma Medintim produziert und vertreibt.

Nur was bekannt und beschrieben sei, so der Biologe, könne auch ins Bewusstsein der Menschen gelangen – darum liefert er weitere Facts:

Die Vulva ist der äussere Teil des weiblichen Genitals. Dazu gehören der Venushügel (Mons pubis), die äusseren Vulvalippen (Labia majora pudendi), die inneren Vulvalippen (Labia minora pudendi), der Vaginavorhof (Vestibulum vaginae) sowie das Bulbo­klitoralorgan (Klitoris).

Als Vagina wird die innere schlauchförmige Verbindung bezeichnet, die den Vaginavorhof mit der Gebärmutter verbindet. In der Vagina sind nur wenige sensorische Nervenendigungen vorhanden, was, wie man vermutet, mit dem Geburtsvorgang zusammenhängt, bei dem die Vagina um das Zwei- bis Dreifache ausgedehnt wird, was bei einer hohen Sensibilität wohl mit unerträglichen Schmerzen verbunden wäre.

Die äusseren weiblichen Genitalien entstehen aus der gleichen embryonalen Grundlage wie der Penis mit dem Hodensack. Deshalb haben beide Anlagen, die einander entsprechen. So sind die Klitoriseichel und die Penis­eichel, der Hodensack und die äusseren Vulva­­lippen einander homolog. Das Bulboklitoralorgan ist durch verschiedene Sehnen und Muskeln mit dem Becken verbunden. Bei sexueller Erregung füllen sich die Vorhofbulben und der Klitoriskörper, dem die Klitoris­eichel aufsitzt, mit Blut. Diese Prozesse führen zu einer Erektion, die durchaus mit einer Peniserektion vergleichbar ist.

Die Klitoris ist weitaus grösser als die aussen sichtbare Klitoriseichel oder Klitorisperle. «Mit ihren 10 000 sen­sorischen Nervenendigungen ist die Klitoriseichel eine der empfindlichsten Strukturen des menschlichen Körpers überhaupt», betont Haag-Wackernagel. Die Dichte an Sensoren in der Klitoris und damit deren Empfindlichkeit ist um ein Vielfaches höher als im Penis. Das Organ sei wirklich nur für die Lust da, ­keinen anderen Zweck müsse es erfüllen, so Haag-­Wacker­nagel.

Die Harnröhre mündet oberhalb des Vagina­eingangs in den Vaginavorhof. In der Harnröhre liegen bei etwa der Hälfte der Frauen die Paraurethraldrüsen, die beim Orgasmus durch einen Muskel komprimiert werden und ihren Inhalt als weibliche Ejakulation nach aussen pressen.


Einladung zum Erforschen

Wissen macht kompetent, aber die Lust kommt dadurch nicht automatisch. «Das korrekte Wissen über die Klitoris ist wichtig. Doch Wissen allein verändert die Sexualität noch nicht», sagt die sexologische Körpertherapeutin Vera Plattner aus Basel. Sie begleitet vor allem Frauen in den Wechseljahren sowie Paare in Langzeitbeziehungen, und viele kommen mit Fragen rund um Lust, Libido, Sinnlichkeit und sexuelle Veränderungen im Laufe des Lebens zu ihr. «Gerade in den Wechseljahren entdecken viele Frauen ihre Sexu­alität noch einmal neu», stellt Plattner fest. «Was früher funktioniert hat, funktioniert vielleicht gar nicht mehr. Gleichzeitig entsteht die Chance, den eigenen Körper bewusster kennenzulernen und neue Wege zur Lust zu entdecken.» Eine spannende Reise kann entstehen.

In ihrer Praxis begegnet sie vielen Frauen, die erstaunlich wenig Gelegenheit hatten, ihren eigenen Körper zu erforschen. Oder sich einfach nicht trauten. Sie wissen zwar, wo sich die Klitoris befindet, wissen aber nicht unbedingt, welche Berührungen ihnen gefallen, wie sich Erregung in ihrem Körper aufbaut oder welche Bedingungen ihre Lust fördern. «Sexualität ist ein lebenslanger Lernprozess. Zwar sind der Erregungs- und der Orgasmusreflex biologisch angelegt. Wie Frauen und Männer Erregung aufbauen, Lust erleben und den Weg zum Orgasmus gestalten, ist individuell und wird durch Erfahrungen und Lernen sowie durch Körperwahrnehmung geprägt.»

Viele Frauen hätten gelernt, sich darauf zu konzentrieren, was andere von ihnen erwarteten. Wesentlich sel­tener würden sie dazu eingeladen, neugierig sich selbst zu erforschen, das heisst, wie sie sich selbst berühren könnten und was sie erotisiere. «Zudem wissen viele Frauen nicht, dass die Bereiche des Genitals unterschiedlich wahrgenommen werden: Die Klitoris reagiert besonders auf feine Berührungen, Streichen oder Reibung, während die Vagina eher Druck, Dehnung und Bewegung wahrnimmt. Lustvoll kann beides sein», so die Fachfrau.

Wer sich Zeit nehme, den eigenen Körper mit Interesse und urteilsfrei zu erforschen, entwickle eine innere Körperlandkarte. Die Klitoris werde dabei nicht einfach nur zu einem Organ, sondern zu einem Teil einer lebendigen sinnlichen Körperlandschaft. Vera Plattner: «Frauen entdecken, welche Berührungen angenehm sind, welche Bewegungen Erregung fördern und was sie brauchen, um sich sicher, lebendig und lustvoll zu fühlen.» 

Soloversion «Touch Ma(ha)l»

Aus dieser Haltung heraus entwickelte die sexologische Körpertherapeutin die Soloversion ihres bereits für Paare bestehenden Kartenspiels «Touch Ma(ha)l». Die Karten laden dazu ein, den eigenen Körper spielerisch, neugierig und ohne Leistungsdruck zu erforschen. Es geht vor allem nicht darum, schnell ­einen Orgasmus zu erreichen. Plattner: «Es geht darum, eine ­Expertin für die eigene Sexualität zu werden.»

Sexuelle Selbstsicherheit entstehe nicht durch Perfektion, ­sondern durch Erfahrung, viel Neugier und die innere Bereitschaft, sich selbst kennenzulernen und wahrzunehmen. «Und manchmal beginnt eine grosse Veränderung mit einer ­kleinen Frage: Was gefällt mir eigentlich wirklich?»

Informationen zum Spiel «Touch Ma(ha)l» gibt es auf www.praxis-vera-plattner.com

 

 

 

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