Wie alt bist du wirklich?

Tja, das Alter … Als Kind freut man sich schon auf den nächsten Geburtstag, wenn man auf die Frage «Wie alt bist du?» endlich die nächstgrössere Zahl verkünden darf. Je älter man wird, desto weniger schnell und stolz antworten die meisten darauf, manche empfinden die Frage gar als unhöflich. Dabei ist unser Alter viel mehr als nur eine Zahl.

Corinne Kneubühler

Die Zeit, genauer gesagt das Verrinnen der Zeit und die damit verbundene Vergänglichkeit, fasziniert uns Menschen seit jeher. Schon in Höhlenmalereien, die über 35 000 Jahre alt sind, finden sich erste einfache Kalender, um die Tage zu markieren. Auch das Alter wurde gemessen, allerdings nicht unbedingt in Verbindung mit Jahren, sondern eher mit dem sozialen Satus, also ob jemand ein Kind, ein Krieger oder bereits «Ältester» war. Erst mit der Einführung von Geburtsregistern und Kirchenbüchern wurde das kalendarische Alter festgehalten und dadurch genauer unterschieden. Wir alle altern, konstant und unaufhörlich, bis zum Tod. Allerdings ist das Alter komplexer, als nur die Zahl, die sich ergibt, wenn wir zählen, wie oft wir auf der Erde bereits die Sonne umkreist haben.

Das kalendarische Alter

Die Anzahl Kerzen, die auf unserem Geburtstagskuchen brennen, entsprechen (zumindest so lange das noch brandtechnisch zumutbar ist) unserem kalendarischen Alter. Diese Zahl sagt in erster Linie etwas darüber aus, wie lange dieser spezifische Mensch bereits existiert, meistens gemessen in Jahren nach dem gregorianischen Kalender. Mit jedem Jahr steigt die Zahl um 1 an. Dieses Alter ist vor allem für das Leben in unserer Gesellschaft wichtig. So wird zum Beispiel anhand des Alters definiert, wann jemand in Rente geht, ob jemand abstimmen darf, oder ab wann man Auto fahren lernen kann. Das Alter dient auch der Orientierung im sozialen Umfeld.

Wir vergleichen uns öfter mit gleichaltrigen Personen als mit jeder anderen Altersgruppe, und meistens besteht die Freundesgruppe aus Menschen in einem ähnlichen Alter. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass man bisher die gleiche Anzahl Jahre hatte, um Erfahrungen zu sammeln, und wer gleiche oder ähnliche Erfahrungen gesammelt hat, gruppiert sich oft schneller zusammen. Doch das kalendarische Alter hat auch seine Grenzen. Da kommt der Begriff des biologischen Alters ins Spiel.

Das Alter ist nämlich viel mehr als nur eine Zahl. Das kalendarische Alter zieht keinerlei Faktoren in Betracht ausser eben den Kalender. Dabei wird der Prozess des Alterns von vielen Parametern individuell beeinflusst. Genauso wenig, wie die Zahl auf dem Thermometer Auskunft über das tatsächliche, individuelle Temperaturwahrnehmen gibt, reicht das kalendarische Alter nicht aus, um etwas über die persönliche körperliche Alterung aussagen zu können. Neben der Zeit spielen weitere Variablen in die Altersrechnung hinein.

Das biologische Alter

Das wichtigste Stichwort aus dieser Unterscheidung lautet: individuell – persönlich, subjektiv. Aus einer Gruppe von Menschen, die alle 45 Jahre alt sind, haben wahrscheinlich alle ein unterschiedliches biologisches Alter. Dieses wird bestimmt durch alle Faktoren, die die körperliche Alterung beeinflussen. Das beinhaltet körperliche, geistige und soziale, jedoch auch pathologische, also krankhafte Merkmale.

Zu den körperlichen Parametern gehören unter anderem Blutdruck, Lungenkapazität, Reaktionszeiten, Grösse und Gewicht oder Muskel- und Fettanteil. Bei den geistigen spielen Faktoren wie Gedächtnis, Wahrnehmung und Schmerzerfahrung in die Rechnung. Bei all dem wird auch die genetische Komponente mit einbezogen, das heisst, was für gesundheitliche Voraussetzungen wir bereits vererbt bekommen haben. Zum sozialen Zustand gehört die Bildung, der Beruf, aber auch soziale Beziehungen.

Auf diese, zum grössten Teil messbaren Faktoren haben nicht nur genetische Bedingungen, sondern vermehrt auch umwelt- und lebensstilassoziierte Faktoren einen grossen Einfluss. Suchtverhalten (Alkohol, Nikotin) beispielsweise, aber auch die Ernährung und Bewegung manifestieren sich meistens eher im höheren Alter, beeinflussen aber schon früh und oft unerkannt nachhaltig den Körper und den Alterungsprozess.

«Normal» für dein Alter

Die Angabe des eigenen Alters sagt also nur bedingt etwas über den gesundheitlichen Zustand aus. Wenn mir jemand sagt «Ich bin 40», weiss ich wenig darüber, ob diese Person auf der körperlichen, geistigen und sozialen Ebene gesund ist. Sie haben bestimmt schon das Alter einer Person erfahren und gedacht – «Ich hätte ihn jünger geschätzt!» oder «Sie sieht aber jung aus für ihr Alter!» Das zeigt bereits, wie wenig das kalendarische Alter über das subjektive, individuelle Wahrnehmen des Alters tatsächlich aussagt. Mit dem biologischen Alter wird versucht, den Allgemeinzustand einer Person zu einem bestimmten Zeitpunkt des Lebens (kalendarisches Alter) zu präzisieren.

Für die Berechnung des biologischen Alters geht man vom kalendarischen Alter aus und versucht, die Unbekannte anhand der oben aufgezählten Faktoren zu errechnen. Dafür braucht es einen Normzustand, mit dem das Individuum verglichen werden kann. Dieser Normzustand meint den am häufigsten aufgefundenen Zustand innerhalb einer Gruppe von kalendarisch gleichaltrigen Personen. Dank medizinischen Datenbanken haben wir mittlerweile genügend Werte, um für jedes kalendarische Alter einen solchen Normzustand zu errechnen.

Mein eigenes biologisches Alter kann ich dann mit meinem kalendarischen Alter vergleichen. Etwas einfacher und konkreter ausgedrückt: Wenn ich, als 28-jährige Frau, mehr Sport mache als andere 28-jährige Frauen, mich gesund ernähre, genügend schlafe und nicht rauche, dann wird mein biologisches Alter wohl eher unter 28 Jahren liegen.

Der Sinn der Sache

Sollten Sie nun Ihr eigenes biologisches Alter von einer medizinischen Fachperson erfahren und es liegt über ihrem kalendarischen Alter, ist das noch kein Grund zur Sorge. Erstens ist die Fehlerquote bei der Berechnung relativ hoch, da viele der Faktoren nicht gleich präzise bestimmt werden können. Zweitens gibt es eine gute Nachricht, denn im Gegensatz zum kalendarischen können wir das biologische Alter bewusst beeinflussen. Ich kann beispielsweise jederzeit mehr Bewegung in meinen Alltag bringen, oder mir gesündere Essgewohnheiten aneignen. Bei anderen Faktoren, wie den sozialen Umständen, ist das nicht ganz so einfach, Veränderung ist jedoch möglich. Das biologische Alter soll in erster Linie zu einer gesunden und bewussten Lebensweise motivieren. Vielleicht löst bereits das Lesen dieses Beitrags einen Denkprozess über Ihren eigenen Lebensstil bei Ihnen aus.

Das biologische Alter funktioniert quasi als Richtwert, der im besten Fall etwas darüber aussagt, ob sich die aktuellen, persönlichen Anstrengungen zu einem gesunden Lebensstil und Verhalten tatsächlich abbilden.

Die Rolle der eigenen Wahrnehmung

Das heisst: Wenn wir über das eigene Alter nachdenken, spielt die Anzahl Jahre, die wir bereits auf der Erde sind, weniger eine Rolle. Vielmehr muss die eigene Wahrnehmung, das Gefühl, in den Vordergrund rücken. Wie alt fühlt man sich tatsächlich? Würden Sie sagen, Sie sind alt? Welche Konnotationen haben wir mit dem Alt-werden und dem Alt-sein? Spezifisch diese letzte Frage wird im sogenannten Altersbild beantwortet. Das Altersbild bezeichnet unsere individuellen Vorstellungen davon, wie unser Leben im Alter aussieht. Dr. Christina Röcke hat an der Universität Zürich zu den Dynamiken des gesunden Alterns geforscht. Sie betont: «Menschen, die ein positives Altersbild haben, eins, wo sie ihren Gestaltungsspielraum sehen, leben im Durchschnitt 7,5 Jahre länger als Menschen, die ein eher negatives Altersbild haben.» Das liegt daran, dass unsere Wahrnehmung direkten Einfluss darauf hat, wie wir uns Verhalten, also auch auf unseren Lebensstil und damit eben auf unser Altern.

Tipps

Das Berner Generationenhaus hat im Rahmen der Ausstellung «forever young. Willkommen im langen Leben» 100 Menschen zum Thema Alter befragt. Die Antworten der Personen zwischen 10 und 100 Jahren können auf der Webseite angehört werden. www.foreveryoung.ch

Bis zum 28. Juni zeigt das Stapferhaus in Lenzburg die Ausstellung «Hauptsache Gesund», die auch das Thema Altern und Langlebigkeit («Longevity») behandelt.

Zur Ausstellung produziert das Stapferhaus auch einen Podcast. Aus der Folge zum Thema «Longevity» stammt auch die Aussage von Dr. Christina Röcke. Der Podcast kann auf Spotify, auf Apple Podcast oder direkt auf der Webseite gehört werden. 

Weitere Infos: stapferhaus.ch

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