Wenn Angst zum Problem wird

Sorgen, Zweifel und Ängste lassen sich nicht immer vermeiden und gehören zum Leben dazu. Doch in ausgeprägter Form können sie Ausdruck von Angsterkrankungen sein, die mit starken psychischen Belastungen einhergehen und den Alltag von Betroffenen bestimmen.

Konrad Venetz

Depressionen und Angststörungen zählen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Fast ein Fünftel der Bevölkerung leidet im Laufe des Lebens mindestens einmal an intensiven und/ oder lang anhaltenden Ängsten. Nicht hinter jedem intensiven Angsterlebnis oder jeder Panikattacke steckt eine psychische Erkrankung. Doch es lohnt sich, hinzuschauen und bei Bedarf zu handeln. Zum einen gibt es heute gute Behandlungsmöglichkeiten, die individuell abgestimmt werden und Betroffenen rasch helfen können. Zum anderen sollten Angststörungen nicht verharmlost werden: Sie sind ernst zu nehmende Krankheiten, die für die Lebensqualität von Betroffenen und Angehörigen einschneidend sein können.

Alarmreaktionen des Körpers

Angst, die sowohl ein Gefühl als auch eine Emotion sein kann, ist zunächst etwas ganz Natürliches. Sie ist uns Menschen angeboren, und wir kennen sie als eine Reaktion auf konkrete oder vermeintliche Gefahren wie Unfälle, Krankheit, Spinnen, Liebeskummer, aber auch in weniger spezifischer Form, bei der wir Angst vor diffusen oder gar nicht vorhandenen Bedrohungen empfinden. Angst kann unterschiedliche Auslöser haben und situativ als Reaktion auf Stress, aber auch als Begleitsymptom von anderen psychischen Störungen, als Folge von körperlichen Erkrankungen oder im Rahmen eingenommener Medikamente oder Sucht- und Genussmittel auftreten. Zu den häufigsten körperlichen Begleiterscheinungen der Angst gehören Symptome wie Herzklopfen, Schwitzen, Schwindel, Zittern, eine angespannte Muskulatur und Kurzatmigkeit.

«Angst ist eine normale und wichtige Schutzreaktion. Sie versetzt Körper und Gehirn in Alarmbereitschaft, wenn wir eine tatsächliche oder denkbare Gefahr wahrnehmen», erklärt Dr. med. Josef Hättenschwiler, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH sowie Gründungspräsident SGAD – der Schweizerischen Gesellschaft für Angst & Depression. «Panik ist eine heftige Form dieser Alarmreaktion.» Sie unterscheidet sich nicht grundsätzlich von Angst, sondern in ihrer Intensität. Der Körper schaltet bei Panik sozusagen auf Alarmstufe Rot: Herzrasen, Engegefühl und Angst vor Kontrollverlust sind dann keine Seltenheit. Panikattacken sind mit einem raschen Anstieg intensiver Angst verbunden. Hinzu kommen nebst den gesteigerten körperlichen Alarmreaktionen auch (lebens-)bedrohliche Gedanken, die einen Teufelskreis von Angst und Angstreaktion auslösen können und die akuten Angstgefühle zusätzlich noch verstärken.

Wenn Angst und Panik überhandnehmen

Von einer Panikstörung spricht man in der Psychologie und Psychiatrie, wenn Panikattacken immer wieder und unerwartet auftreten, die Sorge vor weiteren Attacken oder vor deren Folgen wächst und zu einem vermeidenden Verhalten der betroffenen Person führt. Nicht nur sind solche wiederkehrenden Ängste im Moment der Erfahrung leidvoll: Wenn sich durch eine Angststörung eine Verhaltensänderung einstellt, bei der Situationen oder Orte plötzlich gemieden werden, können sich Ängste weiter verstärken und die Lebensqualität massgeblich beeinträchtigen. «Wenn Betroffene nicht mehr reisen, öffentliche Verkehrsmittel nicht mehr benutzen, ständig ihren Körper auf mögliche Symptome kontrollieren oder wenn Beruf, Beziehungen und Freizeit darunter leiden, spätestens dann sollte man sich an die Hausärztin oder einen Psychiater wenden.»

Dies gilt ebenso für andere Formen von Angststörungen, bei denen sich die Phobien auf konkrete Objekte oder Situationen beziehen oder bei denen Betroffene von übermässigen Sorgen und Ängsten in mehreren Lebensbereichen heimgesucht werden, wie dies für die generalisierte Angststörung zutrifft.

Was tun während einer Panikattacke?

Wenn eine körperliche Ursache oder Wirkung von Medikamenten oder anderen Substanzen ausgeschlossen werden kann, hilft es, sich bewusst zu machen, dass die Situation nicht lebensbedrohlich ist und wieder vorbeigeht. Beruhigend kann das innerliche Aufsagen von Sätzen sein wie: «Das ist eine Panikattacke. Mein Alarmsystem ist gerade sehr stark aktiviert. Das fühlt sich gefährlich an, ist aber nicht gefährlich und geht vorüber.» Auch das bewusste Wahrnehmen der Umgebung, das Spüren des Bodens unter den Füssen oder das Benennen von sichtbaren Gegenständen kann in so einem Moment unmittelbar helfen. Wichtig ist, die Aufmerksamkeit weg von den körperlichen Symptomen hin zur Gegenwart zu lenken. Nach einer Attacke sollte man sich Erholung gönnen. Angehörige oder nahestehende Personen können Verständnis zeigen und den Betroffenen zur Seite stehen. Keinesfalls sollte die leidvolle Erfahrung heruntergespielt oder als harmlos abgetan werden, da dies die Angst weiter verstärken kann.

Behandlungsmöglichkeiten

Angsterkrankungen haben oftmals einen chronischen Charakter und benötigen daher für gewöhnlich eine längerfristige Behandlung. Oft bietet sich hierfür eine kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit medikamentöser Begleitung an. Besonders bei mittelschweren und schweren Ausprägungen sind Psychopharmaka bisweilen die einzige Möglichkeit, um die Angst in einem ersten Schritt auf ein erträgliches Mass zu senken. Bedauerlicherweise verhindern Schamgefühle, Unsicherheiten und fehlendes Wissen immer wieder, dass Betroffene professionelle Hilfe aufsuchen. Dabei können Psychotherapien Angstsymptome, vermeidendes Verhalten und das subjektive Leiden erwiesenermassen reduzieren sowie die Lebensqualität und Selbstständigkeit im Alltag wieder erhöhen.

Längerfristig sind in der Verhaltenstherapie neue Lernerfahrungen durch sogenannte interozeptive Exposition vielversprechend: «Betroffene setzen sich schrittweise gefürchteten Situationen oder ungefährlichen körperlichen Empfindungen aus und erleben, dass die erwartete Katastrophe ausbleibt. Dadurch kann das Gehirn neue Lernerfahrungen machen, etwa dass Herzklopfen unangenehm ist, aber nicht automatisch gefährlich», weiss Hättenschwiler. Statt die angstvolle Situation zu vermeiden oder dagegen anzukämpfen, geht es in diesem Therapieansatz darum, Angst zu ertragen, mit ihr einen neuen Umgang zu finden und ihr gegenüber eine neue Haltung einzunehmen.

Präventive Massnahmen im Alltag

Um die Wahrscheinlichkeit möglicher Angst- und Panikreaktionen zu verringern, lohnt es sich, auf das eigene Stress- und Erregungsniveau zu achten: Regelmässiger und ausreichender Schlaf, körperliche Bewegung, regelmässige Einnahme von Mahlzeiten und festgelegte Erholungszeiten können Stress reduzieren. Auch ein Verzicht auf Alkohol, Koffein und psychoaktive Substanzen kann das Erregungsniveau des Körpers senken. Entspannungstechniken wie gezieltes An- und Entspannen der Muskulatur oder Achtsamkeitsübungen können sich in dieser Hinsicht ebenfalls positiv auswirken. Insgesamt sollte man versuchen, sich von der Angst im Alltag möglichst nicht bestimmen zu lassen, damit Angstreaktionen nicht unbewusst mit bestimmten Situationen verknüpft und zu Verhaltensmustern eingeübt werden.

Josef Hättenschwiler

Dr. med. Josef Hättenschwiler ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie FMH und Gründungspräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Angst & Depression (SGAD). Weiterführende Informationen und kostenlose Broschüren zum Thema finden Sie unter www.sgad.ch.

Weitere Anlaufstelle: Angst- und Panikhilfe Schweiz (aphs) Hotline: 0848 801 109 / E-Mail: hotline@aphs.ch, Webseite: www.aphs.ch

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