Was uns glücklich und zufrieden macht
Das Streben nach Glück ist allen Menschen eigen, und deshalb ist es in Märchen, Liedern, Geschichten, in heiligen Schriften und im Alltag ein ewiges Thema. Das ist es vielleicht genau deshalb, weil Glück kein Ding ist, das sich festhalten lässt, egal, welchen Preis wir dafür zu zahlen bereit sind. Aber: Die Glücksforschung weiss, was – und vor allem wie wenig – es braucht, um immer wieder glücklich zu sein.
Markus Kellenberger
Was ist eigentlich Glück? Wenn es darauf eine klare und abschliessende Antwort gäbe, dann könnte ich sie an dieser Stelle in die Tastatur tippen – und ich hätte Feierabend. Das würde mir einen kurzen Moment des Glücks bescheren, aber dafür würde mir jenes Glücksgefühl fehlen, das mich jedes Mal überkommt, wenn ein Artikel nach langem Recherchieren und stundenlangem Schreiben endlich und zu meiner Zufriedenheit fertig geschrieben ist. Sie merken es: Das mit dem Glück, das ist alles andere als eine einfache Sache. Das musste auch jener Mann erleben, der Abend für Abend Gott in seinen Gebeten bat, ihm einen Lottosechser zu schenken. Nach Monaten meldete sich bei einem dieser Gebete überraschenderweise Gott, und sagte spürbar genervt: «Dann hilf mir doch – und füll endlich einen Lottozettel aus!» Mir gefällt diese Geschichte, denn sie erinnert mich daran, dass ein Freund einmal zu mir sagte, Glück schreibe man mit drei Buchstaben: tun! Doch sei hier ehrlicherweise auch gleich gesagt: Tun alleine ist noch keine Garantie, um angestrebtes Glück zu erreichen, aber es erhöht die Chancen.
Das Glück als Quelle innerer Unruhe
Kommen wir nun aber zurück zur Anfangsfrage, was Glück eigentlich sei. Was suchen wir eigentlich, wenn wir von Glück reden? Ist es ein gutes Gefühl, Sicherheit, Lebenssinn, Anerkennung oder schlicht die Abwesenheit von Sorge? Die vielfältigen Antworten darauf haben sich im Lauf der Geschichte immer wieder verändert und sind zum Teil sogar erstaunlich widersprüchlich. Mal galt Glück als göttlicher Segen, mal als Ergebnis eines tugendhaften Lebens, dann wieder als Frage der inneren Haltung und in unserer konsumorientierten Zeit hauptsächlich als ein Produkt von Leistung, erreichtem Wohlstand und erfolgreicher Selbstoptimierung. Vielleicht ist gerade unser heutiges Verständnis von Glück ein Punkt, an dem wir neu hinschauen müssen. In einer Zeit, in der uns ständig eingeflüstert wird, wir könnten das Glück planen, messen und steigern, ist es zu einem käuflichen Gegenstand geworden – und damit auch zu einer neuen Quelle der inneren Unruhe. Kommt dazu, dass uns in der Werbung und in den sozialen Medien täglich präsentiert wird, was Glück sein soll, wie es auszusehen hat und wo man es bekommt. Was aber bleibt, wenn Glück weniger mit der Vorstellung eines perfekt gestylten Lebens zu tun hat, sondern viel mehr mit einem, das sich trotz aller Brüche im Grossen und Ganzen stimmig anfühlt?
Ja, was bleibt, wenn man sich von der Vorstellung löst, wie etwas sein sollte, und sich wieder darauf besinnt, was für einen ganz allein stimmt? Das ist nicht einfach, denn der Mensch ist kein Wesen, das einfach lebt und sich damit zufrieden gibt. Wir deuten und vergleichen ständig und kommen so früher oder später zur Frage, ob das, was man lebt, auch gut genug ist. In diesem Sinne ist die Suche nach dem Glück keine moderne Marotte, sondern ein Grundzug unseres Seins. Schon immer haben Menschen versucht zu verstehen, was ein gelingendes Leben ausmacht und wie sich das erreichen lässt.

Wonach wir streben – und was wir sind
Evolutionär gesehen ist Glück kein Luxus, sondern ein Orientierungssystem, das uns anzeigt, was dem Leben dient. Der Mensch hat sich nicht entwickelt, um dauerhaft glücklich zu sein, sondern um zu überleben, sich mit seiner Umwelt zu verbinden und darin einen Sinn zu finden. Der Anthropologe Carel van Schaik beschreibt in seinem Buch «Mensch sein» eindrücklich, wie sehr unser heutiges Leben in vielen Bereichen in kompletten Widerspruch zu den Bedingungen steht, unter denen wir zwei Millionen Jahre lang als soziale und höchst kooperative Wesen entstanden sind. Aus seiner Sicht lassen sich viele Formen modernen Unglücks darauf zurückführen, dass zwischen dem, wonach wir streben, und dem, was wir in unserer Urnatur sind, mittlerweile ein zu grosser Unterschied besteht.
Ein gutes Beispiel dafür ist die zunehmende Einsamkeit, über die immer mehr ältere und jüngere Menschen klagen. Ein Befund, den der Berner Psychologe und Glücksforscher Bernhard Sollberger nicht zuletzt auf die alles infiltrierende Wirkmacht der sozialen Medien zurückführt. (siehe Box «Was macht die Glücksforschung?»).
Das Märchen von «Hans im Glück» bringt dieses Problem einer in vielen Bereichen masslos gewordenen Gesellschaft auf den Punkt. Hans verliert im Lauf der Geschichte alles, was ihm als erstrebenswertes Muss verkauft wird – und trotzdem wird er darob nicht immer unglücklicher, sondern im Gegenteil: Er wird immer leichter und fröhlicher. Das Glück liegt für Hans also nicht im Haben, sondern im Loslassen und in der Rückkehr zu einer Einfachheit, die nicht arm, sondern gefühlt stimmig und für ihn somit richtig ist. Mich berührt dieses Märchen, weil es von einer Ahnung berichtet, die viele von uns kennen: Das Glück liegt nicht unbedingt dort, wo uns gesagt wird, dass es sei, sondern dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu arbeiten.

Ein Lachen, das von Herzen kommt, ist mehr wert als alles Gold der Welt – so schön es auch schimmern mag.
Geld macht nur bedingt glücklich
Die moderne Glücksforschung hat in den letzten Jahrzehnten vieles entzaubert. Sie zeigt, dass Wohlstand und Sicherheit wichtig sind – aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Sind die Grundbedürfnisse eines Menschen gedeckt, dann verlieren Geld und Besitz ihre glückssteigernde Wirkung. Mehr Besitz führt demnach nicht automatisch zu mehr Zufriedenheit, auch wenn uns die Superreichen dieser Welt das weismachen wollen. Es sind andere Faktoren als Geld und Macht, die zu unserem Glück und somit zu unserer Zufriedenheit beitragen. Alle Studien zum Glück kommen diesbezüglich zum selben Resultat: Unsere Beziehungen zu anderen Menschen und zu uns selbst sind es, die uns mit Glück und Zufriedenheit füllen. Der österreichische Philosoph Michael Zichy kommt bei seiner Suche nach dem Lebenssinn zum Schluss, dass es im Leben darum geht, aus den richtigen Gründen und um seiner selbst willen anderen Menschen wichtig zu sein. Wahre Freundschaften und tragfähige Beziehungen sind denn auch die stärksten Glücksfaktoren überhaupt. Und: Sie schützen vor Krankheit und Einsamkeit und geben dem Leben eine zutiefst menschliche Bedeutung.
Auch die immer wieder in Teilen tabuisierte Sexualität gehört in diesen Zusammenhang, denn sie ist eine unserer grössten Ressourcen für ein gutes Lebensgefühl. «Wenn wir sexuell genährt sind, sind wir kreativer, stärker, ausgeglichener und lebendiger», sagt dazu Marcel Ruchti, der in Thun mit «Herz & Sinne» eine Tantra-Schule führt. «Eine erfüllte und befreite Sexualität hat einen direkten Einfluss auf unser Glücksgefühl.» Ein weiterer wichtiger Faktor, der zu Zufriedenheit führt, sind sinnvolle Tätigkeiten. Menschen, die aufgehen in dem, was sie tun, die einer Arbeit nachgehen, die sie fordert, aber nicht überfordert, erleben immer wieder Glücksgefühle. «Wenn Können, Aufgabe und Aufmerksamkeit zusammenfinden, dann ist der Mensch im Flow», nannte der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihaly diesen befriedigenden Zustand.
Zu all dem gesellen sich aber noch weitere Aspekte, die das persönliche Glück beeinflussen und die nicht unterschätzt werden dürfen. Dazu gehören Spiritualität, Naturverbundenheit und das Gefühl, Teil von etwas Grossem zu sein. Auch nicht zu unterschätzen sind gesellschaftliche Entwicklungen, die aktuelle politische Unsicherheit, wachsende soziale Ungleichheit und natürlich auch die Klimakrise – all das wirkt sich auf das individuelle Glück aus, denn Glück ist nie rein privat, es ist immer eingebettet in eine Welt, die uns trägt oder belastet. Das Märchen von den Sterntalern kann hier eine Anregung sein, denn das Mädchen in der Geschichte wird am Ende nicht deshalb mit Sterntalern belohnt und glücklich, weil es Angst hat – sondern weil es dem Leben vertraut.
«Wir können Bedingungen schaffen, unter denen Glück wachsen kann.»
Was in unserer Macht steht – und was nicht
Wenn wir also fragen, was Glück ist, stellt sich auch die Frage nach der Eigenverantwortung. Sind wir tatsächlich unseres Glückes eigener Schmied? Meine Antwort darauf lautet Ja – aber anders, als dieser Spruch oft verstanden wird. Glück lässt sich nicht erzwingen, nicht auf Teufel komm raus herstellen, kaufen und schon gar nicht dauerhaft festhalten. Aber wir können Bedingungen schaffen, unter denen Glück entstehen kann, indem wir Beziehungen pflegen, unseren Tätigkeiten einen Sinn geben, Mass halten und nicht nach dem Unerreichbaren streben. Und: Wir können lernen, uns selbst besser zu verstehen und zwischen dem zu unterscheiden, was in unserer Macht steht, und dem, was wir annehmen müssen.
Ein Patentrezept zum Glücklichsein gibt es nicht, und deshalb ist die vielleicht ehrlichste Schlussfolgerung die: Glück ist weder reiner Zufall noch reine Leistung. Glück ist ein Prozess, eine Beziehung und eine Haltung zum Leben, und wer sein Glück schmiedet, tut dies nicht mit Gewalt, sondern mit Aufmerksamkeit und nicht gegen die Welt, sondern mit und in ihr. Und ja, wer weiss, vielleicht beginnt das Glück genau dort, wo wir aufhören, es unbedingt haben zu wollen, und wir beginnen, so zu leben, dass es uns finden kann. Oder wie es der Berner Paartherapeut und Männercoach Peter Oertle sagt: «Wünsch dir das, was du hast – und du wirst zufrieden sein.»

Was macht die Glücksforschung?
Was man unter Glück versteht, was alles dazu gehört und wie man es erreicht, darum kümmert sich seit fast hundert Jahren die Glücksforschung. 1938 startete die Harvard Universität in den USA eine bis heute andauernde und mehrere Generationen umfassende Langzeitstudie zum Thema. Sie untersucht, was Glück ausmacht und wie es sich im Verlauf der Jahre verändert. Hier sei eines der Resultate gleich vorweggenommen: Tragfähige Freundschaften und Beziehungen sind ebenso ein Schlüssel für empfundenes Glück wie auch ein erfüllter Lebenssinn im Arbeits- und im Privatbereich.
Die Glücksforschung hat sich mittlerweile auch in vielen europäischen Forschungsanstalten etabliert und ist interdisziplinär geworden. Psychologie, Soziologie, Medizin, Neurowissenschaften und Wirtschaftswissenschaften arbeiten hier zusammen. Auch die UNO macht mit und veröffentlicht regelmässig den sogenannten «World Happiness Report». In der Schweiz sind es der Ökonom Mathias Binswanger und der Psychologe Bernhard Sollberger, die sich als Glücksforscher mit der Befindlichkeit der Bevölkerung auseinandersetzen. Ähnlich wie die UNO kommen auch sie dabei zum Schluss, dass Schweizerinnen und Schweizer im Grossen und Ganzen zu den glücklichsten Menschen der Welt gehören.
Die Glücksforscher zeigen in ihren Befragungen und Studien aber auch auf, was das Glück beeinträchtigen kann. In der Schweiz ist das unter anderem ein um sich greifendes Einsamkeitsgefühl, das sich unter älteren, aber immer mehr auch unter jungen Menschen breitmacht. Einen Grund dafür sieht Bernhard Sollberger in unserem Umgang mit den sozialen Medien. Da habe man zwar viele Follower oder digitale Freunde – doch wirklich nahe stünden einem am Ende des Tages nur sehr wenige.

Buchtipps:
Michael Zichy: «Anderen wichtig sein – eine Philosophie
des Lebenssinns», Verlag Suhrkamp, 2025
Carel van Schaik/Kai Michel: «Mensch sein –
von der Evolution für die Zukunft lernen», Verlag Rowohlt, 2023
Paul Watzlawick: «Anleitung zum Unglücklichsein»,
Verlag Piper Taschenbuch, 2021
Glücksfaktoren und Unglücksfaktoren
Die Forschung zeigt, dass Glück nicht durch einzelne Faktoren entsteht, sondern durch ein Zusammenspiel biologischer, psychologischer, sozialer und gesellschaftlicher Bedingungen. Das erstaunliche daran: Nachhaltig glücklich machen in der Regel nicht die spektakulären, sondern die ganz «gewöhnlichen» Dinge im Alltag, die wir als selbstverständlich ansehen – und die oft gar nicht so leicht zu erreichen sind.
Das sind die wichtigsten Glücksfaktoren:
- Stabile soziale Beziehungen
- Erfüllende Arbeit, gesellschaftliches Engagement
und kreative Tätigkeiten - Angemessene und erfüllbare Herausforderungen
- Massvolle materielle Sicherheit
- Körperliche Gesundheit, genug Bewegung und
ausreichend Schlaf
Das sind die wichtigsten Unglücksfaktoren:
- Einsamkeit und soziale Ausgrenzung
- Dauerhafter Stress und Unsicherheit
- Armut und fehlende Sinnperspektiven
- Ständiges Vergleichen mit anderen
- Übersteigerte Erwartungen an sich selbst
- Der Druck, glücklich sein zu müssen
Eine kleine Anleitung zum Glücklichsein
Glück lässt sich nicht erzwingen – aber begünstigen. Die Glücksforschung zeigt, dass bereits kleine, regelmässige Veränderungen im Alltag eine spürbare Wirkung haben können. Die nachfolgenden Tipps sind keine Garantie für Glück. Aber sie schaffen Bedingungen, unter denen es wahrscheinlicher wird.
1. Beziehungen pflegen: Nehmen Sie sich mehr Zeit für Menschen, die Ihnen etwas bedeuten. Menschen treffen, zuhören, gemeinsame Erlebnisse und ehrliche Gespräche wirken besser als Selbstoptimierungskurse.
2. Dankbarkeit kultivieren: Nehmen Sie wahr, was sie schon alles haben, statt sich auf das zu konzentrieren, was Ihnen zu fehlen scheint, denn das steigert Ihre Zufriedenheit. Kleine Dankbarkeitsrituale – etwa das bewusste Erinnern an positive Erlebnisse – können das Wohlbefinden steigern. Führen Sie ein Glückstagebuch und notieren Sie sich darin jeden Tag eine Begebenheit, die Sie hat staunen oder lächeln lassen oder die Sie einfach zufrieden gemacht hat.
3. Sinnvolle Tätigkeiten suchen: Ob Arbeit, Ehrenamt oder Hobby – Tätigkeiten, die als befriedigend erlebt werden, ohne zu überfordern, erhöhen die Lebenszufriedenheit. Wo Können und Herausforderung in Balance sind, entsteht ein zufriedenstellender «Flow».
4. Körper und Geist ernst nehmen: Bewegung, genug Schlaf, eine ausgewogene Ernährung und genügend Zeit für sich selbst fördern das emotionale Gleichgewicht.
5. Mass halten und vergleichen meiden: Glück wächst selten im ständigen Mehr. Üben Sie sich darin, zwischen Wunsch und Bedürfnis zu unterscheiden und vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Das entspannt, denn Zufriedenheit entsteht oft dort, wo das Genug wieder sichtbar wird.
