Vom aufrechten Gang zur inneren Haltung

Rückgrat zeigen in einer Welt, die aus den Fugen scheint oder in einem Umfeld, das sogleich mit einem Shitstorm droht, wenn nicht die «richtige» Haltung an den Tag gelegt wird, ist alles andere als einfach – und lohnt sich trotzdem. Wer auch mal gegen den Strom zu seinen Werten steht und Haltung zeigt, riskiert Konflikte, und doch berichten Menschen, die das tun, dass gerade das ihnen ein Gefühl von Würde und Freiheit gibt. Wer aufrecht durchs Leben geht, und deshalb auch mal im Wind steht, hat also mehr davon.

Markus Kellenberger

Ursprünglich sollte sich dieser Artikel um die rein medizinische Seite unseres Rückgrates drehen, schliesslich leiden recht viele Menschen hin und wieder und teilweise sogar dauerhaft an Rückenschmerzen, doch dann kam es anders. Wie meist, bevor ich zu schreiben beginne, machte ich erst einen Waldspaziergang, um meine Gedanken zum Thema zu sammeln, und wie ich so ging, merkte ich plötzlich, dass ich – wie übrigens viele Menschen – mit gesenktem Kopf unterwegs war. Mein Blick war auf den Boden gerichtet und die Schultern leicht nach vorne gezogen, als würde ich etwas tragen, das nicht sichtbar ist.

Abrupt blieb ich stehen. Dann richtete ich mich langsam auf, streckte die Wirbelsäule, atmete tief ein – und etwas veränderte sich. Mein Blick hob sich vom Boden erst nach vorn, dann weiter hoch zu den Baumwipfeln und zum Himmel, und die Welt wurde weit und gross. Wir Menschen sind die Wesen des aufrechten Ganges, ging mir durch den Kopf. Unsere Wirbelsäule trägt uns nicht nur körperlich, sie ist auch ein Bild für etwas Inneres. Für Würde, für Haltung und für die Fähigkeit, auf- und hinzustehen – für uns selbst, für andere und für das, was uns wichtig ist. Hinstehen und Haltung zeigen, das macht uns neben dem aufrechten Gang erst zu Menschen. Doch gerade diese Fähigkeit scheint in unserer laut und egoistisch gewordenen Welt immer mehr zu schwinden.

Der aufrechte Mensch

Der aufrechte Gang gehört zu den entscheidenden Schritten der Menschwerdung. Irgendwann vor langer Zeit richteten sich unsere Vorfahren auf und begannen, auf zwei Beinen zu gehen, und das veränderte alles. Die Hände wurden frei, Werkzeuge entstanden und mit ihnen das, was wir Kultur nennen. Der Mensch wurde nicht nur ein Wesen, das überlebt, sondern eines, das über den Horizont hinaus sehen will, das gestaltet, Fragen stellt und Verantwortung übernimmt. Seit der Antike haben sich Denkerinnen und Denker mit dieser Eigenart der Gattung Mensch befasst, und darauf hingewiesen, dass der aufrechte Gang mehr ist als nur eine körperliche Anpassung. Er ist, wie das auch der deutsche Philosoph Kurt Bayertz in seinem Buch, das tatsächlich den Titel «Der aufrechte Gang» trägt, feststellt, ein Symbol dafür, dass der Mensch nicht nur ein Teil der Natur ist, sondern auch ein Wesen des Bewusstseins. Wir stehen aufgerichtet sinnbildlich zwischen Himmel und Erde – mit den Füssen auf dem Boden und mit dem Kopf unter dem Himmel. Diese Haltung enthält, so Bayertz, eine grosse Idee: Der Mensch kann sich körperlich und geistig erheben und Haltung zeigen.

Haltung ist mehr als nur eine Meinung

Haltung entsteht jedoch nicht über Nacht. Sie wächst aus Erfahrungen, aus Begegnungen und, das mag erstaunlich scheinen, aus Momenten, in denen ein Mensch merkt: Hier ist eine Grenze, bis hierhin und nicht weiter. Oft sind es nämlich die schwierigen Situationen im Leben, die zeigen, ob eine Haltung wirklich trägt. Solange alles ruhig und bequem ist, können alle grosszügig, tolerant oder mutig wirken. Doch wenn Druck entsteht, wenn ein Konflikt unvermeidlich scheint und Nachteile drohen – dann beginnt der eigentliche Haltungstest. In solchen Situationen zeigt sich, ob Überzeugungen nur schöne Worte sind oder ob sie wirklich Teil der eigenen Persönlichkeit geworden sind.

Interessanterweise entsteht Haltung selten durch moralische Belehrungen, wie sie beispielsweise in der Politik und im öffentlichen Diskurs immer häufiger werden. Haltung entsteht eher durch Vorbilder, durch Menschen, die ruhig und selbstverständlich zum dem stehen, was sie für richtig halten, und auch bereit sind, dafür die Konsequenzen zu tragen. Jesus und Mahatma Gandhi oder auch die Feministin Alice Schwarzer sind gute Beispiele dafür, aber auch der Lehrer, der für eine Schülerin einsteht, die Mitarbeiterin, die mutig eine Ungerechtigkeit anspricht, oder der Freund, der einen nicht vor einer unangenehmen Wahrheit verschont. Geschichten über und Begegnungen mit solchen Menschen hinterlassen Spuren. Sie zeigen uns, dass es möglich ist, aufrecht zu bleiben, auch wenn der Gegenwind stärker wird oder der Mainstream das gerade anders sieht.

Haltung hat dabei wenig mit Starrheit zu tun, im Gegenteil. Wer eine gefestigte Haltung besitzt, kann oft gerade deshalb offen bleiben für neue Argumente, denn Integrität und bei sich zu bleiben, bedeuten nicht, immer Recht zu behalten, sondern immer wieder ehrlich zu prüfen, ob man sich vielleicht irrt. Ein Mensch mit Haltung kann so seine Meinung ändern, ohne dabei seine Würde zu verlieren. Und vielleicht liegt genau darin die grosse Herausforderung unserer Zeit. In einer Welt voller schnell gemachter Meinungen und lautstarker Empörung wächst die Bedeutung jener Menschen, die sich Zeit nehmen, um wirklich zu verstehen, worum es geht – und deshalb Haltung bewahren. Das braucht Mut und ebenso auch Geduld.

Warum Haltung zeigen glücklich macht

Wer Rückgrat zeigt und nicht einfach so mit dem Strom schwimmt, riskiert Konflikte. Das mag auf den ersten Blick unangenehm scheinen, aber viele Menschen, die trotz Gegenwind für ihre Werte einstehen, berichten, dass sie dafür ein Gefühl von Freiheit gewonnen hätten. Der Grund liegt vermutlich darin, dass Haltung zeigen eine Form der inneren Ordnung schafft. Wenn Überzeugung und Handlung zusammenpassen, entsteht ein Gefühl von Stimmigkeit, und das Leben wirkt weniger zerrissen. Psychologinnen und Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von Selbstkongruenz. Gemeint ist damit der ausbalancierte Zustand, in dem ein Mensch so lebt, wie es seinen eigenen Werten entspricht, nämlich aufrichtig. Menschen in diesem Zustand wirken auf andere oft stabil und wie der berühmte Fels in der Brandung. Sie müssen nicht ständig überlegen, was andere gerade von ihnen erwarten könnten, denn sie orientieren sich an etwas Innerem, und diese innere Orientierung ist ihr Kompass – und nicht die Meinung anderer Leute.

Natürlich schützt auch eine klare Haltung nicht vor Zweifeln und Fehlern. Jeder Mensch macht Fehler und irrt sich gelegentlich. Doch der Unterschied besteht darin, wie man mit solchen Situationen umgeht. Wer Rückgrat und einen inneren Kompass hat, kann auch Irrtümer eingestehen, ohne sich selbst zu verlieren, denn die eigene Würde hängt nicht davon ab, immer perfekt und fehlerfrei zu sein. Man könnte an dieser Stelle auch sagen: Rückgrat zeigen macht das Leben nicht unbedingt einfacher – aber ehrlicher. Und diese Ehrlichkeit sich selbst und anderen gegenüber hat eine erstaunliche Nebenwirkung: Sie bringt eine Form von Frieden mit sich.

Aufrecht zwischen Himmel und Erde

Ich glaube nicht, dass es Zufall ist, dass viele spirituelle Traditionen den aufrechten Körper betonen. Wer meditiert oder betet, sitzt meist nicht zusammengesunken auf einem Stuhl, sondern hält den Rücken gerade, atmet ruhig und wird innerlich still und klar. In vielen alten Kulturen wurde der Mensch als ein Wesen verstanden, das zwei Welten miteinander verbindet. Die Erde, auf der wir leben, und den Himmel, der für das Geheimnis des Lebens steht. Der aufrechte Körper mit den Füssen am Boden und dem Kopf im Licht bildet gewissermassen eine Achse zwischen beiden.

Auch ausserhalb religiöser Traditionen kann dieses Bild berühren. Es erinnert daran, dass der Mensch mehr ist als nur ein Konsument oder eine Arbeitskraft – wir sind Wesen, die Sinn suchen, Fragen stellen und Verantwortung übernehmen, in erster Linie für uns selbst. Die Bergpredigt von Jesus greift genau diesen Gedanken in der Seeligpreisung (Matthäus 5, 3-12) auf. Wenn dort davon gesprochen wird, dass der Mensch aufrecht gehen soll, dann ist damit nicht nur eine körperliche Bewegung gemeint, sondern eine Haltung dem Leben gegenüber. Und so heisst es dort unter anderem in einer modernen Übersetzung: «Aufrecht gehen sollen alle, die sich und anderen nichts vormachen.» Diese Worte erinnern daran, dass Würde nicht von äusseren Erfolgen abhängt, sondern davon, ob ein Mensch bereit ist, in Übereinstimmung mit seinem Gewissen zu leben und zu handeln.

Eine Zeit ohne Rückgrat?

Wenn ich die Nachrichten unserer Zeit verfolge, dann wächst in mir der Eindruck, dass Haltung zeigen keine besonders verbreitete Eigenschaft mehr ist. Die Natur wird ausgebeutet, als gäbe es kein Morgen, Menschen arbeiten für unseren Wohlstand irgendwo auf der Welt unter Bedingungen, die wir selbst nie akzeptieren würden, und hemmungslos macht sich von Gier getriebene Machtpolitik breit. Wir wissen das alles – und machen trotzdem weiter wie bisher. Warum ist das so? Ein Grund dafür liegt sicher im Druck, dem wir alle ausgesetzt sind. Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten, die sozialen Erwartungen und die digitalen Empörungswellen können dazu führen, dass viele Menschen Konflikten lieber ausweichen als Haltung zu zeigen. Doch Anpassung hat ihren Preis. Eine Gesellschaft, in der niemand mehr Haltung zeigt und für achtbare Werte einsteht, verliert ihre moralische Orientierung und damit sich selbst. Interessanterweise kennen viele indigene Kulturen eine ganz andere Sicht auf den Menschen. Dort gilt der Mensch nicht als Herr der Welt, sondern als Teil eines grossen Beziehungsnetzes. Dieses Netz umfasst nicht nur die Menschen, sondern auch die Tiere und Pflanzen, die Verstorbenen und die kommenden Generationen. In dieser Perspektive ist Verantwortung selbstverständlich, und man fragt nicht nur: «Was nützt mir das?», sondern auch: «Was bedeutet mein Handeln für das Ganze?» Vielleicht liegt hier eine Erinnerung an etwas, das auch in uns noch lebt: die indigene Urnatur des Menschen. Das ist jener Teil in uns drin, der weiss, dass Würde und Verantwortung zusammengehören.

Und so führt die Geschichte wieder zurück zum Anfang, zur einfachen Bewegung des Sich-Aufrichtens. Rückgrat zeigen bedeutet nicht, immer Recht zu haben oder moralisch überlegen zu sein, und auch nicht, laut oder kämpferisch zu werden. Vielmehr bedeutet es, sich nicht zu verbiegen. Und vielleicht beginnt das tatsächlich mit jener kleinen Bewegung, mit der wir den Blick vom Boden zum Horizont erheben, und uns fragen: Wofür stehe ich? Was trägt mich? Und wofür bin ich bereit aufzustehen? Der Mensch ist dafür gemacht, aufrecht durchs Leben zu gehen.

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