Vergessene Frauen
Lange hat sich die Medizin an Männern orientiert. Viele Studien und Therapien wurden basierend auf den Daten von männlichen Patienten entwickelt. Dadurch werden viele Krankheiten bei Frauen zu spät oder falsch diagnostiziert. Wir haben mit Prof. Meyer-Zürn vom Universitären Herzzentrum Basel darüber gesprochen, wie die Gendermedizin versucht, dies zu ändern.
Interview: Blanca Bürgisser

natürlich: Was beinhaltet die Gendermedizin?
Prof. Meyer-Zürn: Die Gendermedizin, auch geschlechtersensible Medizin genannt, untersucht und berücksichtigt systematisch Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf Erkrankungshäufigkeit, Symptome, Diagnostik, Therapie und Prognose. Ziel ist es, die Gesundheit aller Geschlechter zu verbessern, indem sowohl das biologische Geschlecht (eng. «sex») als auch das soziale Geschlecht (engl. «gender») in medizinische Entscheidungen einbezogen werden.
Dabei geht es nicht nur um Unterschiede zwischen Frauen und Männern, sondern auch um geschlechtsspezifische Lebensumstände, Rollenbilder und Zugänge zum Gesundheitssystem, die sich auf Krankheitsverläufe und Behandlungsergebnisse auswirken können.
Wieso braucht es die Gendermedizin?
Gendermedizin ist notwendig, weil die Medizin lange Zeit nicht so neutral war, wie man angenommen hat. Viele Studien, Leitlinien und Therapien basieren überwiegend auf Daten von Männern – mit der Folge, dass Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu wenig berücksichtigt werden. Heute wissen wir, dass sich zahlreiche Erkrankungen bei Frauen und Männern unterschiedlich äussern.
Gendermedizin hilft, diese Unterschiede zu erfassen und in die Versorgung zu integrieren. Ziel ist es, Diagnosen früher zu stellen, Therapien anzupassen und die Behandlungsqualität insgesamt zu verbessern, für alle Geschlechter. Somit ist die Gendermedizin ein zentraler Bestandteil der personalisierten bzw. Präzisionsmedizin: Sie trägt dazu bei, Diagnostik und Therapie individueller, zielgerichteter und wirksamer zu gestalten. Zahlreiche Studien zeigen, dass eine geschlechtersensible Herangehensweise die Versorgungsqualität verbessert und dazu beitragen kann, Fehldiagnosen sowie Unter- oder Übertherapie zu vermeiden.
Können Sie einige Beispiele nennen, wie die Medizin bisher auf Cis-geschlechtliche Männer ausgerichtet war und welche Folgen das bis heute hat?
Beim Herzinfarkt etwa orientierten sich Lehrbücher lange an den «typischen» Symptomen bei Männern, wie dem starken Brustschmerz. Frauen zeigen jedoch häufiger unspezifischere Symptome wie Übelkeit, Müdigkeit oder Atemnot – was dazu führt, dass Herzinfarkte bei ihnen noch immer häufig erst später erkannt werden.
Hinzu kommt, dass Frauen häufiger an sogenannten nicht-obstruktiven Herzkranzgefässerkrankungen leiden, also an Durchblutungsstörungen ohne relevante Gefässverengung, etwa im Rahmen einer Erkrankung der kleinsten Blutgefässe des Herzens. Diese Form der Erkrankung wird in der klinischen Praxis noch immer zu selten erkannt, da sie in klassischen diagnostischen Algorithmen lange nicht ausreichend berücksichtigt wurde.
Ein weiteres Beispiel zeigt sich bei der Herzmuskelschwäche (Herzinsuffizienz). Frauen entwickeln häufiger eine Form der Herzinsuffizienz mit erhaltener Pumpfunktion, während bei Männern häufiger die klassische Form mit reduzierter Auswurffraktion auftritt. Diese Unterschiede haben wichtige diagnostische und therapeutische Konsequenzen, da sich Symptome, Krankheitsverlauf und Behandlungsmöglichkeiten unterscheiden können.
Zudem werden frauenspezifische Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oft zu wenig berücksichtigt. Dazu zählen beispielsweise Schwangerschaftskomplikationen wie Hypertonie, Diabetes oder Präeklampsie, Rheumaerkrankungen sowie eine frühe Menopause, die das kardiovaskuläre Risiko deutlich erhöhen können.
Auch bei Medikamenten gibt es Unterschiede. Frauen haben im Schnitt einen anderen Stoffwechsel, eine andere Körperzusammensetzung und hormonelle Einflüsse, die Wirkung und Nebenwirkungen beeinflussen.
Diese historisch gewachsene Ausrichtung wirkt bis heute nach. Sie zeigt, wie wichtig es ist, geschlechterspezifische Unterschiede systematisch zu berücksichtigen, um eine wirklich gerechte und wirksame medizinische Versorgung zu gewährleisten.
«Viele Studien und Therapien basieren überwiegend auf Daten von Männern.»
Welche Schritte haben Sie in die Wege geleitet, um dies zu ändern?
Am Universitätsspital Basel haben wir das «Women’s Heart Health Programm» aufgebaut, um geschlechterspezifische Kardiologie strukturell in Klinik, Forschung und Lehre zu verankern.
Ein zentraler Bestandteil ist die Frauenherzsprechstunde, in der Patientinnen mit kardiovaskulären Beschwerden gezielt, differenziert und ganzheitlich abgeklärt werden – mit besonderem Fokus auf Herzerkrankungen, die bei Frauen eine wichtige Rolle spielen.
Ergänzend dazu haben wir ein Forschungsprogramm im «Cardiovascular Research Institute Basel» etabliert, das sich gezielt mit kardiovaskulären Erkrankungen bei Frauen beschäftigt. Ziel ist es, bessere wissenschaftliche Evidenz zu schaffen, um Diagnostik und Therapie künftig geschlechterspezifischer und präziser gestalten zu können.
Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt liegt auf der Aus- und Weiterbildung: Wir bilden sowohl Studierende der Universität Basel als auch medizinisches Fachpersonal gezielt im Bereich der Frauenherzgesundheit aus. Darüber hinaus ist auch die Aufklärung der Bevölkerung ein wichtiger Teil des Programms, um das Bewusstsein für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Frauen zu stärken und eine frühere Diagnose zu ermöglichen.
Insgesamt verfolgen wir damit einen integrierten Ansatz, der Versorgung, Forschung und Weiterbildung verbindet – mit dem Ziel, geschlechtersensible Kardiologie nachhaltig in der klinischen Praxis zu verankern.

Welche Rolle spielt die geschlechterspezifische Sozialisierung des Gesundheitspersonal?
Die geschlechterspezifische Sozialisierung des Gesundheitspersonals spielt eine wichtige Rolle in der täglichen klinischen Praxis, meist unbewusst. Ärztinnen, Ärzte und Pflegefachpersonen werden nicht nur von ihrem medizinischen Wissen, sondern auch durch gesellschaftliche Vorstellungen von Geschlecht geprägt. Diese sogenannten «impliziten Biases» können Einfluss darauf haben, wie Symptome von Patientinnen und Patienten wahrgenommen, interpretiert und behandelt werden.
Ein gut dokumentiertes Beispiel ist der Umgang mit Schmerzen: Studien zeigen, dass Schmerzen bei Frauen im Durchschnitt häufiger als emotional oder psychosomatisch eingeordnet werden, während bei Männern eher eine organische Ursache vermutet wird. Das kann dazu führen, dass ernsthafte Erkrankungen bei Frauen später erkannt oder weniger konsequent abgeklärt werden. Ähnliche Muster finden sich auch in der Kardiologie, wo Beschwerden von Frauen – insbesondere bei unspezifischer Symptomatik – teilweise weniger schnell als potenziell kardial eingeordnet werden.
Diese Effekte sind in der Regel nicht Ausdruck bewusster Diskriminierung, sondern Resultat historisch gewachsener medizinischer Leitbilder und gesellschaftlicher Stereotype. Deshalb ist es wichtig, geschlechtersensible Medizin nicht nur auf biologische Unterschiede zu beschränken, sondern auch soziale Einflüsse im medizinischen Alltag zu berücksichtigen. Wenn Fachpersonen ihre eigenen Denkweisen hinterfragen, gut geschult sind und nach klaren Abläufen arbeiten, hilft das, Vorurteile zu vermeiden und alle Patientinnen und Patienten gerecht zu behandeln.
Christine Stefanie Meyer-Zürn
Prof. Christine Stefanie Meyer-Zürn ist Oberärztin am Universitären Herzzentrum Basel. Mit dem Aufbau des «Women's Heart Health Programm» möchte sie geschlechterspezifische Kardiologie strukturell in Klinik, Forschung und Lehre verankern.
