«Unser Gedächtnis ist eine Schatzkammer»

Mit über 60 Jahren wurde Luise Maria Sommer Senior World Memory Champion – und widerlegt damit die Vorstellung, dass ein gutes Gedächtnis vor allem eine Frage des Alters oder der Begabung sei. Im Interview erklärt die Gedächtnisexpertin, warum Neugier der wichtigste Jungbrunnen für das Gehirn ist und wie alle Menschen Merktechniken im Alltag nutzen können.

Interview: Samuel Krähenbühl

«natürlich»: Sie wurden mit über 60 Jahren Senior World Memory Champion. Was hat Sie ursprünglich dazu gebracht, Ihr Gedächtnis so konsequent zu trainieren – und was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Luise Maria Sommer: 1993 sass ich in einem Vortrag zum Thema «Gedächtnis & Lernen». Nicht zufällig. Zwei nahe Verwandte in meiner Familie waren in ihren letzten Lebensjahren an Demenz erkrankt. Ich war zwar erst 38, bemerkte aber an mir selbst erste Anzeichen von Vergesslichkeit. In diesem Vortrag lernte ich eine antike Merkmethode kennen und war sofort fasziniert.

Ich entwickelte diese Techniken weiter, trainierte zunächst meine Schülerinnen und Schüler für Gedächtnismeisterschaften und entdeckte dann auch für mich die Lust am «Memorieren gegen die Uhr». Spannende Meilensteine begleiteten mich auf diesem Weg, der mich schliesslich 2016 zu den «World Memory Championships» nach Singapur führte. Dass ich dort in vier von zehn Bewerben besser abschnitt als bei meiner letzten Teilnahme 2004 in Manchester, hat mich am meisten überrascht und natürlich gefreut.


Sie sprechen oft davon, dass wir unser Gehirn unterschätzen. Welche verbreitete Vorstellung über das Älterwerden halten Sie für besonders irreführend?

Am meisten stört mich das Vorurteil, dass höheres Alter automatisch mit schlechterem Gedächtnis verbunden sei. Viel mehr liegt hier in unserer Hand, als wir gemeinhin annehmen. Unsere Vorstellungen vom Alter haben einen entscheidenden Einfluss auf unser eigenes Älterwerden.

Ich beginne viele meiner Vorträge mit einer Live-Gedächtnis-Performance. Das verblüfft zuerst, aber noch wichtiger ist das Staunen am Ende: wenn Menschen erkennen, wie viel mehr, als sie dachten, sie sich selbst merken können. Das ist für mich immer wieder ein beglückender Moment.


Gedächtnisweltmeister*innen merken sich Hunderte Zahlen oder Kartenfolgen. Was davon ist für den Alltag relevant? Können Menschen ohne besondere Begabung von denselben Techniken profitieren?

Es beginnt mit dem Wollen. Will ich mir meinen Code so merken, dass ich ihn jederzeit abrufen kann? Die Handynummer meiner Liebsten? Den Namen eines neuen Menschen, den ich gerade kennengelernt habe? Wer diese Fragen mit Ja beantwortet, kann dieselben kreativen Strategien aus dem Gedächtnissport auch im Alltag nutzen. Und dabei zugleich das eigene Gedächtnis trainieren.


«Bleiben Sie neugierig und bereit, immer wieder Neues zu lernen.»


Wie verändern Smartphones, Suchmaschinen und KI-Assistenten unser Erinnern und Denken – welche Chancen bieten sie, und wo liegen die Risiken?

Diese digitalen Assistenten sind für mich zuerst einmal wunderbare Entlastungen. Sie liefern Informationen und nehmen uns Routine ab. Aber sie dürfen nicht dazu führen, dass wir das eigene Erinnern verlernen. Was wir nicht trainieren, verliert an Kraft. Für mich ist Erinnerung nicht nur ein Abruf von Daten, sondern ein lebendiger Prozess. Unser Gedächtnis ist eine Schatzkammer. Es zu trainieren heisst, diese Schatzkammer zu pflegen und zu füllen. Technik kann eine kluge Helferin sein – niemals aber ein Ersatz für eigenes Denken und Erinnern.


Wenn Sie den Lesenden von «natürlich» einen einzigen Rat geben könnten, wie sie ihr Gehirn bis ins hohe Alter lebendig und leistungsfähig halten, welcher wäre das?

Bleiben Sie neugierig! Bleiben Sie bereit, immer wieder Neues zu lernen – über das Leben, unsere Welt und vor allem über sich selbst. Das ist mein wichtigster Rat. Dieses lebenslange Lernen steht bei mir an erster Stelle meiner fünf Lebens-Ls: Lernen, Laufen, Lachen, Lieben was ist und Loslassen.

Laufen steht dabei auch für körperliche Bewegung in jeder Form. Selbst ein kurzer Spaziergang am Tag tut viel. Lachen steht für eine positive Haltung gegenüber Veränderungen. Und die letzten beiden Ls – Lieben, was ist und Loslassen – sind für mich zu wichtigen Lebensbegleitern geworden. Somit schliesst sich der Kreis: Ich darf wohl bis an mein Lebensende weiter dazulernen

 

 

Luise Maria Sommer

Dr. Luise Maria Sommer ist seit Jahrzehnten in den Bereichen Gedächtnis, Lernen und mentale Leistungsfähigkeit tätig. Als Senior World Memory Champion und erfahrene Pädagogin vermittelt die Österreicherin komplexe Inhalte verständlich und praxisnah. Zu ihren aktuellen Tätigkeiten zählt auch die Zusammenarbeit mit dem Schweizer Start-up HIRNCOACH.



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