Starke Abwehr mit natürlichen Kräften

Die Immunabwehr ist in den kalten Monaten besonders gefordert. Keime und Viren lauern überall. Die Naturheilkunde bietet ein ganzes Arsenal an Methoden, um das Abwehrsystem zu stärken und uns vor Erkältungen und Grippe zu bewahren.

Fabrice Müller

«Jeder Mensch verfügt neben seinem physischen Körper über eine Art Wärmeschild», erklärt Sonja Wunderlin aus Laufenburg AG, Naturheilpraktikerin und Dozentin an der Akademie für Naturheilkunde in Basel sowie an der Wildkräuterschule Schweiz. Wenn der Körper mit Keimen oder Viren konfrontiert werde, sei die Grösse dieses Feinstoffkörpers, auch als Aura bekannt, unter anderem dafür verantwortlich, wie wirkungsvoll das Immunsystem auf virale Angriffe von aussen reagieren könne. Verfüge dieser Wärmeschild über Schwachstellen, steige die Gefahr, anfällig für Krankheitserreger zu sein. Ein wichtiges Ziel einer naturheilkundlichen Behandlung sei es deshalb, diesen Wärmekörper zu stärken und somit auch die Immunabwehr zu fördern, betont Sonja Wunderlin. Als Ursache für eine Schwächung nennt die Naturheilpraktikerin zum Beispiel Stress, Schlafmangel, äusserliche wie auch innerliche Kälte, ausgelöst etwa durch Kummer oder Ängste. «Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf ein geschwächtes Immunsystem. In allen Fällen ist jedoch ein Übermass an Kälte vorhanden», erläutert Sonja Wunderlin.

Blick auf die Lebensführung

Am Anfang einer ganzheitlichen Behandlung nach der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde steht das Patientengespräch, um herauszufinden, welche Faktoren zu einer Schwächung des Wärmekörpers und somit des Immunsystems geführt haben. Neben körperlichen und seelischen Gründen kann laut Sonja Wunderlin auch die individuelle Lebensführung eine Rolle spielen. «Wurde über einen längeren Zeitraum hinweg einem Thema zu wenig Beachtung geschenkt – zum Beispiel durch zu wenig Bewegung, einer einseitigen Ernährung oder auch zwischenmenschlichen Problemen –, kann dies zu einer Schwächung der Abwehrkräfte führen.» Als Folge davon sei es beispielsweise möglich, dass sich Wut, die sich über längere Zeit unbewusst angestaut hat, plötzlich auf der körperlichen Ebene bemerkbar mache – etwa in Form einer zunehmenden Anfälligkeit für Viren.

 

Baunscheidt-Therapie

«Die Erkenntnisse aus einem solchen Patientengespräch sind essenziell für die Wahl des Heilmittels», sagt Sonja Wunderlin. Bestehe zum Beispiel ein lokaler Mangel an Wärme, lasse sich die betroffene Körperstelle mit der Baunscheidt-Therapie behandeln. Hierfür wird die Haut mit kleinen Nadeln und einem Öl bewusst gereizt. Dadurch entstehen kleine Hauterhebungen, vergleichbar mit Mückenstichen, die nach einer halben Stunde wieder verschwinden. «Diese Therapie fördert den Blutzudrang an der entsprechenden Körperstelle. Dadurch aktivieren wir die lokalen Abwehrkräfte», schildert Sonja Wunderlin den Heilungsansatz. Mit dieser Methode werden unter anderem chronische Kälteerkrankungen wie Arthrosen, chronische Bronchitiden, chronische Rückenschmerzen und chronifizierende Tennis- bzw. Golferellenbogen, Achillessehnenschmerzen oder andere Sehnenerkrankungen behandelt.

 

In der Baunscheidt-Therapie wird die Haut mit kleinen Nadeln und einem Öl bewusst gereizt.

 

Ableitende Wirkung: Schröpfen

Eine lokale Anwendung, um das Immunsystem systemisch zu stärken, ist das Schröpfen. Diese Methode gehört zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), ist jedoch in Europa und in der Traditionellen Europäischen Naturheilkunde (TEN) ebenfalls schon lange bekannt. Neben der ableitenden Wirkung zeichnet sich die Schröpfbehandlung durch ihre schmerzlindernde, entzündungshemmende und tonisierende Wirkung aus. Davon profitieren Stoffwechsel und Lymphfluss im betroffenen Gebiet. «Beim Schröpfen entsteht ein lokaler Bluterguss, der zu einer Bündelung der Heilkräfte an der behandelten Stelle führt», sagt die Naturheilpraktikerin. Darüber hinaus ist Schröpfen auch eine Reiztherapie, bei der man sich das Prinzip der Reflexzonen zunutze macht – das heisst: Verschiedene Hautbereiche, sogenannte Head-Zonen im Rückenbereich, sind über die Nervenbahnen mit bestimmten inneren Organen verbunden und können diese reflektorisch anregen.

 

Nasen- und Mandelrödern

Bei Erkrankungen im Hals-Nasen-Ohren-Bereich setzt Sonja Wunderlin häufig auf das sogenannte Nasenrödern. Mittels langer Wattestäbchen wird ein spezielles Reflexöl in die Nasengänge eingebracht und einmassiert. So wird die Lymphe im Kopfbereich gereinigt. Das Nasenrödern gilt als eine effektive Methode zur Behandlung von rezidivierenden Nebenhöhlenentzündungen, Rachenmandelentzündungen sowie bei einer geschwächten Nasenschleimhaut. Die Mandeln spielen für die Abwehrkraft ebenfalls eine wichtige Rolle. Durch ihre Lage an Rachen und Gaumen können sie Krankheitserreger aufhalten, die über Mund oder Nase eindringen. Zudem enthalten sie viele weisse Blutkörperchen, die dafür sorgen, dass Krankheitserreger abgetötet werden. «Immer wieder kommt es vor, dass die Mandeln durch chronische Entzündungen vernarbt und ihre Kavernen mit einem käsigen Substrat gefüllt sind. Sie werden so vom wichtigen Organ für die Abwehr zum chronischen Krankheitsherd. Darunter leidet schlussendlich das Immunsystem», erklärt Sonja Wunderlin. Statt die Mandeln voreilig zu entfernen, empfiehlt sie, die Mandeln erst einmal zu rödern. Dabei werden die Mandeln mehrere Male mit einem Saugapparat von den Eiterpfropfen, den sogenannten «Stippchen», gereinigt, indem man sie absaugt. Danach können die Tonsillen als wichtige Lymphorgane ihre Aufgabe wieder wahrnehmen und die chronische Entzündung kann sich beruhigen.

 

Neben der ableitenden Wirkung hilft Schröpfen, Schmerzen und Entzündungen zu lösen.

 

Die Kraft der Heilpflanzen

Wenn die Naturheilpraktikerin mit Heilpflanzen arbeitet, um das Immunsystem zu stärken, setzt sie zum Beispiel auf Wildbeeren wie Hagebutten, Sanddorn sowie die Schlehen, die Früchte des Schwarzdornbuschs. Während die Beeren zu einem Wärme- und Eisenaufbau im Blut führen, stärken beispielsweise Holunderblüten den Wärmeschild eines Menschen über das Lymphsystem. Die Kraft der Holunderblüten – etwa in Kombination mit Tragantwurzeln, Mädesüssblüten, Weidenrinde und Hagebuttenfrüchten – lässt sich am besten in Form eines Tees einnehmen. Ansonsten empfiehlt Sonja Wunderlin im Sinne der Ganzheitlichkeit individuell zugeschnittene Mischungen.

 

Der Sonnenhut ist eine der beliebtesten Heilpflanzen für das Immunsystem.

 

Von Sonnenhut bis Ingwer

Die Äbtissin und Heilpflanzenspezialistin Hildegard von Bingen schätzte unter anderem den Thymian als wichtigste Heilpflanze bei Atemwegserkrankungen und Erkältungen. Vor allem ist Thymian aber ein wirksamer Helfer, um die natürlichen Abwehrkräfte zu aktivieren. Er enthält sehr viele ätherische Öle, wie zum Beispiel Thymol, das besonders in der Lunge und an den Schleimhäuten antiseptisch wirkt. Echinacea, auch als Sonnenhut bekannt, ist eine der beliebtesten Heilpflanzen für das Immunsystem. Vor allem der Rote Sonnenhut wird dafür verwendet. In ihm stecken viele essenzielle Öle, Polysaccharide, Flavonoide sowie Vitamin C. Sie alle stärken aktiv das Immunsystem und können damit Erkältungen vorbeugen. Darüber hinaus entfaltet die Heilpflanze eine entzündungshemmende und antivirale Wirkung. Es wird aufgrund seiner stark aktivierenden Wirkung auf das Immunsystem aber empfohlen, den Roten Sonnenhut nicht länger als sechs Wochen einzunehmen, da das Immunsystem sonst ermüdet und es eher zu einer Schwächung statt zur Stärkung kommt. Alternativ zum Roten Sonnenhut kann die Taiga-Wurzel eingenommen werden. Für viel Feuer im Körper sorgt zum Beispiel der Ingwer. «Die tropische Wurzel hat einen besonderen Bezug zur Wärme und befeuchtet gleichzeitig. Ingwer fördert die Durchblutung und wirkt Entzündungen entgegen. Er kommt besonders bei Erkältungen zum Einsatz», informiert Sonja Wunderlin.

 

Bärlauch und Bitterenzian

Wer bereits im Vorfrühling das Immunsystem aufbauen möchte, dem seien Wildpflanzen zu empfehlen. Der Bärlauch weist eine antibakterielle und keimtötende Wirkung auf, unterstützt die Blutbildung, wirkt blutdruck- und cholesterinsenkend, stärkt das Immunsystem, fördert die Verdauung und somit auch die Ausscheidung. Der Gelbe Enzian, auch Bitterenzian genannt, wirkt anregend auf die Leber, den Sitz der Wärme im Körper.

 

Eine halbe Stunde Bewegung pro Tag

Um das Immunsystem in den kalten Monaten zu stärken, leistet Bewegung an der frischen Luft ebenfalls gute Dienste. Sonja Wunderlin empfiehlt, sich mindestens eine halbe Stunde pro Tag in der Natur aufzuhalten. «Dies tut nicht nur dem Körper gut, sondern wärmt uns auch auf der emotionalen Ebene.» Wer allerdings bereits angeschlagen ist, sollte seine Abwehrkräfte durch die Zuführung von Wärme in Form von heissen Tees, eines Saunabesuchs oder eines Rosmarinbades unterstützen. «Idealerweise geht man nach der Zuführung von Wärme mittels eines heissen Bads und eines warmen Tees ins Bett, deckt sich gut zu und schwitzt sich die Erkältung weg», ergänzt Sonja Wunderlin.

 

Spagyrik: Alchemie in der Heilkunde

Der bekannte Schweizer Arzt und Alchemist Paracelsus (1493–1541) legte den Grundstein für die zahlreichen spagyrischen Systeme. Im Zentrum der Spagyrik steht die Umwandlung von vorwiegend pflanzlichen Stoffen, um deren Kraft den Patientinnen und Patienten in Arzneien zugänglich zu machen. Es handelt sich dabei um eine Therapierichtung, die alchemistische Erkenntnisse in der Heilkunde umsetzt. Zur Herstellung spagyrischer Arzneimittel werden Pflanzen zerkleinert, vergoren, destilliert und veräschert, wobei die Wirkstoffe getrennt, bearbeitet und am Ende in der sogenannten «chymischen Hochzeit» wieder zusammengefügt werden. Ein spagyrisches Arzneimittel wird individuell für die jeweilige Person zusammengestellt. Daraus entsteht eine Mischung verschiedener Essenzen, die dazu bestimmt sind, Körper, Seele und Geist ins Gleichgewicht zu bringen.

 

 

Mit guten Düften gegen Killerzellen

Der Geruchssinn ist eng mit der Immunologie verknüpft. Angenehme Düfte sorgen für angenehme Gefühle und können über die Verbesserung der Stimmungslage Immunfunktionen positiv beeinflussen. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen ist zum Beispiel bekannt, dass Waldluft, insbesondere wenn Nadelhölzer ausreichend vertreten sind, die Anzahl und Aktivität der natürlichen Killerzellen des Immunsystems nachhaltig steigert. Mithilfe von ätherischen Ölen lässt sich zudem die Keimbelastung in der Luft, auf Gegenständen sowie auf der Haut und Schleimhaut reduzieren. So ist zum Beispiel die keimhemmende Wirkung des Öls der Zitrone wissenschaftlich gut belegt. Auch Lemongras oder Waldbaum-Öle wie Arvenöl oder Kiefernöl stärken als ätherische Öle das Immunsystem.

 

Emotionale Wärme

Bei allen naturheilkundlichen Methoden, die eine Stärkung des Immunsystems zum Ziel haben, steht die Förderung von Wärme im Zentrum. Wärme im Körper wird auch durch gewisse Emotionen erzeugt. Wer sich für etwas begeistert, sorgt laut Sonja Wunderlin für eine innere Wärme. Deshalb sollte man sich stets auch einen Ausgleich gönnen, sei es mit einem Ausflug in die Natur oder mit Kunst- und Kulturgenuss. Ebenso wärmend sind laut Sonja Wunderlin kreative Tätigkeiten wie Singen, Tanzen, Schreiben, Malen, Theaterspielen oder Musizieren. Nicht zu vergessen die sozialen Kontakte zu anderen Menschen – alles Dinge, die das Herz erwärmen.

www.sonjawunderlin.ch 

 

Rezept für Gentiana-Tonic: 
ein Apéro als Gesundheitsprävention

  • 25 Tropfen Enzian-Tinktur
  • ½ Zitrone, frisch gepresster Saft
  • 2 TL Biotta-Ingweressenz oder abgekühlter,
    sehr starker Ingwertee
  • 2 dl Wasser

Alles zusammen mischen, in eine dunkle Flasche füllen. Täglich vor der Hauptmahlzeit ca. 5 cl (ein Schnapsglas) Gentiana-Tonic trinken.

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