So fern und doch so nah
Der Mond ist unser ständiger Begleiter und übt seit jeher eine besondere Faszination auf den Menschen aus. Er erhellt die Nacht, steuert die Gezeiten und dient seit Jahrtausenden als Grundlage für Kalender und Zeitrechnung. Ein Blick auf Natur, Mensch und jahrhundertealte Beobachtungen zeigt, wie eng unser Leben mit dem Mond verbunden ist. Während einiges wissenschaftlich belegt ist, stammt anderes aus tief verwurzelten Überzeugungen.
Laura Spielmann

Die Gezeiten sind wohl der deutlichste Beweis für die Wirkung des Mondes. Mit seiner Anziehungskraft sorgt er für das regelmässige Wechselspiel von Ebbe und Flut, dem die Ozeane in einem festen Rhythmus folgen. Damit prägt der Mond Küstenlandschaften und Meeresökosysteme, denn viele Meeresbewohner richten ihre Fortpflanzung, Nahrungssuche oder Wanderungen nach diesem Rhythmus aus. Aber auch viele Menschen richten ihr Leben nach dem Mond und sind davon überzeugt, dass er Einfluss auf Körper und Gesundheit nimmt. Viele dieser Einflüsse beruhen auf über Jahrhunderte überlieferten Überzeugungen, deren Effekte kaum wissenschaftlich belegt sind.
Einfluss des Mondes
Wenn der Vollmond am Himmel steht, wirkt die Nacht heller, ruhiger und irgendwie anders. Viele Menschen berichten während dieser Zeit von unruhigem Schlaf, intensiven Träumen, gesteigerter Energie, besonderer Stimmung oder innerer Unruhe. Der Zusammenhang zwischen Vollmond und Schlafstörungen ist ein Thema, das in der Wissenschaft schon lange diskutiert wird. Untersuchungen zeigen unterschiedliche Ergebnisse. Während einige Studien belegen, dass Menschen in den Nächten vor dem Vollmond später ins Bett gehen und insgesamt weniger schlafen, zeigen andere Studien keinen signifikanten Effekt. Forschende vermuten hier eher eine psychologische Komponente: Wer mit schlechtem Schlaf rechnet, schläft tatsächlich schlechter. Auch der Menstruationszyklus wurde analysiert. Eine Langzeitstudie deutet darauf hin, dass der Zyklus bei manchen Frauen gelegentlich mit dem Mondzyklus in Einklang steht. Dies besonders bei jüngeren Frauen und bei geringem nächtlichem Lichtaufkommen. Allerdings betonen die Forschenden, dass es sich hierbei um Korrelationen handelt und nicht um bewiesene Ursachen.

Erfolgreiche Ernte
Ein weiteres Thema ist der Einfluss des Mondes auf das Pflanzenwachstum und die Landwirtschaft. Verschiedene Kulturen beobachteten über Jahrtausende hinweg den Mondzyklus und richteten ihren Alltag sowie die Landwirtschaft danach aus. Sie waren der Meinung, dass der günstigste Zeitpunkt weitgehend von der Mondphase, der täglichen Bewegung des Mondes und seinem Stand im Tierkreis abhängt.
Insbesondere im aufkommenden Ackerbau war es von entscheidender Bedeutung, den Jahresverlauf genau zu kennen und den Mondphasen und anderen Rhythmen der Natur Aufmerksamkeit zu schenken. Denn eine gute Ernte war überlebenswichtig, ebenso wie der richtige Zeitpunkt, wann welches Getreide gesät wird und wann es geerntet werden muss. Noch heute berichten viele Gärtnerinnen und Gärtner von üppigeren Erträgen, wenn sie sich nach diesen Rhythmen richten. Unsere Vorfahren hatten durch diese direkte persönliche Erfahrung die Einsicht gewonnen, dass zahllose alltägliche und weniger alltägliche Handlungen von Naturrhythmen beeinflusst werden. Durch die genaue Beobachtung der Natur und der Mondphasen gelang es ihnen schliesslich, den Mondkalender zu erstellen. Er legte ideale Zeiten für das Säen, Pflanzen und Ernten fest. Aber auch Tätigkeiten wie das Holzschlagen, das Kochen, das Essen, das Brotbacken, die Milchverarbeitung, das Haareschneiden, das Waschen, die Anwendung von Heilmitteln, Operationen, das Angeln und vieles mehr gehörten dazu. Dem Kalender zufolge hat jede Mondphase günstige oder ungünstige Einflüsse. So wird dem zunehmenden Mond beispielsweise ein fördernder Einfluss auf das Wachstum oberirdischer Pflanzen zugeschrieben.
Die genaue Beobachtung der Natur, der Tier- und Pflanzenwelt machten unsere Vorfahr*innen somit zu Profis des richtigen Zeitpunkts. Sie lebten nach der Erkenntnis, dass der Erfolg nicht nur von den vorhandenen Fähigkeiten und Hilfsmitteln, sondern auch vom richtigen Zeitpunkt abhängt. Diese Erkenntnis war weltweit verbreitet und diente als Grundlage für verschiedene Deutungen. Die Wechselwirkungen zwischen Sonnen- und Mondstand sowie Ereignisse im jahreszeitlichen Verlauf waren den Menschen früher viel bewusster, sodass sie einen erheblichen Vorteil daraus ziehen konnten. Heutzutage ist das Wissen aufgrund der technologisierten Welt jedoch weitestgehend abhandengekommen.
Mondkalender um Mondkalender
Im Laufe der Jahrhunderte waren viele historische Kalender Mondkalender. Noch heute werden alle unsere beweglichen Feiertage nach dem Stand des Mondes berechnet: So wird beispielsweise Ostern stets am Sonntag nach dem ersten Vollmond nach dem Frühlingsanfang gefeiert.

Die Mondphasen
Den verschiedenen Phasen des Mondes werden traditionell unterschiedliche Qualitäten zugeschrieben und jede Phase kann auf Mensch und Natur Einfluss nehmen. Diese sollen nachfolgend kurz beschrieben werden.
Neumond: Zeit des Neubeginns. Der Mond «erneuert» sich und lädt sich mit Energie auf. Es fühlt sich so an, als würde die Erde «einatmen». Beim Menschen sorgt der Neumond für Wachstum und Neuanfang. Das Ablegen alter Gewohnheiten wird als besonders effektiv beschrieben. Wer Neues beginnt, hat grössere Chancen auf Erfolg.
Zunehmender Mond: Aufbau und Wachstum. Alles, was dem Körper zugeführt wird, soll eine intensivere Wirkung entfalten. Diese Phase wird zudem als nicht ideal für Operationen oder grössere Verletzungen angesehen, da es zu stärkeren Blutungen aus den Wunden kommen kann. Zudem gilt es als der ideale Zeitpunkt, um Emotionen zum Ausdruck zu bringen und Klartext zu sprechen.
Vollmond: Höhepunkt. Für viele Menschen ist diese Zeit von Intensität, starken Emotionen oder Schlafmangel geprägt. Heilkräuter sollen besonders effektiv sein. Positive wie negative Gefühle werden verstärkt.
Abnehmender Mond: Entlastung und Regeneration. Hausarbeiten lassen sich leichter erledigen, Wunden heilen besser, und Fasten oder Entschlacken führt oft zu nachhaltigeren Ergebnissen. Massagen zum Lösen von Stauungen gelingen besser.
Neben den Mondphasen ist im traditionellen Mondwissen auch die Position des Mondes im Tierkreis von Bedeutung. Während die Sonne etwa einen Monat in einem Tierkreiszeichen bleibt, durchläuft der Mond alle zwölf Zeichen in ungefähr 28 Tagen. Jedem Zeichen werden bestimmte Körperregionen und Eigenschaften zugeordnet. Unsere Vorfahr*innen waren überzeugt davon, dass Handlungen, die mit diesen Körperregionen verknüpft sind, besonders dann effektiv sind, wenn der Mond im entsprechenden Zeichen steht. Egal, ob es um Haarpflege, Heilbehandlungen oder Gartenarbeit ging: Der Mond im Tierkreis diente als präziser Zeitmesser, um die richtige Zeit für bestimmte Handlungen zu ermitteln. Noch heute gibt es Mondkalender, die Tipps geben, wann welche Unterfangen am besten gelingen.
Im Bann des Mondes
Es steht ausser Frage, dass der Mond einen Einfluss auf die Erde nimmt. Seine magnetische Wirkung steuert die Ozeane, sein Schein durchbricht die Dunkelheit. Unklar ist, inwiefern er unser Schlafverhalten, unsere Gesundheit, das Pflanzenwachstum oder gar unseren Alltag beeinflusst. Sicher ist jedoch, dass er Natur und Mensch sowohl wissenschaftlich als auch kulturell prägt, dass seine grösste Kraft nicht nur im Messbaren, sondern auch im Symbolischen liegt und dass es eine Verbindung zwischen Wissenschaft und jahrtausendelanger Erfahrung gibt.
