Plädoyer fürs Singen im Chor

Wenn Sie an Chorgesang denken, dann kommt Ihnen wahrscheinlich schnell die Adventszeit in den Sinn. In keiner anderen Saison singen in der Schweiz so viele Menschen gemeinsam. Wer aber in einem Chor mitsingt, tut sich das ganze Jahr über Gutes.

Text: Corinne Kneubühler, Illustration: Lorena Hadorn

Das gemeinsame Musizieren hat in der Schweiz grosse Tradition. Bei einer Untersuchung des Kulturverhaltens der Schweizer Bevölkerung hält das Bundesamt für Statistik fest: «Knapp zwei Drittel der Bevölkerung ist in irgendeiner Form selbst kreativ tätig. Eigene kulturelle Aktivitäten sind zwar weniger verbreitet als der Besuch von Institutionen wie Museen oder Theatern, werden aber regelmässiger ausgeübt. Dies gilt vor allem fürs Singen, Musizieren und Tanzen.» Weiter heisst es in der dazugehörigen Broschüre, dass gerade diese drei Aktivitäten besonders oft auch regelmässig, das heisst mindestens einmal in der Woche ausgeübt werden. Und während die Statistik zeigt, dass Menschen zwischen 15 und 29 Jahren deutlich öfter selbst kreativ aktiv sind, wird das Singen als speziell generationenverbindende Aktivität hervorgehoben. Kein Wunder, denn Singen, das können wir (fast) alle.

In unserem Hals, genauer gesagt im Kehlkopf, befinden sich die Stimmlippen. Damit ein Ton entsteht, braucht es Luft. Während der Atmung sind die Stimmlippen immer leicht geöffnet und die Luft kommt durch, ohne dass ein Ton entsteht. Beim Sprechen, oder eben auch beim Singen, verengt sich die Lücke, die Stimmlippen fangen an zu schwingen, und es entsteht ein Ton. Im Mundraum wird der Ton dann nochmals geformt. Durch das Zusammenspiel von Gaumen, Zunge, Lippen und Kiefer entstehen Laute, Geräusche und schliesslich Wörter. Das gilt auch für Gesang. Damit es wie singen klingt und nicht wie sprechen, werden die Töne länger gehalten. Das kann man üben. Denn wer ohne das richtige Training lange laut singt, oder auch schon nur spricht, strapaziert die Stimmlippen, und man wird heiser. Professionelle Sänger*innen trainieren daher alle Muskeln, die direkt mit dem Sprechapparat und der Atmung zu tun haben. Das beinhaltet die bereits genannten Teile des Mundraums, sowie auch das Zwerchfell und die Muskeln der Lunge, der Rippen und des Halses.


Wie die Saiten einer Gitarre

Jeder Mensch hat eine leicht unterschiedliche Stimme. Die Frequenz, in der eine Person spricht und singt hängt dabei von der Länge und Dicke der Stimmlippen (oder -bänder) ab. Biologisch gesehen haben Frauen eher kürzere und dünnere Stimmlippen. Bei Männern wachsen die Stimmlippen mit dem Stimmbruch nochmals stark, und sie sind dicker, deshalb schwingen sie etwas langsamer und erzeugen tiefere Töne. Das kann man sich gut am Beispiel einer Gitarre vorstellen: Je dicker die Saite, desto tiefer der Ton. So sind auch die Saiten eines E-Basses viel dicker als die einer Gitarre, da ein Bass eben tiefere Töne spielen soll.

Apropos Bass, und damit zurück zum Singen im Chor: In einem typischen gemischten Chor wird in vier Registern gesungen: Bass, Tenor, Alt und Sopran, von sehr tiefen bis zu sehr hohen Stimmen. Somit ist gerade ein gemischter Chor eine sehr zugängliche Art des gemeinsamen Singens, da die eigene Stimmlage sicher einen Platz findet. Wenn Sie jetzt denken «Aber ich kann doch gar nicht singen», dann könnte das entweder eine schlichte Unsicherheit sein, oder aber Sie leiden an Amusie. Diese beschreibt die Unfähigkeit, Tonfolgen und/oder Rhythmen zu erkennen und selbst wiedergeben zu können. Und das, obwohl körperlich alle Muskeln und Organe vorhanden wären, die dafür gebraucht werden. Nur ungefähr vier Prozent der Menschheit leidet unter angeborener Amusie, sie kann aber auch nach einer Hirnverletzung, wie beispielsweise einem Schlaganfall auftreten.

Viel verbreiteter ist die Unsicherheit, was das eigene Singtalent angeht. Oftmals hängt das von Erlebnissen in der Kindheit ab. Gerade im Musikunterricht vergleichen sich Kinder miteinander, und da man für die eigene Musikalität auch benotet wird, sinkt das Vertrauen und das Selbstbewusstsein wenn es ums Musizieren geht. Da die Stimme nicht nur etwas sehr Individuelles, sondern auch schwer zu verstecken ist, nehmen wir Rückmeldungen dazu oft persönlicher als beispielsweise zur eigenen Handschrift, obwohl sich diese ja auch von Person zu Person unterscheidet. Wem als Kind gesagt wird «Hör doch auf zu singen», oder «Ui, das war jetzt aber ein schräger Ton», der schlussfolgert also schnell, selbst nicht (gut) singen zu können. Und diese Überzeugung hält sich oft jahrelang, bei manchen Menschen sogar für den Rest des Lebens.


Auswirkung auf den Körper

Zum Singen gibt es zahlreiche Studien. Diese bestätigen ein ums andere Mal: Gesang tut in erster Linie gut. Durch regelmässigen Gesang werden die Lungenfunktion und auch das Immunsystem gestärkt. Man atmet regelmässiger und tiefer ein und aus, was die Sauerstoffversorgung im ganzen Körper verbessert und reguliert. Auch das Cortisollevel sinkt, das heisst Stress wird reduziert. Singen hat also zahlreiche gesundheitliche Vorteile. Am besten entfaltet es aber seine Wirkung, wenn der Spass im Vordergrund steht. 

Wer durch Singen Freude und Begeisterung erlebt, spürt schon bald den «Singeffekt». Diese positiven Gefühle werden durch die Ausschüttung von Hormonen wie Endorphinen und Oxytocin ausgelöst. Diese wiederum, und dazu gibt es erneut Studien, werden besonders beim gemeinschaftlichen Singen relativ zuverlässig ausgeschüttet. Dadurch verbessert sich die eigene Stimmung, der Zusammenhalt in der Gruppe und das Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft wird gestärkt. Und es gibt gute Nachrichten: Wie gut man singt spielt dabei keine Rolle. Aus diesem Grund ist es nicht erstaunlich, wie beliebt das Singen im Chor ist.

Eine Studie des Forscherteams um Musik- und Tanzwissenschaftler Gunter Kreutz verglich die Hormonwerte von Chorsänger*innen vor und nach der gemeinsamen Probe. Es stellte sich heraus, dass die Werte des Immunglobulin A, eines zentralen Antikörpers der Schleimhäute, nach dem Singen signifikant erhöht waren. Dieses Protein spielt eine Schlüsselrolle bei der Abwehr von Krankheitserregern, besonders in den Atemwegen. Der Effekt liess sich nur beim aktiven Mitsingen aufweisen, beim blossen Musikhören trat er nicht auf.


Selbstexperiment: Einsingen um 9

Liebe Leserschaft, ich erlaube mir, etwas persönlicher zu werden. Ich singe selbst seit vielen Jahren in einem Chor; es ist mein liebstes Hobby überhaupt. Den beschriebenen «Singeffekt» kann ich aus eigener Erfahrung bezeugen. Vor wenigen Jahren aber war unser Chor, wie die meisten Chöre der Welt, plötzlich nicht mehr im Stande, gemeinsam zu Singen. Eine der wichtigsten Massnahmen gegen das Coronavirus verunmöglichte Chorproben: Abstandhalten. Mit dem Lockdown vom 20. März 2020 wurden schliesslich auch Treffen von mehr als fünf Personen verboten. Das bedeutete den Tod für das Chorleben.

Überzeugt davon, dass das gemeinsame Singen nicht so schnell enden dürfe, und auch im Wissen, wie wichtig die wöchentliche Chorprobe für viele Menschen ist, tat sich eine kleine Gruppe von Gesangslehrpersonen und professionellen Sänger*innen zusammen und gründete «Einsingen um 9». Jeden Morgen um 9 Uhr wurde von einer dieser Personen ein Livestream auf YouTube eröffnet. Bald schon freute sich das Projekt über viele Mitsingende, die zuhause vor dem Bildschirm gemeinsam einsangen. Das Projekt läuft bis heute weiter, und so wagte ich letztens den Selbstversuch.

Bereits in den fünf Minuten, die ich zu früh bin, wird sich im Chat rege begrüsst, die Vorfreude ist spürbar. Wie auch in meiner Chorprobe scheinen sich die Menschen bereits virtuell zu kennen. Auch wenn man sich gegenseitig nicht sehen oder hören kann und von den meisten auch nicht einmal den Namen kennt, das Gemeinschaftsgefühl ist da. Um Punkt 9 Uhr startet der Livestream. Julia Schiwowa grüsst vom Bildschirm den unsichtbaren Chor. «Ich bin leider immer noch auf der Baustelle, aber ihr kennt das ja schon», erzählt sie fröhlich. Für mich fühlt es sich an, als wäre ich in einer Schnupperprobe. Die Gruppe kennt sich bereits, ich darf auch einmal mitmachen. Gekonnt leitet Julia Schiwowa durch Körper- und Atemübungen, und erklärt, dass es heute darum gehen wird, wie man eine Quarte nach oben und nach unten leicht singen kann. Schnell wechseln wir von Atemübungen zu leichten Melodien und schliesslich zu kurzen Liedern, die eben diese Quarte beinhalten. Nach einer knappen Dreiviertelstunde verabschiedet sich Julia und auch die Sänger*innen im Chat wünschen sich einen schönen Tag und «bis morgen».

Der erste Livestream vom 23. März 2020 wurde fast 40 000 Mal angesehen, mittlerweile werden die Videos noch zwischen 1000 und 2000 Mal angeklickt. Die meisten der Sänger*innen sind wohl wieder in ihre echten Chöre zurückgekehrt, und doch bleibt das Einsingen um 9 bestehen. Das bezeugt die Wirkung vom gemeinsamen Singen, und es bedeutet auch, dass Sie, liebe Leserschaft, selbst das gleiche Experiment wagen können wie ich.

«Singen tut nicht nur der Stimme gut, sondern stärkt auch Körper, Stimmung und Gemeinschaft.»


Übung macht den Meister

Gleich wie alle anderen Muskeln können auch diejenigen des Sprechapparats trainiert werden. Singen hat erwiesenermassen keine negativen Nebenwirkungen. Belastung kommt hier eher durch den Kontext, wie durch negative Erinnerungen an das Singen in der Schulzeit. Um die falsche Überzeugung, selbst nicht singen zu können abzulegen und die eigene Stimme zu stärken, ist das regelmässige Singen im Chor – oder eben in den eigenen vier Wänden wie mit Einsingen um 9 – genau das Richtige. Mit der Übung und dem positiven Erlebnis des Zusammenhalts in der Gruppe steigt auch das Selbstvertrauen in die eigene Stimme und die Freude am eigenen Gesang. Und es gibt noch weitere gute Nachrichten: Es ist nie zu spät, mit dem Singen anzufangen! Gerade ältere Personen finden im Chor nicht nur Gemeinschaft, die der drohenden Einsamkeit entgegenwirkt, sondern sie können die mit dem Alter schwächer werdenden Muskeln des Stimmapparats stärken. Wichtig ist dabei auf die richtige Technik zu achten, und durch die Stimmbildung eine gute Atmung zu entwickeln. Wer sanft anfängt, hat durch regelmässiges Singen eine gesunde, belastbare Stimme, und dazu ein gestärktes Selbstbewusstsein. So können auch Sie bald stolz sagen «Singen? Das kann ich!»

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