Netzwerk des Glücks
In einer Welt der ständigen Vernetzung fällt es oft schwer, echte Verbindungen zu finden und Freundschaften zu schliessen. Auf der einen Seite sind alle jederzeit und überall verfügbar, auf der anderen Seite fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Ein Blick auf die Philosophie der Freundschaft, die Rolle der Familie und die Kunst der Selbstakzeptanz.
Text: Corinne Kneubühler, Naima Ferrante; Illustration: Lorena Hadorn

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) beschreibt ein ganzheitliches Gesundheitsverständnis anhand von sechs verschiedenen Säulen: Es gibt die körperliche, die geistige, die emotionale, die intellektuelle, die spirituelle und die soziale Gesundheit. Sozial gesund zu sein bedeutet, dass man Beziehungen pflegt, die einen erfüllen, dass man am gesellschaftlichen Leben teilnimmt und dass man sich im eigenen sozialen Umfeld sicher, aufgehoben und wertgeschätzt fühlt. Das ist manchmal gar nicht so einfach, hängt doch die soziale Gesundheit nicht nur von der eigenen Person, sondern von vielen unkontrollierbaren Aspekten ab. Je nach Wohnort ist es zum Beispiel einfacher oder schwieriger, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Ein Gefühl von Wertschätzung gegenüber der eigenen Person lässt sich nicht erzwingen, sondern wird von äusserlichen Umständen beeinflusst. Wie gelingt es also, auf die eigene soziale Gesundheit zu achten und sie aufrecht zu erhalten?
Philosophie der Freundschaft
Freundschaft zu definieren ist eher eine philosophische Angelegenheit als eine exakte Wissenschaft. Die Kulturwissenschaftlerin und Philosophin Ina Schmidt spricht von einer «liebevollen Verbindung zwischen mindestens zwei Menschen, die nicht unter dem Druck bestimmter Regeln oder Institutionen entsteht und auf freiwilliger Basis gehegt und gepflegt werden kann bzw. auch muss.» Freundschaft kann sehr breit gefasst werden. Die Grenze zwischen Liebe und Freundschaft kann verschwimmen, und schlussendlich kann jede Person wohl für sich definieren, welche Beziehungen im eigenen Leben als Freundschaft gewertet werden.
Auf einer Wellenlänge
Am häufigsten entstehen Freundschaften in sozialen Kontexten, zum Beispiel in der Schulzeit, am Arbeitsplatz oder im Internet. Es braucht Zeit, gemeinsame Interessen und geteilte Erlebnisse. Sie zeichnen sich durch ein vertrauensvolles und respektvolles Verhältnis aus. Ebenso wichtige Komponenten einer Freundschaft sind Humor und Spass. Entscheidend sind auch die Qualität und Beständigkeit. Ob Freundschaften «in echt» oder virtuell entstehen: Wichtig ist, dass sich der Kontakt gut und richtig anfühlt.
Das Zwiebelmodell
Um sich das eigene soziale Netzwerk besser vorstellen zu können, ist das sogenannte Zwiebelmodell hilfreich. In der Mitte der Zwiebel oder im innersten Kreis ist man selbst. Von da aus gibt es drei weitere Zwiebelschichten: Im ersten Kreis sind Personen, die uns sehr nahestehen, im zweiten sind Menschen, die wir kennen und die wir regelmässig treffen, und im dritten Kreis sind Personen, die wir zwar kennen, aber eher selten treffen. Indem man dieses Modell auf das eigene Umfeld anwendet, kann man sich bewusst machen, welche Menschen bedeutsam sind, welche Beziehungen man stärken und welche man vielleicht loslassen möchte.

Familie als Freundschaft
Auch die Kernfamilie ist Teil unseres sozialen Umfelds. Doch in welche Zwiebelschicht sie fällt, ist nicht immer gleich. Der Hauptunterscheid zu Freundschaften besteht darin, dass wir letztere freiwillig wählen können. In welche Familie wir hineingeboren werden, können wir nicht bestimmen. Allerdings gibt es den Begriff der «Wahlfamilie », um auszudrücken, wie nah die Beziehungen in dieser Freundesgruppe sind. Meistens unterscheiden sich diese Beziehungen auch in ihrer Funktion. Das ist aber etwas Positives, denn so können die persönlichen, sozialen Bedürfnisse von verschiedenen Personen gedeckt werden, und wir müssen im Umkehrschluss auch nicht alle sozialen Bedürfnisse unserer Freund*innen erfüllen können. Wie viele Personen zu unserem Freundeskreis gehören, ist dabei genauso unterschiedlich, wie die Anzahl Personen in der Familie.
Gute und schlechte Freundschaften
Da wir Menschen, die zu unseren Freund*innen zählen, besonders nah an uns heranlassen, kann es auch passieren, dass dieses Vertrauen ausgenutzt wird. Es gibt also durchaus bessere und schlechtere Freundschaften. Wenn man in einer Freundschaft oft persönlich kritisiert wird, die eigenen Gefühle als «zu übertrieben» bewertet oder bagatellisiert werden, oder auch wenn man feststellt, dass es ein Ungleichgewicht zwischen Geben und Nehmen gibt, dann handelt es sich wahrscheinlich um eine schlechte Freundschaft. Das soll aber nicht heissen, dass man nicht auch in einer guten Freundschaft Unstimmigkeiten und Differenzen haben kann. Diskussionen sollten aber auf Augenhöhe geführt werden, mit respektvoller Ehrlichkeit und gegenseitiger Offenheit. In einer guten Freundschaft kann man sich selbst sein, und darüber sprechen, was einen gerade bewegt. Man fühlt sich ernst genommen und wird verstanden. Wenn eine Freundschaft abrupt und ohne Begründung oder Aussprache abgebrochen wird, dann kann man sich fragen, ob das eine gute Freundschaft gewesen ist. Ein guter Indikator ist unsere Energie: Wenn wir uns nach jedem Treffen ausgelaugt fühlen, kann das ein Zeichen für eine ungesunde Freundschaft sein.
Die Lösung für Einsamkeit?
Naima Ferrante, Psychologin und Gründerin von «Soli Bern», ist überzeugt, dass das Umfeld zwar eine Rolle spielt, der Umgang mit Einsamkeit aber bei uns selbst anfängt. «Eine wichtige Freundschaft ist die zu uns selbst. Eine Lösung gegen Einsamkeit besteht also darin, zu lernen, sich selbst ein guter Freund oder eine gute Freundin zu sein.» Es gibt immer wieder Momente oder Phasen, in denen man allein ist, in denen man sich nicht auf andere verlassen kann. Gerade deshalb ist es wichtig, ein Verständnis für die eigene innere Welt zu entwickeln und sich selbst als vielfältiges Wesen anzunehmen, das auch einen einsamen Anteil in sich trägt. Das ist völlig menschlich. «Ich ermutige dazu, die Zeit allein geniessen zu lernen und sie als Ressource zu nutzen», sagt Ferrante. Ganz ohne Freundschaften geht es aber auch nicht. Der Mensch braucht andere Menschen, wir wollen anderen wichtig sein und leben nicht für uns allein. Ausserdem fördern Freundschaften – und Beziehungen allgemein – zwei wesentliche Fähigkeiten: die Perspektivenübernahme und die Empathie.

Die Wirkung von Freundschaft
Freundschaften tun gut, weil sie im Hirn eine hormonelle Reaktion von Oxytocin, Dopamin und Serotonin auslösen. Oxytocin, auch bekannt als «Kuschelhormon», fördert Bindung, Vertrauen und soziale Interaktionen. Der Botenstoff Dopamin wirkt motivierend und löst ein Gefühl der Vorfreude aus. Serotonin, das «Glückshormon», reguliert massgeblich die Stimmung, den Schlaf-Wach-Rhythmus, das Schmerzempfinden und die Darmaktivität.
Auf hormoneller Ebene wirken Freundschaften stressreduzierend, stärken das Immunsystem und fördern dadurch unsere Gesundheit. Eine ähnliche Wirkung wird zum Beispiel auch durch den Konsum von Schokolade hervorgerufen. Das führt aber eher zu einer kurzfristigen Befriedigung des Verlangens nach Glücksgefühlen. «Echte» Nähe, «echtes» Glück, kann nicht durch etwas anderes ersetzt werden. Dafür braucht es zwischenmenschliche Begegnung und Resonanz. Freundschaften sind also vor allem auch eins: unersetzlich.
Buchtipps
Emilia Roig, «Lieben» (2024, Hanser Berlin)
Ina Schmidt, «Auf die Freundschaft. Eine philosophische Begegnung oder Was Menschen zu Freunden macht.» (2014, Ludwig Verlag)
Soli Bern
Die Initiative Soli Bern entstand im Jahr 2021, um junge, von Einsamkeit betroffene Menschen zusammen zu bringen. Naima Ferrante bietet heute Workshops an und sensibilisiert durch Öffentlichkeitsarbeit für das Thema Einsamkeit. Die Angebote sind offen für alle Altersgruppen. Naima Ferrante befindet sich zurzeit in Ausbildung zur systemisch-ressourcenorientierten Psychotherapeutin.
