Mythologie des Mondes
Der Mond ist der Erde ständiger Begleiter. Er ist jedoch weit mehr als eine astronomische Tatsache. Seit Jahrtausenden prägt er das Leben der Menschen und dient als Inspirationsquelle. In verschiedenen Kulturen der Erde regte der Himmelskörper mit seinen Erscheinungen zur Herstellung von Bildern an, die bezeugten, dass das Leben der Menschen schon immer eine spirituelle Dimension hatte.
Maximilian Geiger

Der Mond diente unseren Vorfahren auf ganz praktische Weise dazu, den Lauf der Jahreszeiten und die Zeit zu bestimmen sowie sich zu vergewissern, wann gesät und geerntet werden musste. Dabei blieb er jedoch immer auch eine geheimnisvolle, überirdische Macht. Diese äusserte sich beispielsweise in seinem rätselhaften Zu- und Abnehmen, seinem nächtlichen Erscheinen und täglichen Verschwinden sowie seiner Verbindung zu Ebbe und Flut. Den Mondphasen schrieb man einen Einfluss auf die Abläufe des menschlichen Lebens zu, beispielsweise auf Empfängnis und Geburt.
In vielen Teilen der Welt gab es Darstellungen des Mondes. Besonders häufig verkörperten unterschiedliche Götterfiguren den Himmelskörper. Mit solchen Figuren, die oft Bestandteil grösserer Erzählungen in der bildenden Kunst waren, standen die Kräfte des Mondes den Menschen anschaulich und greifbar vor Augen. Auf einem Streifzug durch die Geschichte lassen sich solche mythischen Verkörperungen, Bedeutungen und Symboliken des Mondes entdecken und in ihrem Spannungsverhältnis mit seinen unsichtbaren Kräften erkunden. Bis heute ist die Faszination der Menschen für den Begleiter unseres Planeten ungebrochen.

Urzeit und Altertum
Vor mehr als 15 000 Jahren haben Menschen dem Mond vermutlich schon Bilder gewidmet. So könnte in den berühmten Höhlen von Lascaux in Frankreich ein Mondkalender dargestellt sein. Astronomische Aufzeichnungen sind seit dem dritten Jahrtausend v. Chr. aus China und Mesopotamien bekannt. Solchen Zwecken diente wohl auch das weltberühmte Steinensemble von Stonehenge in England, das in der Jungsteinzeit, um circa 3000 v. Chr., errichtet wurde. Mit der kreisförmigen Anordnung von Monumentalsteinen aus Basalt wollten die Menschen den Himmel, die Himmelskörper und vermutlich auch den Mond beobachten. Rund um den Erdball versuchte man, die Auswirkungen des Mondes auf das menschliche Leben und die Tageszeiten zu verstehen, und fand dafür mythische Erklärungen. Der Mondgott Sin etwa war einer der wichtigsten Götter der Babylonier*innen. Ihm wurden grosse Tempel gewidmet, wie etwa in der Stadt Ur, wo sich sein Hauptheiligtum befand. Man erkannte Sin an einer Sichel oder einem Bullen. Den wiederkehrenden Mondzyklus deuteten die Menschen als eine Kraft des Gottes, mit der er sich jeden Monat neu erschuf. Dem Mond und dem ihn repräsentierenden Gott schrieb man eine Fruchtbarkeitsmacht zu, da man sich vorstellte, dass er diese Kraft auf alle Lebewesen übertragen könne.

Auch die Ägypter*innen beobachteten den Himmel. Für den Mond stand der ibisköpfige Thot, der auch als Gott der Weisheit und Schrift angesehen wurde. Der Mond kommt im Zusammenhang mit der Vorstellung vom Wechsel von Tag und Nacht vor. Die alten Ägypter*innen glaubten, dass eine vom Sonnengott Re gelenkte Barke tagsüber den Himmel über dem Nil überquert – ein starkes Symbol für den Fortgang des Lebens auf Erden! In der Nacht jedoch fährt die Barke durch das Totenreich. Thot ist der Herold des Sonnengottes und steht diesem im Kampf gegen die drachenähnliche Schlange Apophis zur Seite, die das Boot zum Kentern bringen will. Der Mond ist in dieser Vorstellung also mit der Weisheit verbunden und hilft, den Fortlauf des Lebens zu sichern. Im Alten Ägypten (drittes Jahrtausend v. Chr.) war Thot auch der Gott der Zeit, deren Verstreichen mithilfe des Mondes festgestellt wurde.

Auch die alten Griech*innen stellten sich den Mond in Form einer handlungsfähigen Figur vor. Die Göttin Selene, Schwester des Sonnengottes Helios und der Göttin der Morgenröte, Eos, war im Himmel mit einer silbernen Kutsche unterwegs, die von geflügelten Pferden gezogen wurde. Eine weitere Göttin, die ebenfalls mit dem Mond verbunden war, trug den Namen Artemis, die Schwester des Sonnengottes Apollon. Als Göttin der Jagd war sie Herrin der Nacht und der Dunkelheit. Eine Sonderrolle nahm Hekate ein, die oft mit drei Köpfen dargestellt wurde. Man schrieb ihr ein okkultes, geheimnisvolles Wesen und Wissen um die natürlichen Prozesse des Vergehens und Werdens der Dinge auf Erden zu. Sie galt als Göttin der Übergänge. So wurde Hekate auch mit den Mondphasen in Verbindung gebracht.
Im antiken Rom orientierte man sich bei der Systematisierung des Kosmos eng an den griechischen Vorbildern. Luna war somit das Pendant zu Selene. Diese mythologische Figur diente beispielsweise dazu, Herrschaftsverhältnisse in der Politik anschaulich zu machen: Ehefrauen der Herrscher wurden oft mit Luna gleichgesetzt, während die Männer Apollon bzw. Sol entsprachen. Besonders prominent trat Diana in Erscheinung, das Pendant zu Artemis bei den Griechen. Die scheue Jagdgöttin wurde mit Pfeil und Bogen und oft auch mit der Mondsichel im Haar gezeigt. Da sich das Wild vornehmlich bei Nacht bewegte, wurde sie zur Gebieterin der Dunkelheit. Eine besondere Geschichte macht die römische Mondgöttin zur Protagonistin einer Liebesszene. Der schöne Hirte Endymion lag schlafend im Mondschein, als sich Diana ihm näherte und ihn liebkoste. Da er wusste, dass die keusche Göttin sich nie von ihm verführenlassen würde, erbat er vom Göttervater Jupiter ewigen Schlaf, um sich ihren Zärtlichkeiten weiterhin hingeben zu können.
Die Geschlechterzuweisung von Sonne und Mond – sowohl im Griechischen als auch im Römischen ist die Sonne männlich, der Mond weiblich – war in anderen Kulturen und Zeiten jedoch variabel. So wurde die Sonne in der nordischen Mythologie beispielsweise mitunter als weibliche Gottheit angesehen, der Mond hingegen als männliche. In der griechischen und römischen Mythologie, die vor allem in der frühen Neuzeit (ca. 15.–18. Jahrhundert) wieder aufblühte, wird der Mond zum Spiegelbild zwischenmenschlicher Beziehungen sowie der Beziehungen zwischen Mensch und Natur. In den berühmten Monddarstellungen des Malers Caspar David Friedrich veranschaulichen Figuren, die den Mond betrachten, auf faszinierende Weise die Bedeutung der Natur für den Menschen. Seine Bilder werden der Kunst der Romantik zugeordnet, und es scheint, als gäbe der Mond auch Aufschluss über die Beziehungen der Figuren zueinander.
Die Erfindung des Teleskops im frühen 17. Jahrhundert veränderte die Sicht auf den Himmelskörper. Zwar wurde es möglich, sich eine Vorstellung von der Mondoberfläche zu machen, doch Spekulationen über Leben auf dem Mond konnten aufgrund der unzureichenden Qualität der optischen Eindrücke natürlich nicht ausgeräumt werden. Wissenschaftliche Neuerungen änderten nichts am Interesse an künstlerischen Darstellungen des Mondes in Form von Götterfiguren.
In der Bibel ist der Mond keine Gottheit
Nach der Sichtung dieser teils sehr alten Mythologien des Mondes und seiner Gottheiten sorgt ein Blick in die Bibel für Überraschungen. In der Bibel wird der Mond nämlich nicht als Gottheit dargestellt, sondern als Himmelskörper an sich verstanden. In der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament heisst es: «Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels, die da scheiden Tag und Nacht. Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels, dass sie scheinen auf die Erde. Und es geschah so. Und Gott machte zwei grosse Lichter: ein grosses Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis.»
Der Mond erscheint somit als die bestimmende Macht der Nacht und als ein natürliches Element der biblischen Schöpfungsgeschichte. Ihm kommt sogar eine Funktion zur Festlegung von Zeiten, Tagen und Jahren zu. In vielen Religionen spielt der Mond – in Verbindung mit der Sonne – eine wichtige Rolle. Besonders der Mondzyklus ist hierbei ein wichtiger Bezugspunkt, so etwa in der islamischen Zeitrechnung. Der islamische Kalender besteht aus zwölf Mondmonaten.

Feste für den Mond
Die Betrachtung der Mondphasen lässt sich als eine Art Scharnier zwischen einer astronomisch-wissenschaftlichen und einer spirituell-mythischen Betrachtung des Mondes auffassen, die mit dem Leben der Menschen verbunden ist.
So richten die Mitglieder des Stammes der Ngas in Nigeria beispielsweise ihr soziales Leben und den Ackerbau nach dem Mondkalender aus. Wenn sich die neue Mondsichel zeigt, wird ein rauschendes Fest zur Erntezeit gefeiert. Dabei werden Pfeile in die Luft geschossen, um den Mond zu erlegen und den neuen Mond herbeizurufen.
Die Spuren der antiken Mythologien in unserer Zeit zeigen sich beispielsweise in der biodynamischen Landwirtschaft. So geben Mondkalender über günstige Pflanz- und Erntebedingungen Aufschluss. In der Demeter-Landwirtschaft ist die Pflanzzeit konkret mit der Phase des absteigenden Mondes verbunden. Eine Wirkung davon sei etwa eine Vitalisierung der Wurzeln. Dies ist die Zeit der Bodenbearbeitung. Im Umkehrschluss geht mit dem aufsteigenden Mond eine Vitalität der oberen Pflanze bis zur Blüte einher. In dieser Zeit fallen Erntearbeiten an. Demeter ist ein direkter Bezug auf die griechische Götterwelt, genauer gesagt auf die Göttin Demeter. Die Mythologie des Mondes zeigt eindrucksvoll, dass Menschen und Kulturen Teil einer kontinuierlichen Geschichte sind, die bis in unsere Tage reicht. Die gesellschaftlich-soziale Seite der Mondbetrachtung zeigt sich auch in der chinesischen Kultur. Mond und Sonne wurden bis ins frühe 20. Jahrhundert mit Ritualen und Opferzeremonien verehrt. Die Verbundenheit mit dem Mond äussert sich in der Verehrung des Vollmondes. Seine runde Form symbolisiert die Vollständigkeit und Einheit der Familie. So wird am 15. Tag des achten Monats bei Vollmond das Herbstfest gefeiert. Hierbei kommen Familienmitglieder zusammen und zelebrieren den Tag mit runden Mondkuchen.
Auch in Japan gibt es eigene Feierlichkeiten zum Mond: das Jugoya- oder Tsukimi-Fest. Es findet im Herbst bei Vollmond statt und dient dem Innehalten, der gemeinsamen Himmelsbetrachtung sowie dem genussvollen Essen und Trinken. Die Feierlichkeiten haben ihren Ursprung in China, wurden dann aber während der Heian-Zeit (794 –1185) in Japan in höfisch-aristokratischen Kreisen etabliert. Später festigte sich das Fest in allen Gesellschaftskreisen. In der Landwirtschaft dankten die Bauern beispielsweise für eine gute Ernte von Reis oder Süsskartoffeln. Der Mondgott der japanischen Shinto-Religion heisst Tsukuyomi. Er entstand dem Mythos zufolge dadurch, dass der Urschöpfergott Izanagi sich nach seiner Unterweltreise bei seiner Reinigung das rechte Auge auswusch. Der Mondgott ist der Bruder der Sonnengöttin Amaterasu und wird als Herrscher über die Nacht betrachtet. Wie in der griechischen und römischen Mythologie bestehen auch hier Verwandtschaften zwischen den Gottheiten des Himmels.
Ungeachtet des naturwissenschaftlichen Fortschritts, wie er sich in der Mondlandung im Jahr 1969 vor aller Augen der Welt manifestierte, verlor der Mond nichts von seiner uralten kosmischen Bedeutung und magischen Wirkung in der Wahrnehmung der Menschen.
