Luzides Träumen – wenn wir im Traum erwachen
Stellen Sie sich vor, Sie träumen, fliegen über eine Landschaft oder begegnen einem längst verstorbenen Menschen – und plötzlich wird Ihnen bewusst: «Ich träume!» Genau das geschieht beim luziden Träumen. Es ermöglicht, sich aktiv mit den Seelenbotschaften der Nacht auseinanderzusetzen.
Markus Kellenberger

Lange galt luzides Träumen als Kuriosität. Heute weiss die Forschung, dass es sich um ein reales und messbares Phänomen handelt. Das Wort luzid stammt übrigens vom lateinischen lux (Licht) und beschreibt einen Zustand, auch Klartraum genannt, in dem wir während des Traums ein gewisses Mass an Bewusstsein behalten. Bereits 2011 gelang es Forschern um Martin Dresler und Michael Czisch vom Max-Planck- Institut für Psychiatrie in München, luzide Träume mittels Hirnscans sichtbar zu machen. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass Personen vor dem Schlafengehen vereinbarte Handlungen im Traum bewusst ausführten und dabei dieselben Hirnregionen aktivierten wie bei entsprechenden Bewegungen im Wachzustand. Luzide Träumer*innen können Traumhandlungen beeinflussen. Manche nutzen diese Fähigkeit, um ihre Kreativität zu fördern, andere suchen Lösungen für Probleme oder stellen sich ihren Albträumen und Ängsten.
Der erste Schritt hin zum luziden Träumen
Luzides Träumen lässt sich trainieren. Das braucht ein wenig Zeit und Geduld, und beginnt mit einem einfachen Realitätscheck, indem Sie sich tagsüber immer wieder die Frage stellen: Träume ich? Wer diese Gewohnheit im Alltag entwickelt, führt sie plötzlich auch im Traum fort und erkennt, dass er träumt – und kann dann die Traumhandlung bewusst beeinflussen oder im Traum auftauchende Personen nach ihrer Motivation befragen.
Ebenso wichtig ist die Traumerinnerung. Viele erfahrene Klarträumende führen deshalb ein Traumtagebuch. Forschende der Universität Bern und anderer Schlaflabore konnten zeigen, dass Menschen mit guter Traumerinnerung deutlich häufiger luzide Träume erleben als Personen, die sich kaum oder nie an ihre nächtlichen Erlebnisse erinnern. Tatsächlich träumt jeder Mensch, und das mehrmals pro Nacht. Der Unterschied besteht darin, ob wir uns am Morgen daran erinnern können oder nicht.

Die Erinnerung beginnt am Morgen
Der wichtigste Moment liegt unmittelbar nach dem Erwachen. Bleiben Sie zunächst einige Augenblicke liegen. Greifen Sie nicht sofort zum Handy und denken Sie nicht an die Aufgaben des Tages. Versuchen Sie stattdessen, die letzten Bilder, Gefühle oder Gesprächsfetzen der Nacht festzuhalten. Besonders hilfreich ist ein Traumtagebuch. Legen Sie Notizblock und Stift neben das Bett und notieren Sie jeden Morgen alles, woran Sie sich erinnern. Das müssen keine ausgearbeiteten Geschichten sein. Ein paar Stichworte reichen oft aus: «roter Vogel», «alte Schule», «Gefühl von Freude». Das Gehirn lernt dadurch, Träume als wichtige Informationen zu behandeln.
Auch die innere Haltung spielt eine Rolle. Wer vor dem Einschlafen bewusst den Wunsch formuliert: «Ich möchte mich morgen an meine Träume erinnern», erhöht nachweislich die Wahrscheinlichkeit, sich an seine Träume zu erinnern.
Je wilder der Tag, desto wilder die Nacht Interessanterweise erinnern sich viele Menschen vor allem an Träume in bewegten Lebensphasen. Krisen, Verliebtheit, Veränderungen oder wichtige Entscheidungen scheinen die Traumwelt besonders aktiv werden zu lassen. Träume verarbeiten Emotionen, Erfahrungen und ungelöste Fragen. Der amerikanische Traumforscher Ernest Hartmann beschrieb sie deshalb als eine Art nächtliche Brücke zwischen unseren Gefühlen und unseren Erinnerungen.
Aber: Nicht jeder Traum enthält eine tiefere Botschaft. Manche spiegeln einfach Alltagserlebnisse wider, andere berühren jedoch Themen, die uns lange begleiten. Wer lernt, sich an seine Träume zu erinnern, erhält Zugang zu einer Welt, die jede Nacht entsteht und oft schon vor dem Erwachen wieder verschwindet. Vielleicht beginnt die Reise mit einer einfachen Frage am Morgen: Was wollte mir die Nacht erzählen?
