Ich fühle, also bin ich

Die Haut ist unser grösstes und sensibelstes Sinnesorgan und ­bestimmt einen wesentlichen Teil unserer Wahrnehmung, meistens, ohne dass wir es bemerken. Berührungen sind für uns lebens­wichtig, denn mit unserem Tastsinn erkennen wir Temperatur, ­Beschaffenheit von Objekten, Zuwendung oder Ablehnung unseres Umfelds und wir können damit Emotionen regulieren.

Julia Zimmermann, llustration: Sonja Berger


Berührungen haben oft einen entscheidenden Einfluss auf unser Verhalten. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Einkauf. Oft werden Gemüse oder Früchte vor dem Kauf einmal angefasst, um zu erfühlen, wie reif sie sind und ob die Oberfläche verdächtige Dellen aufweist. Oder wir nehmen über einen kühlen Luftzug auf unserer Haut mit einem Frösteln wahr, dass es draussen kälter wird, und packen eine Jacke ein.


Die Welt erspüren

Berührungen helfen uns, unsere Umwelt zu begreifen. Dies zeigt sich bereits, wenn Neugeborene und Kleinkinder ständig Dinge anfassen, um sie kennenzulernen. Beim Tasten können diverse Materialeigenschaften wie Gewicht, Rauigkeit und Temperatur wahrgenommen werden sowie potenzielle Gefahr erkannt, und Sicherheit vermittelt werden. So kann man sich etwa wunderbar entspannen, wenn einem bei einer Massage heisse Steine aufgelegt werden. Auch Restaurants und Kaufhäuser bedienen sich dieses Wissens. So beeinflussen die Beschaffenheit der Tischoberfläche, der Sitze, des Bestecks, der Teller und der Servietten das sensorische Erlebnis beim Essen, genauso wie die Raumtemperatur. Diese beeinflusst insbesondere auch in Kaufhäusern die Kaufentscheidungen. Hinzu kommt die Haptik der Stücke, sei dies bei Möbeln, Kleidern oder Lebensmitteln. Der Gegenstand muss nicht nur optisch gefallen, sondern auch beim Fühlen einen positiven Eindruck hinterlassen.

Vor allem diese soziale Funktion unseres Tastsinns spielt eine grosse Rolle im menschlichen Leben, denn die Haut ist das Organ, über das wir am umfassendsten und stärksten mit der Umwelt in Kontakt stehen. Mit gegenseitigen Berührungen können wir Beziehungen vertiefen und Bindung aufbauen, mit Umarmungen unsere Gefühle beeinflussen.


Kuschel dich glücklich

Ohne Berührung wäre der Mensch nicht lebensfähig. Gerade für Säuglinge sind Berührungen für eine gesunde Entwicklung grundlegend, denn dadurch wird unter anderem ihre Hirnreifung angeregt. Ohne Körperkontakt kommen normale Wachstumsprozesse nicht in Gang, und das Baby kann weder ein gesundes Immunsystem noch ein soziales Verständnis für seine Umgebung aufbauen.

Doch auch im Erwachsenenalter sind Berührungen wichtig und haben viele positive Auswirkungen. Bei einem festen Händedruck oder der Umarmung eines geliebten Menschen beispielsweise reagiert das Immunsystem sehr stark, und die Ausschüttung von Boten­stoffen, die die Immunreaktion schwächen, wird gesenkt. Berührungen erhöhen auch unsere Schmerztoleranz, und Glückshormone werden freigesetzt. Als Grundbedürfnis eines Menschen ist körperliche Nähe auch ein wichtiger Faktor, um sozial interagieren zu können und Stress abzubauen.

Drücken, Umarmen und Streicheln ist je nach Intensität eine Art der Kommunikation, bei der wir dem Gegenüber Sicherheit vermitteln oder unsere Gefühle wie Angst, Wut, Liebe und Dankbarkeit zum Ausdruck bringen können. Dabei muss die Nähe nicht immer zwingend romantisch oder intensiv sein. So verringert bereits ein leichtes Schulterklopfen vor der Prüfung den Blutdruck und das Stresslevel bei Studierenden.

 
Emotionen gekonnt regulieren 

Es gibt sehr wenig, das besser zu Stressreduktion und Entspannung führt, als eine wohltuende, warme Berührung. Diese muss jedoch nicht zwingend immer von aussen kommen, denn zu einem gewissen Grad können wir uns durch Selbstberührungen beruhigen, bewusst und unbewusst.

Wir fassen uns täglich bis zu 800-mal ins Gesicht, doch nicht unbedingt, weil es uns juckt oder wir ein lästiges Haar entfernen wollen, sondern wir regulieren uns damit oft unbewusst. Dadurch werden Emotionen wie Unwohlsein oder Angst wieder in ein Gleichgewicht gebracht, Gedächtnisinhalte reaktiviert und Ablenkungen reduziert, um den roten Faden zu behalten.

«Gegen die Einsamkeit und die fehlende Geborgenheit existieren verschiedene Therapien.»


Das Regulieren von Emotionen und das wohlige Gefühl des Umarmtwerdens können bewusst herbeigeführt werden, auch wenn gerade niemand zum Kuscheln verfügbar ist. So werden auch beim Umarmen eines Baumes die Berührungsrezeptoren auf der Haut aktiviert und Glückshormone freigesetzt. Ähnliches geschieht beim Streicheln vierbeiniger Freunde. Ein warmes Bad oder eine dicke Decke können durch die wohltuende Wirkung auf der Haut einen ähnlichen Effekt erzeugen.

Berührungen beschränken sich zudem nicht ausschliesslich auf den Tastsinn. Wir können auch emotional berührt sein, beispielsweise von Musik, Filmen, Büchern oder einer liebevollen Geste. Dabei werden zwar ähnliche Hormone freigesetzt, die körperliche Berührung kann es aber nicht vollständig ersetzen.


Die perfekte Umarmung

Dass Umarmungen einen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden haben und uns guttun, lässt sich wissenschaftlich erklären. Massgeblich sind Millionen von Rezeptoren, die sich in unserer Haut befinden. Sie nehmen Temperatur und Druck wahr, weil sie in den Nerven­enden der Haut sitzen und sofort auf die unterschiedlichen Umwelteinflüsse reagieren. Diese Reize werden direkt ans Gehirn weitergeleitet und dort verarbeitet.

Was schlussendlich die positiven Effekte und Gefühle auslöst, ist der Stoff Oxytocin. Das Hormon wird bei der Verarbeitung von Berührungen, Umarmungen oder Küssen ausgeschüttet. Damit steigt der Spiegel von Oxytocin im Blut. Dies wiederum senkt den Blutdruck sowie den Pegel des Stresshormons Cortisol und regt das Belohnungszentrum des Gehirns an.

«Mit Berührung begreifen wir die Welt und erspüren unser Gegenüber.»


Mit Berührung begreifen wir die Welt und erspüren unser Gegenüber. Eltern knuddeln ihre Kinder, um ihnen Sicherheit zu vermitteln und sie zu beruhigen. Mit Berührungen schenken wir einander Geborgenheit, Glückshormone werden ausgeschüttet und unser Immunsystem wird gestärkt.

Umarmen Sie also doch nächstes Mal den Menschen, den Sie mögen, noch ein Stück länger und schenken Sie ein Stück Glück.


Heilsame Berührung

Der soziale Austausch kann für manche überfordernd sein, ­wodurch es schwierig werden kann, körperliche Nähe zu erfahren. Dadurch kann das Gefühl der Nähe fehlen. Gegen die ­Einsamkeit und die fehlende Geborgenheit existieren verschiedene Therapien. So gibt es etwa die sogenannten professionellen Kuschler*innen, die Möglichkeit von Umarmungstherapien oder Kuschelpartys. Hierbei wird gegen ein Honorar körperliche Nähe ohne sexuelle oder romantische Gefühle angeboten. Dies kann Kuscheln, Streicheln, Umarmen und Drücken umfassen, immer mit dem Ziel, dass sich die Kundschaft danach ­entspannt fühlt und, wenn nötig, Trost finden kann.

Zudem wird Hautkontakt bei verschiedenen Krankheitsbildern als medizinische Therapie verschrieben. Diese können von der klassischen Massage über manuelle Therapie bis hin zur Akupressur reichen. Auch hier haben gezielte Berührungen zum Ziel, das Gleichgewicht im Körper wiederherzustellen und positive Auswirkungen auf das Gehirn, den emotionalen und den physischen Zustand des Menschen zu erzielen, genau wie in der Alternativmedizin, wo Energieheilung und Handauflegen beliebt sind.

In Spitälern und Altersheimen werden Pflegepersonal und Ärzt*innen immer mehr darauf geschult, nicht nur mit Medikamenten zu behandeln. Vielmehr sollen sie auch den zwischenmenschlichen Kontakt und die damit einhergehenden Berührungen pflegen, um eine schnellere Genesung zu erreichen und ein angenehmeres Umfeld zu schaffen.




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