Ein Auge zudrücken
Die Tage werden kürzer und kälter, die ersten Heizungen werden aufgedreht. Und schon geht es los: ein Jucken oder Brennen im Auge, vielleicht sogar ein nervöses Zucken im Augenlid. Was dahintersteckt und wie sich diese Symptome vermeiden lassen, verraten wir Ihnen auf den nächsten Seiten.
Corinne Kneubühler

Trockene, müde Augen sind kein neues und auch kein seltenes Phänomen. Die meisten Menschen kennen das Gefühl von schweren Augenlidern, einer höheren Lichtempfindlichkeit, vielleicht sogar Kopfschmerzen und vor allem den Drang, ständig in den Augen zu reiben. Es brennt oder juckt, und wenn man in den Spiegel schaut, sind die Augen leicht gerötet. Am häufigsten betroffen sind ältere Menschen sowie Personen, die sich häufig auf lange Autofahrten begeben oder die einen Bürojob am Computer machen. Deshalb spricht man auch von «Office-Eye-Syndrom», also Büro-Augen-Syndrom. Meistens gehen die Symptome im Frühling von allein wieder weg, unangenehm ist es aber den ganzen Winter lang.
Schwemmsystem
Ausgelöst wird das Syndrom durch eine Fehlfunktion auf der vorderen Hornhaut (Cornea). Dies ist die Oberfläche des Auges, die exponiert ist, also die, die wir sehen, wenn das Auge offen ist. Das Sehen ist der stärkste Sinn des Menschen, deshalb ist es essenziell, dass die Cornea trotz ihrer Exponiertheit nicht gestört wird. Normalerweise verhindert bereits die Anatomie des Auges eine Fehlfunktion des Organs. Als Erstes sind da unsere Wimpern, die grössere Staubkörner oder andere Einflüsse vom Auge fernhalten. Bei kleineren Fremdkörpern oder falls der Blinzelreflex mal zu langsam sein sollte, ist der Tränenfilm zuständig. Dieser besteht aus drei Schichten. Die Lipidschicht ganz aussen besteht zu einem grossen Teil aus Fetten. Diese Fette verhindern, dass die darunterliegenden Schichten an der Luft sofort verdunsten.
Unter der Lipidschicht liegt eine Schicht, die zu 98 % aus Wasser besteht. Die restlichen 2 % bestehen aus Proteinen und anderen Nährstoffen, die Teil der Immunabwehr des Auges sind. Zuunterst und direkt auf der Oberfläche der Hornhaut liegt die Mucinschicht. Darin enthalten sind Schleimstoffe, die dafür sorgen, dass die oberen Schichten gleichmässig auf der sonst wasserabweisenden Hornhautoberfläche haften bleiben. Sollte also Schmutz, Staub oder ein anderer Fremdkörper, wie zum Beispiel ein kleines Insekt, ins Auge geraten, sorgt der Tränenfilm dafür, dass dieser aus dem Auge geschwemmt wird, ohne dass der Hornhaut Schaden zukommt. Wenn dieses Ausschwemmen nicht mehr funktioniert, gelangen Krankheitserreger einfacher ins Auge, und es kann zu Entzündungen und Erkrankungen kommen.
Aufgebrochen und verdunstet
Zurück ins trockene Büro. Hier sitzt man acht Stunden lang an seinem Pult, starrt geradeaus auf den Bildschirm, bewegt sich selten und wird von der Heizungsluft gewärmt. Diese Situation ist für das Auge gleich mehrfach suboptimal. Durch das lange Starren auf den Bildschirm, auch Blickmonotonie genannt, verringert sich unbewusst die Lidschlagfrequenz. Normalerweise blinzelt ein Mensch im Durchschnitt 22 Mal pro Minute. Dies kann sich bis auf sieben Lidschläge pro Minute hinunterfahren. Dies hat zur Folge, dass die Tränenflüssigkeit nicht mehr häufig genug über das gesamte Auge verteilt wird. So kommt die Lipidschicht an ihre Grenzen, und die Tränenflüssigkeit beginnt, zu verdunsten. Der Tränenfilm wird rissig, bricht auf, und die Hornhaut wird nicht mehr ausreichend geschützt. Die trockene Luft verstärkt diesen Vorgang. Aber unser Körper ist clever und schlägt sofort Alarm: Das brennende oder juckende Auge löst in uns den Reflex aus, das Auge zu reiben. Dafür schliessen wir das Lid, und die Flüssigkeit wird stärker produziert. Genau wie wir unbewusst weniger blinzeln, versucht unser Körper also auch, uns unbewusst auszuhelfen und die Balance im Auge wiederherzustellen.
Gähnende Rettung
Das Office-Eye-Syndrom wird aber nicht nur durch diese Bürosituation hervorgerufen. Es kann auch sein, dass im Auge bereits weniger Tränenflüssigkeit produziert wird. Wenn weniger Schmiermittel auf der Hornhaut verteilt wird, ist die Oberflächenspannung höher, und der Tränenfilm reisst mit der Zeit auf. Die Produktion der Flüssigkeit hängt direkt mit dem restlichen Körper zusammen. Wenn wir über längere Zeit zu wenig schlafen, den Körper mit zu wenig Flüssigkeit versorgen oder uns zu selten bewegen, dann wird der Körper als ganzes System müde. Im Erschöpfungszustand reagiert wieder das Gehirn, und fährt die Funktionen herunter, die nicht dringend lebensnotwendig sind. Dazu gehört auch die Produktion der Tränenflüssigkeit. Ausserdem gähnen wir im müden Zustand. Bei einem herzhaften Gähnen schliessen wir unsere Augen, was ihnen bereits Erholung schafft, und kneifen sie leicht zusammen. Durch dieses Kneifen wird mehr Tränenflüssigkeit von den Drüsen um das Auge abgegeben. Auch hier hat das Gehirn also einen cleveren Mechanismus in Gang gesetzt, um das Auge zu schützen.

Augenfreundliche Einrichtung
Bevor es so weit kommt, dass Sie sich die Augen ständig reiben wollen und das Augenlid nicht aufhören will zu zucken, gibt es einige einfache Tricks, wie Sie müden und trockenen Augen vorbeugen können – trotz Bürojob. Erleichterung schafft etwa eine geringere Bildschirmhelligkeit. Starke Kontraste zwischen Hell und Dunkel sind für das Auge anstrengend. Falls möglich, stellen Sie Ihren Computer in der Nähe eines Fensters auf, sodass von der Seite natürliches Licht in den Raum kommt. So kann vermieden werden, dass die Sonne auf dem Bildschirm reflektiert wird und Sie geblendet werden. Ausserdem sollte die Position des Bildschirms beachtet werden: Die obere Kante sollte 5–10 cm unterhalb der Augenhöhe sein, sodass der Blick leicht nach unten geht. Das ist für das Auge deutlich weniger anstrengend, als leicht nach oben zu schauen, und führt dazu, dass man regelmässiger blinzelt. Zudem ist eine kleinere Fläche der Hornhaut exponiert, und der Tränenfilm bleibt länger intakt. Um die Luftfeuchtigkeit im Raum zu verbessern, hilft ein Luftbefeuchter oder eine Schale Wasser auf der Heizung.
Mit einem Zwinkern durch den Winter
Sollten Sie bereits ein Brennen verspüren, gibt es ein paar einfache Übungen, um den Augen schnell etwas Erleichterung zu verschaffen. Fokussieren Sie ein Objekt in Griffnähe für 20 Sekunden. Suchen Sie dann ein Objekt, das ungefähr doppelt so weit weg ist, und fokussieren Sie dieses wieder für 20 Sekunden. Fahren Sie so fort, bis Sie fünf Objekte in immer weiterer Entfernung fokussiert haben. Verschiedene Distanzen zu fokussieren, hilft der Augenmuskulatur, entspannt zu bleiben. Wenn Sie oft am Bildschirm arbeiten, schauen Sie regelmässig aus dem Fenster und machen eine kurze Pause vom Bildschirmlicht. Dazu gibt es die 20-20-20-Regel, bei der man alle 20 Minuten für 20 Sekunden in eine Entfernung von ungefähr 20 Fuss, das heisst 6 Metern, schaut. Die Augenmuskulatur kann ausserdem durch Kreisbewegungen entspannen. Dazu strecken Sie Ihren Arm aus und zeichnen mit dem Finger Kreise in die Luft, denen Sie mit dem Blick folgen.
Eine weitere Übung ist das Palmieren: Reiben Sie Ihre Handflächen in kurzen, schnellen Bewegungen aneinander, bis sie ein wenig warm werden. Legen Sie dann die Handflächen so über die Augen, dass Sie die Wärme spüren können, aber Blinzeln immer noch möglich ist. Geniessen Sie die Dunkelheit und die leichte Wärme, die von den Handflächen abstrahlt, und konzentrieren Sie sich auf Ihre Atmung, um einfacher in die Entspannung zu finden. Diese Wirkung kann auch durch eine warme, feuchte Kompresse erreicht werden. Um die Hornhaut zu befeuchten, versuchen Sie, zu gähnen oder die Augen für wenige Sekunden zusammenzukneifen und dann ein paar Mal schnell zu blinzeln, damit das Lid die Flüssigkeit gut verteilen kann.
Augenmuskulatur
Falls Sie über längere Zeit an trockenen oder müden Augen leiden, könnte es auch an einer permanent überanstrengten Augenmuskulatur liegen. Dies ist meistens ein Hinweis darauf, dass Sie eine Sehhilfe benötigen könnten, falls Sie noch keine haben, oder dass Ihre aktuelle Sehhilfe nicht korrekt angepasst ist. Bei einer Kurz- oder Weitsichtigkeit, oder auch einer Hornhautverkrümmung, arbeitet die Augenmuskulatur ständig, um das Bild zu schärfen, je nach Stärke der Einschränkung ohne Erfolg. Es lohnt sich, einen Sehtest bei einem Optikergeschäft zu machen, um die richtige Sehhilfe zu erhalten oder eine solche Einschränkung auszuschliessen. Sollten die Beschwerden länger anhalten, sich verschlimmern oder regelmässig auftreten, empfiehlt sich aber immer eine Abklärung durch eine Fachperson.

