Die unsichtbare Belastung
Es ist wieder so weit: Alles spriesst und die Pollensaison beginnt. Für viele Menschen bedeutet das juckende Augen und Niesen. Mehr als 20 Prozent der Bevölkerung sind von Heuschnupfen betroffen – Tendenz steigend. Für die Betroffenen ist das sehr belastend. Auch wenn Heuschnupfen nicht heilbar ist, gibt es jedoch Möglichkeiten, die Symptome zu lindern.
Laura Spielmann

Aufgrund des Klimawandels und der Luftverschmutzung beginnt die Heuschnupfen-Saison nicht nur früher, sie ist auch länger und intensiver geworden. Bereits Ende Januar juckt es manche in der Nase. «Der Klimawandel führt zu früheren und längeren Pollensaisons und begünstigt das Auftreten neuer Pflanzen wie Ambrosia. Luftschadstoffe machen Pollen aggressiver und reizen die Atemwege zusätzlich. Dadurch verstärken sich die Beschwerden vieler Betroffener», so Roxane Guillod, Leiterin Fachdienstleistungen beim aha! Allergiezentrum. Pollenallergien werden durch Bäume, Gräser und Kräuter verursacht. Im März fliegen die Pollen von Hasel, Erle und Esche, bei entsprechenden Temperaturen auch die der Birke.
Heuschnupfen tritt häufig erstmals im Schulalter oder bei jungen Erwachsenen auf, kann jedoch in jedem Alter entstehen. Wer betroffene Eltern hat, hat zudem ein erhöhtes Risiko zu tragen. Bei Heuschnupfen reagiert das Immunsystem überempfindlich auf eigentlich harmlose Stoffe wie Pollen. Beim Einatmen oder bei direktem Kontakt stuft unser Immunsystem die Eiweisse der Pollen fälschlicherweise als gefährlich ein. Die daraufhin ausgeschütteten Botenstoffe wie Histamin lösen eine Entzündungsreaktion aus, die zu Beschwerden wie Niesen und juckende Augen führt. Allergien entstehen also nicht durch ein geschwächtes, sondern durch ein fehlgeleitetes Immunsystem. Die Symptome können dabei unterschiedlich stark ausgeprägt sein: von leichtem Schnupfen und gereizten Augen über ständiges Niesen, Hustenreiz und erschwerte Atmung bis hin zu juckender Kopfhaut, Nase, Gaumen und Ohren sowie allergischem Asthma. Diese Beschwerden können den Schlaf stören, die Arbeit erschweren und die Lebensqualität beeinträchtigen.
«Der Klimawandel
macht die Heuschnupfen-Zeit länger und die
Symptome stärker.»
Rund 20 Prozent der Bevölkerung ist von Heuschnupfen betroffen.
Die Symptome können mit Medikamenten wie Antihistaminika, kortisonhaltigen Nasensprays und antiallergischen Augentropfen gelindert werden. Bleiben die Beschwerden trotz Behandlung bestehen oder verwandelt sich die Allergie in Asthma, sodass Atemprobleme auftreten, ist eine allergologische Abklärung im Krankenhaus oder in spezialisierten Praxen empfehlenswert. Nach einem ausführlichen Gespräch werden Haut-, Blut- und Provokationstests durchgeführt. Mithilfe moderner Diagnoseverfahren können die auslösenden Pollen gut und präzise bestimmt werden.
Neben der symptomatischen Behandlung gibt es mit der Hyposensibilisierung eine spezifische Immuntherapie, die an der Ursache der Allergie ansetzt. Sie kann verhindern, dass sich ein unbehandelter Heuschnupfen zu Asthma entwickelt (ein sogenannter «Etagenwechsel»). «Es ist wichtig, die Allergiesymptome vor dem Auftreten von Asthma zu behandeln, um die Entzündung der Atemwege zu reduzieren. In bestimmten Fällen wird auch eine frühzeitige Immuntherapie empfohlen», so Roxane Guillod. Wichtig ist zudem, aktives und passives Rauchen konsequent zu vermeiden, da dies die Atemwege zusätzlich schädigt. Die Desensibilisierung gilt als die am meisten akzeptierte Methode. Dabei wird versucht, die Überreaktion des Immunsystems zu reduzieren. Über einen Zeitraum von etwa drei Jahren gewöhnt sich das Immunsystem allmählich an das Allergen.
Natürliche Hilfe
Pflanzenextrakte bieten ausserdem eine wirksame und natürliche Möglichkeit, Beschwerden zu lindern. Sie sind gut verträglich, hemmen Entzündungen und stärken das Immunsystem. Sie sind eine gute Alternative zu herkömmlichen Medikamenten, insbesondere für Personen, die auf diese empfindlich reagieren und von Nebenwirkungen berichten. So wird das Übel an der Wurzel gepackt und die Ursache, nicht nur die Symptomatik der Allergie, bekämpft. Wichtig ist, dass die Produkte von medizinischen Fachkräften verschrieben werden oder man sich in Apotheken beraten lässt, da die Qualität der Extrakte entscheidend ist. Schwarzkümmelöl ist dank seiner Inhaltsstoffe ein entzündungshemmendes und immunstärkendes Heilmittel. Auch Zitronen-Quitten-Extrakte wirken oft schon nach kurzer Zeit und sorgen für eine Erleichterung beim Atmen. Zudem können die pflanzlichen Stoffe die Freisetzung von Histamin hemmen. Der Pflanzenextrakt Pestwurz hat sich vor allem bei einer verstopften Nase bewährt. Die entzündungshemmende Wirkung von Ingwer ist ebenfalls hilfreich. Zusätzlich können Augentrost, Brennnessel und Sanddorn die Beschwerden lindern.
Digitale Hilfsmittel wie die App «Pollen News» können Betroffenen den Alltag erleichtern. «Pollen News stellt», wie Roxane Guillod erklärt, «kostenlos zuverlässige Pollen-Daten in Echtzeit zur Verfügung, die von MeteoSchweiz bereitgestellt werden.» Die App zeigt an, welche Regionen besonders belastet sind, und hilft dabei, Aktivitäten besser zu planen, den richtigen Zeitpunkt zum Lüften zu wählen und somit Pollen besser auszuweichen.

Brennnessel kann Beschwerden von Heuschnupfen linden.
Vorbeugen statt leiden
«Es kommt häufig vor, dass Behandlungen zu spät oder unregelmässig begonnen werden. Auch die übermässige Anwendung von abschwellenden Nasensprays, die für die Behandlung von Allergien nicht geeignet sind, kann problematisch sein. Viele vernachlässigen vorbeugende Massnahmen wie gezieltes Lüften, das Ausspülen der Haare oder das Nicht-Trocknen der Wäsche im Freien», so Roxane Guillod. Wer seine Beschwerden ernst nimmt, sie frühzeitig behandelt und vorbeugende Massnahmen in den Alltag integriert, kann die Pollensaison deutlich besser bewältigen – trotz der zunehmenden Belastung durch Umwelt und Klima.

Das Öl der Schwarzkümmel-Pflanze wirkt entzündungshemmend und immunstärkend.
Mit Mythen aufräumen
Über Pollen halten sich hartnäckige Mythen. So ist beispielsweise nicht jeder Pollen gleich allergen. Und auch wenn Bäume und Pflanzen derselben Familie Ähnlichkeiten aufweisen, ist jeder Pollen anders. Die auffälligen gelben Nadelbaum-Pollen, die beispielsweise auf Autos gut zu sehen sind, sind in der Regel nicht allergen und somit harmlos. Zudem ist Heuschnupfen schon lange kein reines Frühlingsproblem mehr, denn die Pollensaison beginnt oft schon im Januar und kann bis in den Spätsommer dauern.
