Die Stimme der Seele
In unserem digitalen Zeitalter, in dem wir konstant umgeben sind von Eindrücken und Meinungen, kann es schwerfallen, die eigene Intuition wahrzunehmen und auf sie zu hören. Mit ein wenig Übung kann diese Fähigkeit jedoch gestärkt werden.
Corinne Kneubühler

Sie kennen das bestimmt: Sie befinden sich in einer ganz alltäglichen Situation, und plötzlich beschleicht Sie ein Gefühl, eine leise Ahnung, scheinbar aus dem Nichts. Das Gefühl sagt Ihnen vielleicht, Sie sollten sich unbedingt bei Ihren Eltern melden, oder Sie sollten heute doch einen anderen Weg nach Hause nehmen, oder auch, dass Sie eine bereits gefällte Entscheidung doch nochmals überdenken sollten. Woher dieses Gefühl kommt, ist schwer zu erklären, und warum es auftaucht, ist schwer zu begründen. Bei diesem Gefühl, dieser Ahnung, spricht man von der Intuition.
Weg von der Logik
Das Wort «Intuition» stammt vom spätlateinischen intuitio, was so viel bedeutet wie «geistiges Schauen». Das heisst aber nicht, dass Intuition vom Visuellen abhängt. Vielmehr grenzt sich die Intuition vom aktiven «Denken» ab. Im Gegensatz dazu ist die Intuition nämlich spontan, plötzlich. In der Philosophie wird ausserdem die Gefühlswelt einbezogen, da sich die Intuition oft auch in Form eines Gefühls, wie bereits beschrieben, meldet. Daher kommt auch der umgangssprachliche Begriff des Bauchgefühls. Der Bauch wird als Gegenstück zum Kopf verstanden, oder eben zum Denken. So kann man eine Entscheidung «aus dem Bauch heraus» fällen, was eigentlich genau heisst, dass man seiner Intuition folgt und eben nicht zu sehr aktiv darüber nachdenkt. Tatsächlich wird in diesem Verständnis der Intuition die logische Schlussfolgerung explizit ausgeschlossen. Intuition basiert also per Definition nicht auf aktivem, analytischem Denken. Dadurch wirkt sie schwer erklärbar, für manche gar übermenschlich oder wie Zauberei.
Hallo, hier spricht dein Unterbewusstsein
Doch woher kommt denn dann dieses Gefühl? Mit Zauberei hat das, so viel kann gesagt werden, nichts zu tun. Es passiert jedoch etwas, das wir uns nicht (mehr) von unserem Gehirn gewohnt sind: Das Unterbewusstsein, oder das Unbewusste, meldet sich. Da es eben unbewusst ist, können wir es nicht aktiv ansteuern und auch nicht aktiv wahrnehmen. Am meisten verbunden wird das Unbewusste mit dem Schlafen. Das Gehirn ist im Schlaf nicht einfach «aus», es arbeitet weiter, aber ohne dass wir es bewusst wahrnehmen.
Das hat damit zu tun, dass die Signale, die im Hirn vermittelt werden, an genau dem Punkt unterbrochen werden, der nötig wäre, um die Signale bewusst wahrzunehmen. Doch auch das Unbewusste, oder eben Unterbewusste, ist Teil des Gehirns und verarbeitet Erlebtes und Wahrgenommenes. Die Intuition basiert schlussendlich genau darauf: auf Erfahrungen aus vergangenen Situationen sowie aus Wissen, das bereits erarbeitet wurde.
So gesehen ist der Unterschied zwischen der Intuition und dem rationalen, aktiven Denken also gar nicht so gross. Tatsächlich konnte in der Forschung belegt werden, dass sehr viele bewusste Abläufe im Unbewussten beginnen. Die Intuition ist also eine Eigenschaft, die alle Menschen haben und die essenziell ist für unseren Alltag. Und doch: Es scheint Menschen zu geben, die einfach besser auf ihr Bauchgefühl hören können als andere. Vielleicht kennen Sie auch die Aufteilung in «Kopf-», «Herz-» oder «Bauchmensch». Glücklicherweise kann mit ein wenig Übung jede Person (wieder) mehr zum Bauchmenschen werden.
Verlerntes wiederfinden
Im Gegensatz zu anderen Fähigkeiten wie zum Beispiel dem Sprechen muss die Intuition nicht von Grund auf gelernt werden. «Als Kinder sind wir alle intuitiv, aber viele lösen sich in ihren Teenagerjahren, während sie nach dem Sinn des Lebens und ihrem Platz in der Welt suchen, von ihrer Intuition», sagt die intuitive Therapeutin Amisha Ghadiali. Sie hat während der Covid‑19-Pandemie ein Buch über die Intuition geschrieben und arbeitet bereits seit vielen Jahren zu diesem Thema. Sie ist sich sicher: «Auch wenn man mit seiner Intuition nicht mehr verbunden ist, muss man sie nicht neu entwickeln, sondern nur wieder aufdecken und stärken. Je mehr sie genutzt wird, desto stärker und häufiger leitet sie uns.»
Ghadiali formuliert dazu Prinzipien, auf denen die Intuition basiert und nach denen die Intuition wiedergefunden und gestärkt werden kann. Zu diesen Prinzipien gehören unter anderem das «Raum schaffen», das «Bodymind»-Prinzip und das «Vertrauen». Alle Prinzipien können geübt und dadurch gestärkt werden.
Raum schaffen
Die Fähigkeit, das eigene Bauchgefühl wahrzunehmen, wird beispielsweise davon eingeschränkt, dass man gar keine Zeit hat, innezuhalten. Die Stimme der Intuition ist oft leise und braucht daher Raum, um sich zu entfalten und um wahrgenommen zu werden. Dafür müssen Gedanken, die von aussen kommen, Platz machen. Ein Beispiel dafür sind Gedanken, die mit «Ich sollte …» beginnen. Solche Gedanken stehen für einen Druck, der von aussen kommt. Halten Sie kurz inne und reflektieren Sie: Von wem kommt dieser Druck? Kommt er wirklich von Ihnen selbst oder aus der Gesellschaft, oder sind es Erwartungen anderer Menschen? Indem man versucht, das Gefühl des «Sollens» zu verkleinern oder gar zu verbannen, eröffnet sich mehr Raum für Möglichkeiten («ich könnte»), Wünsche («ich möchte») oder Verantwortung («ich muss»). Diese Gefühle kommen authentisch von innen. Amisha Ghadiali hält fest: «Um ein inspiriertes, intuitives Leben zu führen, muss hinter allem, was wir tun, eine tiefe Bestimmung und Bedeutung stehen.» Dabei helfen beispielsweise digitale Pausen, das bedeutet, das Handy komplett auszuschalten und auch den Laptop wegzulegen. Versuchen Sie zum Einstieg, das Handy vor dem Zubettgehen aus- und erst am Mittag des nächsten Tages anzuschalten.
Verbunden im Körper
Ein weiteres Prinzip nach Ghadiali ist das sogenannte «Bodymind»-Prinzip. Hierbei geht es darum, Körper und Geist als Einheit zu stärken, wie es ja bereits im Begriff «Bauchgefühl» enthalten ist. «Ein gesunder, glücklicher Bodymind, gepaart mit Selbstakzeptanz, führt zu klaren Entscheidungen und entschlossenen Handlungen», sagt Ghadiali. Ein Ansatz dabei ist es, gerade beim Bauch zu beginnen. Die Ernährung beeinflusst das Funktionieren des ganzen Menschen, des ganzen «Bodyminds». Wenn Sie beispielsweise vor einer Entscheidung stehen, lohnt es sich, dem Mikrobiom im Darm etwas Gutes zu tun und frische Nahrungsmittel zu sich zu nehmen, keine industriell verarbeiteten. Nicht zu unterschätzen ist es ausserdem, genügend Wasser zu trinken. Wasser stärkt den Körper als Organismus, was wiederum für mehr Energie und eine höhere Lebensqualität sorgt.

Gedanken formulieren
Nun kann es sein, dass man zwar das eigene Bauchgefühl wahrnimmt, man jedoch misstrauisch bleibt. Oder aber man spürt, dass etwas nicht stimmt, kann aber das Gefühl gar nicht richtig deuten. Um hier Klarheit zu schaffen und zu lernen, der inneren Stimme zu vertrauen, hilft vor allem eins: Schreiben. Das Tagebuchschreiben hat lange Tradition, und so ist es nicht verwunderlich, dass es uns Menschen guttut. Dabei ist es zu Beginn gar nicht so einfach, auf die leere Seite etwas auszuformulieren. Starten kann man daher ohne Druck einfach so, wie es gerade aus einem herausfliesst. Vielleicht schreiben Sie einfach mal auf, was Sie an einem Tag erlebt haben. In einem zweiten Schritt kommen die Gefühle dazu, die Sie an dem Tag verspürt haben, und schon folgen die Gedanken, die Sie vielleicht gar nicht aktiv wahrgenommen hatten. So passieren gleich zwei Sachen: Erstens finden Sie mehr zu sich selbst, nehmen Ihr Innenleben wahr und lernen, dieses mehr in den Vordergrund zu bringen. Und zweitens halten Sie Ihre Erlebnisse fest und können jederzeit feststellen, was passiert ist, wenn Sie auf Ihre Intuition gehört haben, oder eben nicht. Durch positive Erfahrungen werden die Intuition sowie das eigene Vertrauen ihr gegenüber stärker. Probieren Sie es aus, wer weiss, wohin Sie sich mit Hilfe Ihrer Intuition noch begeben könnten …
Für weitere Ausführungen, Tipps und Übungen:
«Intuition – Das Unbewusste bewusst nutzen. Wie sich innere Stimme und Bauchgefühl fördern und trainieren lassen.» von Amisha Ghadiali. Erschienen 2021 bei Dorling Kindersley Verlag GmbH, München. ISBN 978-3-8310-4230-2
