Die stille Epidemie

Es ist 22.00 Uhr an einem verschneiten Freitag im Dezember. Durch das Fenster einer beliebigen Hochhauswohnung in einer beliebigen Schweizer Stadt flackert bläuliches Licht. Drinnen sitzt eine Frau mittleren Alters vor dem Fernseher. Der deutsche Tatort läuft, doch so wirklich involviert in die Handlung ist sie nicht – will sie auch nicht unbedingt sein. Die vertrauten Stimmen genügen ihr.

 Claude Bohler

Tausende Schweizer*innen tun es ihr gleich, alle in ihren eigenen Wohnungen, auf ihrem eigenen Sofa. Als einsam würden sich die meisten von ihnen nicht bezeichnen, als grosse Tatort-Fans ebenfalls nicht. Wenn sie denn jemand fragen würde.

Wenn dann die alljährlichen Festtage unaufhaltsam näherrücken, wo man sich mit seinen Liebsten treffen sollte… Nun, dann gibt es nichts mehr zu verleugnen – zumindest nicht gegenüber sich selbst. Klar, vor und nach Weihnachten findet immer ein netter Austausch mit den netten Arbeitskolleg*innen statt. Nur gehen die Gespräche selten über das Alltägliche hinaus – und das gehört sich auch so, unter Arbeitskolleg*innen.

Und überhaupt: Nur weil jemand oft allein ist, ist er oder sie noch lange nicht einsam! Oder? Schön ist das latente Gefühl von Einsamkeit nicht, einverstanden. Deswegen gleich zu einer Beratungsstelle zu rennen, empfinden viele als übertrieben, oder sogar beschämend.

Die obige Geschichte ist zwar fiktiv, die dahinterliegende soziale Krise jedoch nicht. Laut einer Befragung des Bundesamts für Statistik (BfS) fühlt sich mehr als ein Drittel der Schweizer Bevölkerung manchmal oder oft einsam. Besonders betroffen sind Jugendliche und Menschen im Pensionsalter. Grundsätzlich ist es normal, sich ab und zu einsam zu fühlen, etwa nach dem Umzug oder dem Start einer neuen Arbeitsstelle. Erst wenn Einsamkeit zum dauerhaften, belastenden Zustand wird, ist sie für die eigene Gesundheit problematisch. Die Folgen sind mental sowie körperlich und gehen von Depressionen über Schlafstörungen bis hin zu einem erhöhten Risiko für Demenz und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, was die allgemeine Lebenserwartung verringert. Aufgrund des gesellschaftlichen Stigmas schämen sich Betroffene aber oft zu sehr, um Hilfsangebote von Beratungsstellen in Anspruch zu nehmen. Um den Weg aus der Einsamkeit ein wenig zu erleichtern, stellen wir an dieser Stelle niederschwellige Massnahmen vor, die alle im eigenen Alltag umsetzen können.


5 Tipps für den Umgang mit Einsamkeit

1. Eingeständnis gegenüber sich selbst
Seien Sie ehrlich mit sich selbst. Sich die eigene Einsamkeit einzugestehen, ist ein Zeichen von Stärke und der erste Schritt zur Besserung. Einsamkeit ist ein quälendes Gefühl, ihre Empfindungen sind echt und valide.

2. Transparenz gegenüber dem Umfeld
Öffnen Sie sich gegenüber einer Person, die Ihnen nahesteht. Die eigene Einsamkeit kann dabei sinngemäss über Aussagen zur eigenen Befindlichkeit thematisiert werden («Manchmal weiss ich schon am Nachmittag nicht mehr, wie ich den Rest des Tages verbringen soll»), wenn man sie nicht wörtlich («Ich fühle mich einsam») aussprechen möchte. Das gibt dem Gegenüber die Möglichkeit, der einsamen Person ein Zeitgeschenk zu machen. Also mit ihr spazieren, ins Kino oder gemeinsam essen zu gehen. Der Anstoss kommt so von aussen, womit sich nicht die Person aufraffen muss, die sich nicht mehr aufraffen kann.

3. Alleinsein als Freiraum
Alleinsein kann geübt und zum Genuss werden. Strukturieren Sie den Tag, anstatt allein herumzusitzen. Backen Sie beispielsweise vormittags ein Brot, organisieren Sie nachmittags ein Geburtstagsgeschenk für jemanden und schauen Sie abends einen Ihrer Lieblingsfilme. So kann Zeit, die man allein verbringt, aktiv gestaltet werden.

4. Umfeld erweitern
Wer sich in Gesellschaft anderer Leute ständig einsam fühlt, umgibt sich möglicherweise mit den falschen Leuten. Überlegen Sie, was Sie ausmacht und was Ihnen wichtig ist. Auf dieser Grundlage können Sie «Ihre» Leute finden. Das bedingt allerdings eine aktive Suche.

5. Anschluss finden
Wer Angst davor hat, isoliert zu sein, hängt sich sinnigerweise an etwas möglichst Grosses an, das viele Aktivitäten bietet und wo man einfach mitschwimmen darf. Denken Sie etwa an einen Verein oder eine politische Partei. Durch die regelmässigen Veranstaltungen treffen Sie regelmässig Gleichgesinnte, was einfacher ist, als sich ständig selbst zu aktivieren.

«Einsamkeit schädigt Betroffene nicht nur mental, sondern auch körperlich.»

Zurück zum Blog