Das Tor in eine andere Welt
Träume sind Schäume – und sind es doch nicht. Sie haben die Kraft, Königshäuser zu schaffen und auch wieder zu stürzen, sie inspirieren Künstlerinnen und Künstler, weisen uns den Weg in schwierigen Situationen, machen uns Angst, und sie sind gleichzeitig so flüchtig wie Quecksilber, das man mit Händen zu fassen versucht. Bis heute weiss niemand, warum wir eigentlich träumen – aber wir tun es seit Menschengedenken jede Nacht.
Markus Kellenberger

Die Wissenschaft weiss zwar dank unterschiedlichster Experimente, wie Hirnstrommessungen und Befragungen im Schlaflabor, dass wir träumen, wann wir träumen und sogar in groben Zügen wovon wir träumen – aber warum wir das tun, das weiss sie nicht. Niemand kann diese Frage abschliessend beantworten, auch Sie und ich nicht, obschon wir uns doch jede Nacht auf eine Reise in die Traumwelt begeben. Apropos «ich träume nie» – das gibt es nicht. Jeder Mensch träumt, aber nicht jeder Mensch kann sich nach dem Aufwachen daran erinnern
Doch damit nicht genug: Wir können sogar mit gutem Gewissen davon ausgehen, dass alle Wesen auf dieser Erde irgendwie träumen. Wer jemals Hunde oder Katzen dabei beobachtet hat, wie sie sich im Schlaf bewegen, zucken, knurren oder sich ihre Mienen verändern, der weiss, dass das genau dasselbe Verhalten ist, das man auch bei träumenden Menschen beobachten kann. Hunde und Katzen träumen also – und vermutlich tun das sogar Spinnen, ja sogar ganze Landschaften. Für viele indigene Völker ist es völlig selbstverständlich, dass auch Flüsse, Seen, Berge und Wälder träumen können, und vielleicht tun das sogar die Sterne.

Die Höhle der vergessenen Träume
Wie jedes sichtbare und unsichtbare Wesen träumt also auch der Mensch seit Anbeginn der Traumzeit, die mit der Schöpfung begann, und die bis heute andauert. So jedenfalls sehen das die Aborigines in Australien, und so weit wir wissen, tun sie das ununterbrochen seit mehr als 60 000 Jahren. Aber man muss gar nicht erst so weit weg, um auf Hinweise darauf zu stossen, dass sich der Mensch schon seit langem mit den Bildern der Nacht auseinandersetzt. Ein möglicher Beweis dafür sind die Malereien in der in Südfrankreich liegenden Chauvet-Höhle. In dieser erst 1994 wieder entdeckten Höhle galoppieren ganze Pferdeherden, schleichen Löwen in Rudeln und traben einzelne Nashörner wild und frei über die Felswände. Die wunderschönen Bilder sind rund 35 000 Jahre alt, und als der deutsche Regisseur Werner Herzog die Höhle betreten und dort filmen durfte, sprach er beeindruckt von einer Begegnung mit den Ursprüngen des Menschseins. Dem Film, der dort entstand, gab er den Titel «Die Höhle der vergessenen Träume».
Herzogs Filmtitel kommt nicht von ungefähr. Nicht wenige Anthropologinnen und Anthropologen sind davon überzeugt, dass Höhlenmalereien wie jene in Chauvet nicht die Realität der eiszeitlichen Steppen abbilden, sondern dass es Bilder sind, die den spirituellen Vorstellungen von schamanisch geprägten, jagenden und sammelnden Menschen entsprangen, in der Träume immer auch eine Tür in eine andere Welt sind. In dieser Traumoder Anderswelt begegneten sie Tier- und Menschengeistern, Göttern und Ahnen, und dort finden sie Antworten auf Fragen, die Seele und Herz betreffen, und die der Tag nicht beantworten kann. Für viele von uns «modernen» Menschen übernimmt heute die Psychoanalyse diese Rolle – aber auch die taucht zur Erforschung unseres Zustandes tief in unsere Träume ein, denn sie sind nicht nur ein Tor in die Anders-, sondern auch in unsere Seelenwelt. Ich komme später darauf zurück.
Wo Himmel und Erde sich berühren
Schamanisches Trommeln ist eine alte und bis heute weltweit verbreitete Technik, um einen traumähnlichen Zustand zu erreichen, der es erlaubt, sich bewusst in diese Anderswelt oder eben in die Tiefen unseres Selbst zu begeben. Forschende an der Universität von Michigan untersuchten mit Hilfe von Hirnstrommessungen, was in den Köpfen schamanisch trommelnder Menschen passiert, und stellten fest: Sie fallen tatsächlich in einen Zustand, in dem genau dieselben Hirnregionen hoch aktiv sind wie bei träumenden Schläfern, mit einem Unterschied – sie waren dabei wach. Schamanisches Trommeln ist eine Methode, mit deren Hilfe Menschen seit Jahrtausenden in einem traum- oder auch tranceähnlichen Zustand innere Bilderwelten erkunden können. Das kann ich nur bestätigen, ich nutze den Rhythmus der Trommel regelmässig, um meine eigenen Träume und seelischen Innenräume zu erkunden.
Träume üben eine gewaltige Kraft auf uns Menschen aus. Das zeigt sich in nahezu allen Religionen, in denen sie oft sogar eine zentrale Rolle spielen. Hier einige Beispiele: Im Alten Testament sieht der Erzvater Jakob im Schlaf eine Leiter, die den Himmel mit der Erde verbindet, und als Symbol für den Beistand Gottes steht. Im Neuen Testament erhält der Zimmermann Josef im Traum Anweisungen, die das weitere Schicksal der Heiligen Familie bestimmen. Im Islam steht der «wahre» Traum für eine nächtliche Botschaft von Allah, im Buddhismus kündigt ein Traum der Königin Maya die Geburt des Buddha an, im Hinduismus gibt es die Welt nur deshalb, weil sie der schlafende Gott Vishnu fortlaufend träumt, und in verschiedenen tibetischen Klöstern wird luzides Träumen als eine von vielen Möglichkeiten der Meditation gelehrt.
Von wahren und unwahren Träumen Heute betrachten wir Träume in der Regel als private Angelegenheiten, aber über den grössten Teil der Menschheitsgeschichte hinweg war das anders. In den längst wieder vergangenen Reichen Babylon, Ägypten, Griechenland und Rom galten Träume als Angelegenheiten von öffentlicher Bedeutung, denn was Herrscher, Priester, Seherinnen oder Orakel träumten, konnte über das Schicksal ganzer Völker entscheiden. Träume waren eindeutig die Botschaften höherer Mächte und somit höchst politisch, wobei die Menschen aber immer auch schon wussten, dass Träume täuschen und sogar lügen konnten. Die antiken Griechen unterschieden deshalb zwischen wahrhaftigen und trügerischen Träumen, das spätere Christentum unterschied zwischen göttlichen und dämonischen Träumen – und immer wieder stellte sich bei allen dieselbe Frage: Welche Traumbilder enthalten eine Botschaft, und welche nicht? Diese Frage beschäftigte Generationen von Traumdeuterinnen und Traumdeutern, und sie beschäftigt uns immer noch.
Während also Religionen, Kulturen und mittlerweile auch die Psychologie nach der Bedeutung von Träumen fragen, untersucht die Laborwissenschaft deren Entstehung. Das Hirn, stellte sie dabei fest, schläft nie. Es, unsere Psyche, unsere Seele oder unser Selbst ist immer aktiv, auch im Schlaf, ganz besonders in der sogenannten REM-Phase, in der wir träumen. In diesem Zustand werden Erinnerungen sortiert, Erfahrungen verarbeitet und Eindrücke miteinander verknüpft, wobei sich die Alltagserfahrung oft direkt in entsprechenden Traumbildern widerspiegelt. Wer sich intensiv mit Musik beschäftigt, träumt häufig von Musik, und wer unter Stress steht, hat auch öfters stressige Träume. Man kann auch sagen: Wie man sich im Leben bettet, so träumt man und deshalb sind Träume oft auch unmissverständliche Fingerzeige des Unbewussten, dass irgendetwas im eigenen Leben genauer betrachtet werden sollte.
Die beiden am Max-Planck-Institut für Psychiatrie tätigen Neurowissenschaftler Michael Czisch und Martin Dresler betrachten Träume als eine Art nächtliches Trainingslager, in dem Alltagssituationen in den fantastischsten Variationen wieder durchlebt, durchgespielt und neu eingeordnet werden. Davon profitiert unter anderem die Kreativität, und so kann es durchaus passieren, dass einem «die Lösung» im Traum präsentiert wird.
Botschaften aus der Tiefe der Seele
Träume sind eben mehr als nur jene messbaren elektrischen Ströme im Gehirn. Sie sind in erster Linie Seelenbotschaften an uns, viele davon sind eher unwichtig, andere hingegen sollten ernst genommen werden. Sigmund Freud bezeichnete Träume als «den Königsweg zum Unbewussten», weil sie von verdrängten Wünschen und verborgenen Konflikten erzählen. Carl Gustav Jung ging noch einen Schritt weiter. Für ihn sind Träume nicht nur persönliche Erinnerungen, sondern ein Zustand, in dem jeder Mensch Zugriff auf das «kollektive Unbewuss- te» hat. Das kann man sich wie eine alles verbindende gemeinsame Seele vorstellen, die die Erinnerung an alle Urbilder, die so genannten Archetypen, und somit auch an alle Mythen und Träume der Menschheit enthält. Jung nennt das die universelle Sprache der Seele, für indigene Völker ist das seit jeher die Anderswelt.
Tatsächlich berichten Menschen rund um den Globus von erstaunlich ähnlichen Träumen. Sie fallen in die Tiefe, sie fliegen, sie werden verfolgt, versagen bei Prüfungen, haben magische Kräfte oder erotische Begegnungen. Solche kulturübergreifenden Träume faszinieren Forschende bis heute, denn sie sind Symbole für menschliche Erfahrungen wie Angst, Freiheit, Scham und Lust. So mag es auf den ersten Blick einfach sein, Traumbilder zu entschlüsseln – aber dem ist nicht so. Therapeutinnen und Therapeuten, die mit den Träumen ihrer Kundschaft arbeiten, warnen davor, sich für die Deutung auf vereinfachende Symbollexika zu stützen, denn – um ein Beispiel zu wählen – eine im Traum auftauchende Schlange bedeutet nicht für jeden Menschen dasselbe. Ein Traum erschliesst sich erst aus der Lebensgeschichte, den Gefühlen und den aktuellen Herausforderungen einer Person.
Träume, die die Welt verändern Wie schon erwähnt: Träume üben eine grosse Macht auf uns und unser Leben aus. Ganz besonders tun sie es dann, wenn ihre oft visionären Bilder ihren Niederschlag im Alltag finden. Dann können sie eine Kraft entwickeln, die sich auf alle Menschen auswirkt. Als Martin Luther King 1963 vor rund einer Viertelmillion Menschen in Washington sprach, begann er seine berühmte Rede mit den Worten «I have a dream» – und läutete damit das Ende der damals in den USA noch geltenden Rassentrennung ein. Jede grosse Veränderung innerhalb einer Gesellschaft oder im ganz intimen Bereich beginnt immer mit einer Vorstellung dessen, was auch noch sein könnte. Und da sind unsere Träume die vielleicht besten Hinweisgeber.
Seit die Menschen in der Chauvet-Höhle ihre Träume an die Felswände gezeichnet haben, sind unzählige Generationen gekommen und gegangen, und sie alle haben geträumt, und vielleicht genau deswegen Reiche und Religionen gegründet und sogar den Mond betreten. Doch trotz alldem: Jede Nacht betreten wir von neuem eine Welt, die wir weder kontrollieren noch vollständig verstehen können – und genau darin liegt die inspirierende, heilende und bisweilen auch verstörende Kraft der Träume.
Buchtipps
Rahul Jandial: «Warum wir träumen – was uns das Gehirn im Schlaf über unser Leben offenbart», Verlag Rowohlt, 2024
Athena Laz: «Die Kraft deiner Träume – persönliches Wachstum durch Traumdeutung und luzides Träumen», Verlag Goldmann, 2022
