Alles wird gut
Die Welt ist voller Ungerechtigkeiten. Gar nicht so einfach, nicht die Hoffnung zu verlieren. Wir zeigen, wie Sie Ihren Glauben an das Gute wieder stärken können. Denn Hoffnung ist der erste Schritt zu einer besseren Zukunft.
Blanca Bürgisser

Die Hoffnung ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Seit Jahrtausenden schenkt sie den Menschen Kraft. «Dum spiro spero» – «solange ich atme, hoffe ich» –, eines der bekanntesten Zitate zur Hoffnung, ist auf den römischen Staatsmann Cicero (106–43 v. Chr.) zurückzuführen. Der Spruch ziert bis heute zahlreiche Wappen und Kalender und hat nichts von seiner Wirkkraft eingebüsst.
Trotz dieses optimistischen Zitats ist die Hoffnung nicht immer leicht zu finden. Noch schwieriger ist es, sie angesichts von schwierigen Situationen und Herausforderungen aufrechtzuerhalten.

Mehr als Optimismus
Für viele sind Hoffnung und Optimismus dasselbe, doch die beiden unterscheiden sich stärker, als man im ersten Moment denkt. Per definitionem ist Optimismus eine Lebenshaltung, bei der man stets das Positive an einer Situation sieht. Wer hofft, glaubt zwar auch an das Gute, scheut aber nicht vor negativen Gefühlen zurück. Die Verhaltensforscherin Jane Goodall (1934–2025), die sich zeit ihres Lebens für den Naturschutz einsetzte, erklärt den Unterschied wie folgt: «Der Optimismus sagt: ‹Alles wird gut›, und der Pessimismus sagt: ‹Nichts wird klappen›. Die Hoffnung hingegen bietet keine Gewissheiten. Sie ist die unerschütterliche Entschlossenheit, alles in unserer Macht Stehende zu tun, damit die bessere Zukunft, die wir uns wünschen, auch tatsächlich Wirklichkeit wird.» Es war Jane Goodalls unerschütterliche Hoffnung für eine bessere Zukunft, die ihr über Jahre die Kraft für ihren Aktivismus gegeben hat.
Hoffnung ist die Fähigkeit, negative oder belastende Situationen anzuerkennen und trotzdem davon überzeugt zu sein, dass es möglich ist, diese zu verbessern. Schliesslich lösen sich Probleme nicht dadurch, dass man sie ignoriert. Ein Beispiel dafür ist die Klimakrise: Wenn wir diese bekämpfen wollen, müssen wir uns damit auseinandersetzen. Warten wir darauf, dass alles gut wird, wird sich nichts an der Lage ändern. Entscheidend ist dabei, nie die eigene Hoffnung zu verlieren, ansonsten siegen in uns die negativen Gefühle.

Gegner der Hoffnung: das Gehirn
Das soll aber nicht heissen, dass wir keine negativen Gefühle haben dürfen. Schwierige Gefühle wie Wut oder Trauer sind keine Feinde der Hoffnung, sie helfen uns, uns mit einer Situation zu beschäftigen. Sie können ein Anstoss sein, sich für Veränderungen einzusetzen. Die grössten Hoffnungskiller sind Verzweiflung und Pessimismus. Wenn wir immer vom Schlechten ausgehen, haben wir schon aufgegeben, und wir bleiben in der hoffnungslosen, negativen Situation stecken. Hoffnung lebt davon, dass man an eine Alternative zum Bisherigen glaubt.
Das Problem mit der Verzweiflung erklärt der Autor John Green in einem Interview wie folgt: «Ich glaube nicht, dass sich die Menschheit Verzweiflung leisten kann, denn das Problem mit der Verzweiflung ist, dass sie sich immer weiter ausbreitet.» Dies geschieht, weil wir in der Verzweiflung keine logisch erklärbaren Gründe erkennen können, warum es Sinn macht, weiter zu hoffen. Erst mal in der Verzweiflung gefangen, scheint das Ausbrechen aus dieser Negativspirale ein Ding der Unmöglichkeit. Unser Gehirn zählt ohne Halt und unermüdlich alle Gründe auf, wieso sich nichts ändern kann/wird.
Hart erkämpft
Die Hoffnung muss es also mit der Verzweiflung und dem Pessimismus aufnehmen können. Negative Gefühle bleiben in unserem Gehirn jedoch oft einfacher und auch länger kleben als positive. Genau hier liegt die Herausforderung für die Hoffnung: Sie fängt klein an und muss dann stärker werden, um nicht verloren zu gehen. Man kann sich die Hoffnung vorstellen wie ein Keimling, den man hegen und pflegen muss, damit er wachsen kann. John Green beschreibt es so: «Mich interessiert die Art von Hoffnung, die einer genauen Prüfung standhält – die Art von Hoffnung, die auch den schlimmsten Ereignissen in unserem Leben standhält, die auch unsere schlimmsten Tage übersteht. Und die ist viel schwerer zu finden.» Es reicht nicht aus, wenn unsere Hoffnung nur einfachen Zeiten standhält. Schliesslich geschehen täglich zahlreiche Ungerechtigkeiten auf dieser Welt, die einen zu überwältigen drohen.
Gemeinsam sind wir stärker
Je grösser die Herausforderungen, umso stärker muss die Hoffnung sein. Nichts stärkt die Hoffnung so sehr wie die Liebe. Verbringen wir Zeit mit geliebten Menschen, fühlen sich alle Probleme etwas leichter an. Und schon fällt es einfacher, Hoffnung zu haben. Besonders in schwierigen Zeiten schenken uns geliebte Menschen Kraft und erinnern uns daran, dass es immer einen Grund zu hoffen gibt.
Auch der Autor und Philosoph Krisha Kops ist überzeugt: «Hoffnung ist eine gemeinschaftliche Praxis.» Seiner Meinung nach wächst Hoffnung umso stärker, je mehr Menschen sie teilen. Denn gemeinsam fällt es leichter, die Hoffnung zu pflegen. Für Krisha Kops ist es die Hoffnung, die aus einer Gesellschaft eine Gemeinschaft macht. Denn während unsere Gesellschaft oft von Egoismus und Konkurrenz geprägt ist, schaffen Gemeinschaften Solidarität und Kooperation. Dadurch ist es möglich, neue Ansätze zu entwickeln, die über die bisherigen Strukturen hinausgehen.

Kraft der Natur
Eine weitere Quelle der Hoffnung ist die Natur. Auch Jane Goodall nennt den Überlebenswillen und die Regenerationsfähigkeit der Natur als einen ihrer wichtigsten Gründe für die Hoffnung. In diesem Zusammenhang erzählt sie die Geschichte des «Survivor Tree». Dabei handelt es sich um einen Birnbaum, der einen Monat nach 9/11 unter den Trümmern entdeckt wurde. Alles, was vom Baum noch übrig war, war ein halber Stamm mit zerstörten Wurzeln und nur einem einzigen Ast. Rebecca Clough, die den Baum gefunden hatte, übergab ihn an eine Pflanzenschule, die ihn wieder gesund pflegte. Der Baum überlebte und wurde so stark, dass Rebecca Clough ihn vor der 9/11-Gedenkstätte einpflanzen konnte, wo er jeden Frühling erblüht. «Verstehen Sie jetzt, wieso ich es wage zu hoffen?», beendet Goodall ihre Geschichte. Auch in unserer Umgebung erinnern uns die kleinen und grossen Wunder der Natur daran, nicht die Hoffnung zu verlieren. Und nicht nur das: Der Aufenthalt an der frischen Luft ist eine Wohltat für Körper und Geist. Er holt uns aus unserer Verzweiflung und hilft uns, den Blick wieder auf die Hoffnung zu richten.
Hoffnung ist Handlung
In einem Punkt sind sich beide einig: Hoffnung ist mehr als ein Gefühl. Sie endet nicht bei unserer Vorstellung. «Sie müssen sie [die Hoffnung] in die reale Welt übertragen, sie in Aktion erleben», betont John Green. «Hoffnung ist die Schwester von Handlung», sagt auch Jane Goodall. Sie war überzeugt, dass die Menschen, wenn sie alle zusammenarbeiten, einen gesünderen Planeten schaffen können. Diese Überzeugung hat sie dazu gebracht, ihr Bildungs-, Umwelt- und humanitäres Programm «Roots and Shoots» zu gründen, das heute in über 70 Ländern aktiv ist. Das Programm unterstützt Kinder und Jugendliche, die sich für eine bessere Zukunft engagieren möchten.
Die Hoffnung auf eine bessere Welt für die nächste Generation ist der erste Schritt zu konkreten Massnahmen, die diese Vorstellung Realität werden lassen. Wir alle sollten unsere Handlungen öfter von unserer Hoffnung leiten lassen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um kleine Veränderungen oder grosse Aktionen handelt. Wenn wir anfangen, uns zu engagieren, stärkt das auch unsere Hoffnung. Denn kleine Erfolge veranschaulichen den Fortschritt und schenken immer wieder neue Kraft. Und mit jeder Tat rückt die gewünschte Zukunft näher an die Realität. Wenn wir uns gemeinschaftlich engagieren, zeigt uns das zusätzlich, dass wir mit unseren Hoffnungen nicht allein sind und dass an Tagen, an denen es uns selbst schwerfällt, jemand anderes weiterkämpft.

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Eine weitere Taktik, die eigene Hoffnung zu finden und zu stärken: Schreiben Sie sich eine Liste mit allem, was Ihnen Hoffnung schenkt. Dabei spielt es keine Rolle, wie gross oder klein die Dinge sind. Am besten verstauen Sie die Liste danach so, dass sie immer in Ihrer Nähe ist, zum Beispiel im Portemonnaie oder im Nachttisch. An schwierigen Tagen können Sie auf Ihre Liste zurückgreifen und werden daran erinnert, dass es viele Gründe zu hoffen gibt.
