Der Beckenboden – ein unsichtbarer Held
Eine aufrechte und stabile Haltung, die Sicherung der Kontinenz von Stuhl, Urin und Wind, die Sexualitätsfunktion sowie das Stützen der inneren Organe wie Blase, Darm und Gebärmutter – der Beckenboden ist ein Alleskönner im Dauereinsatz. Umso wichtiger ist es, bei Beschwerden frühzeitig zu handeln.
Sophie Souvignier

Einer der grössten Mythen über den Beckenboden ist, dass nur Frauen, die geboren haben, Probleme mit diesem entwickeln», erklärt Beckenbodenphysiotherapeutin Nadja Grüter, Vorstandsmitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Beckenbodenphysiotherapie pelvisuisse. «Beckenbodenbeschwerden können jedes Geschlecht, Alter und sogar Kinder betreffen. Der Hauptunterschied ist, dass der Beckenboden der Frau gebären kann und hormonellen Schwankungen ausgesetzt ist, die beispielsweise in der Schwangerschaft, Stillphase oder Menopause mehr Aufmerksamkeit generieren.» Der Beckenboden ist bei allen Bewegungen aktiv, vorwiegend kommt er jedoch bei starken Druckerhöhungen im Bauchraum wie dem Niesen, Bücken und besonders beim Heben zum Einsatz. Wenn der Beckenboden zu schwach ist, kann es bei diesen Anforderungen zum Verlust von Urin, Stuhl oder Wind oder zu Rückenschmerzen kommen. Bei einer grösseren Schwächung kann sogar die Absenkung von Blase, Darm oder Gebärmutter erfolgen.
Ein «starker» Beckenboden
Ein zu kraftloser Beckenboden ist jedoch nicht immer die Ursache für Beschwerden, häufig ist es eine zu hohe Spannung. Daher geht es bei der Problemlösung auch nicht um eine reine Stärkung. «Ein gut funktionierender Beckenboden, der zur richtigen Zeit anspannt, aber auch gut entspannt, ist das, was wir wollen. Dabei kommt es viel mehr auf die Koordination, das richtige Timing und die richtige Intensität an, als auf reine Kraft. Ein solcher Beckenboden verhindert Inkontinenz, Schmerzen, Verletzungen bei der Geburt und kann die Sexualität verbessern», erläutert Frau Grüter.
Beckenbodenbeschwerden können jedes Alter und Geschlecht betreffen.
Die Beckenbodenphysiotherapie
Gegen die verschiedenen Beschwerdebilder kann es eine ärztliche Verordnung zur Beckenbodenphysiotherapie geben. Diese sollte jedoch nicht mit einem reinen Beckenbodentraining verwechselt werden, bei dem es sich zumeist nur um die Kräftigung der Muskulatur handelt. Die spezialisierte Form der Physiotherapie wird von qualifizierten Physiotherapeut*innen angeboten. Eine Liste mit geprüften und qualifizierten Fachpersonen in diesem Spezialbereich der Physiotherapie wird auf www.pelvisuisse.ch geführt.
Nadja Grüter erklärt ihre Tätigkeit als Therapeutin: «In der Beckenbodenphysiotherapie werden die Beschwerden der Patient*innen durch ein ausführliches Anamnesegespräch sowie eine Untersuchung des Beckenbodens und der umliegenden Gelenke, Muskeln und Strukturen erfasst. Ziel ist es, herauszufinden, warum Probleme auftreten, und gemäss klarer Zielsetzung einen optimalen Therapieplan zu erstellen.» Dank Biofeedbackgeräten, die die Aktivität der Muskulatur durch Sonden messen, sowie Ultraschallgeräten kann die Sichtbarkeit und Greifbarkeit für Patient*innen erhöht werden. Für die Diagnose ist das Ertasten des Beckenbodens jedoch nach wie vor die Haupttätigkeit der Physiotherapeut*innen. So können sie feststellen, welche Anteile gezielt trainiert, entspannt oder vermehrt wahrgenommen werden müssen.

Der Beckenboden im Alltag
«Grundsätzlich wird der Beckenboden bei allen sportlichen Aktivitäten mehr oder weniger mittrainiert. Wichtiger als die Stärkung des Beckenbodens ist, dass man weiss, wo der Beckenboden ist, wie er sich anfühlen sollte und wie er funktioniert», sagt Nadja Grüter. Um der Muskulatur, die häufiger verspannt ist, etwas Gutes zu tun, empfiehlt sie eine ganz einfache Übung: «Tiefes, langsames Einatmen in den Bauch und langes Ausatmen durch den leicht geöffneten Mund bringt den Beckenboden in Bewegung und entspannt ihn und das Nervensystem.»
Mehr Informationen finden Sie hier:
www.pelvisuisse.ch
