Wenn kleine Verletzungen gross werden

Jeder Mensch erleidet irgendwann einmal seelische Verletzungen. Im Fokus stehen in der Regel die grossen Traumata wie zum Beispiel Missbrauchserlebnisse. In vielen Fällen sind es aber sich wiederholende kleine Erschütterungen, sogenannte Mikrotraumata, die sensiblen Menschen das Leben schwer machen können. Zum Glück lässt sich die Seele heilen.

Markus Kellenberger

Manchmal, wenn ich mit Menschen ums Feuer sitze, kommen nachhaltig erschütternde Erlebnisse zur Sprache. So auch an jenem Abend, als ein Mann von einem schlimmen Verkehrsunfall berichtete, der ihn seither bis in die Träume hinein verfolgt, und eine Frau von ihrer von Gewalt geprägten Kindheit erzählte. Ein Teilnehmer aber war lange still. Erst nach einer Weile sagte er: «Bei mir gab es keine so erschütternden Ereignisse. Aber all die kleinen Sticheleien, die ewige Abwertung durch meinen Vater und später auch durch Lehrerinnen und Lehrer – sie haben sich eingegraben und tun mir bis heute mehr weh als eine einmalige Katastrophe.»

Seine Worte berührten alle, denn während wir «Trauma» meist mit Schockereignissen wie Missbrauch, Unfällen oder Krieg in Verbindung bringen, gibt es eben auch die kleinen Verletzungen, die sich über die Jahre hinweg summieren. Ein vergifteter Satz, eine spöttische Bemerkung, ein Blick der Herabsetzung, für sich genommen ist nichts davon der Rede wert. Doch in der Wiederholung nagen solche kleinen Verletzungen an der Seele, bis sie tiefe Spuren hinterlassen und das Leben von Betroffenen nachhaltig beeinflussen.

Die unterschätzten Verletzungen

Fachleute wie die deutsche Psychotherapeutin und Buchautorin Sonja Unger nennen solche sich wiederholenden Verletzungen Mikrotraumata. Es sind fortlaufende Beschämungen, Entwertungen, ständige Kritik, emotionale Kälte, Mobbing oder auch subtile Drohungen. Über die Jahre hinweg entfalten sie eine ähnlich verstörende Wirkung wie ein einziges, grosses Trauma. Besonders gefährlich sind solche Mikrotraumata, wenn sie von Menschen ausgehen, von denen wir abhängig sind. Wer von Eltern, Partnerinnen und Partnern oder Vorgesetzten ständig hört: «Du bist zu empfindlich» oder «Aus dir wird nie was», gerät mit der Zeit in ein Gefühl der Ausweglosigkeit – und erfüllt mit der Zeit sogar die ihm unterstellten Vorwürfe.

Menschen, die unter Mikrotraumata leiden, berichten oft nicht von einem einzelnen schrecklichen Erlebnis, sondern von einem diffusen Gefühl der inneren Unsicherheit. Typische Symptome sind: eine ständige innere Alarmbereitschaft, gepaart mit dem Gefühl, nie wirklich genug zu sein; wachsende Selbstzweifel und Scham; Angst vor Nähe oder Überanpassung, um nicht erneut verletzt zu werden; körperliche Beschwerden wie Schlafstörungen, Verspannungen und psychosomatische Schmerzen; und nicht zuletzt auch eine als Selbstschutz getarnte Gefühlstaubheit, die in bedrückender Freudlosigkeit mündet.

Bewusst werden und anerkennen

Auch wenn Mikrotraumata selten als echte Traumata anerkannt werden – sie können die gleichen Folgen wie Depressionen, Angst- oder Suchterkrankungen nach sich ziehen. Doch Traumata, ob gross oder klein, müssen nicht das Leben von Betroffenen bestimmen. Ein erster Schritt zur Heilung ist, das eigene Erleben ernst zu nehmen, auch entgegen Äusserungen von aussen, wie «Das ist doch nicht so schlimm». Zu erkennen, dass das, was ich erfahren habe, verletzend war und Spuren hinterlassen hat, kann bereits entlastend wirken. Der nächste wichtige Schritt ist dann, die eigene Scham zu überwinden, und sich für eine Therapie zu entscheiden.

Die Psychotherapie kennt für die Behandlung von Traumata verschiedene Ansätze. Neben der klassischen Gesprächstherapie sind das auch sogenannte kognitive Verhaltenstherapien, bei denen das Erlebte betrachtet und verarbeitet wird. Ziel dabei ist nie das Vergessen des Erlittenen, sondern ein neuer Umgang damit. Ein anderer Therapieansatz geht gezielt über Körperarbeit, denn Traumata sitzen nicht nur im Kopf, sondern auch im Körper. Hilfreich sind hier Methoden wie Yoga, Atemarbeit oder Somatic Experiencing. Bei allen geht es darum, die durch Traumata erzeugten Körperspannungen zu lösen, um einen neuen Zugang zum Erlebten und damit zu sich selbst zu finden.

Die spirituelle Dimension

Viele betroffene Menschen finden Heilung aber nicht nur in der Psychotherapie, sondern auch in spirituellen Praktiken wie Meditation, Gebet, Trommelkreise und in der Ahnenarbeit. Denn vieles, das uns belastet, ist das Erbe unserer Eltern oder Grosseltern, die ihre seelischen Verletzungen an uns weitergegeben haben. Das kann unser Verhalten und unsere Empfänglichkeit für Verletzungen im Alltag nachhaltig beeinflussen (siehe «natürlich» 05/25, «Die Macht der Grossen Eltern»).

Ich erinnere mich immer wieder mal an den Mann am Feuer, der von den vielen kleinen Verletzungen erzählte, die er im Verlauf seines Lebens erfahren hat, denn seine Geschichte ist die Geschichte von vielen von uns. Niemand geht durch diese Welt, ohne sich an deren Dornen zu ritzen. Einige von uns stecken das locker weg, andere wiederum versinken in einem wachsenden Schmerz. Da ist es gut zu wissen, dass es Menschen gibt, die einen ernst nehmen, die einem zuhören und die einem helfen, diese Verletzungen zu versorgen – damit alle Verwundeten das Leben wieder in seiner ganzen Leichtigkeit spüren dürfen.

 

Buchempfehlungen

Helene Bracht: «Das Lieben danach», Verlag Hanser, 2025

Sonja Unger: «Mikrotrauma – wenn kleine seelische Verletzungen krank machen», Verlag Humboldt, 2024

Bessel van der Kolk: «Das Trauma in dir – wie der Körper den Schrecken festhält und wie wir ihn heilen können», Verlag Ullstein, 2022

Zurück zum Blog

Hinterlassen Sie einen Kommentar