Warum mache ich das eigentlich?

Manchmal gerät im Leben etwas ins Wanken, und dann stellt sich die Frage nach dem Sinn des Lebens und des eigenen Tuns. Diese Frage gehört zum Menschsein, und sie taucht immer wieder auf – in Übergängen, in Krisen, aber auch in ruhigen Momenten, in denen wir unser Leben betrachten. Der Sinn des Lebens will immer wieder mal neu gefunden werden.

Markus Kellenberger

«Mich trifft das bestimmt nicht», dachte ich rund um meine offizielle Pensionierung herum. Eine Ruhestandsdepression schien mir unmöglich, schliesslich arbeitete ich ja weiter wie gewohnt, mit dem Unterschied, dass ich am Morgen nunmehr freiwillig aus dem Bett kroch. Juhui! Nach ein paar Monaten war die Euphorie aber vorbei, und das Aufstehen begann mühsam zu werden, denn an den Rändern meiner Seele frass der üble Gedanke, «dich braucht es eigentlich gar nicht mehr», und schon fand ich mich in einer Sinnkrise gefangen. Sie dauerte mehrere Wochen, und nur dank vielen Gesprächen mit verständnisvollen Freundinnen und Freunden, einer Packung stimmungsaufhellenden Johanniskraut-Dragées und einigen intensiven Meditationen am Feuer konnte ich mich daraus wieder befreien.

Wenn das Leben aus der Bahn gerät

Mittlerweile weiss ich, dass es vielen Menschen rund um die Pensionierung so geht, egal, wie sehr sie sich darauf vorbereitet haben, denn plötzlich ist so vieles weg, was früher von ganz allein Sinn stiftete: die Arbeitsstruktur, die Begegnungen am Arbeitsplatz, die Anerkennung für das Geleistete, und nicht zuletzt auch der eigene Status. Die meisten trifft es übrigens erst ein, zwei Jahre nach diesem einschneidenden Ereignis. Psychologinnen und Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von einem verzögerten Pensionsschock.

Die Pensionierung ist aber nur einer jener Momente im Leben, in denen es zu einer Sinnkrise kommen kann. Andere sind der Übergang ins Erwachsenenleben, eine Scheidung, der Auszug der Kinder, der Verlust eines geliebten Menschen oder eine Arbeit, die einen nicht wirklich erfüllt. In all diesen Situationen lösen sich die bisherigen Sinnlinien auf, und das Leben wird durchlässig für die Frage nach dem Warum. Am Psychologischen Institut der Universität Zürich forscht Doris Baumann seit Jahren rund um die Fragen, wann und warum Menschen ihr Leben als sinnvoll und erfüllend empfinden.

Drei Quellen speisen Sinn und Erfüllung

Im Laufe ihrer Studien hat Baumann drei Quellen identifiziert, aus denen Menschen Lebenssinn und Erfüllung schöpfen: Die erste Quelle sind wir selbst. Menschen wollen wachsen, ihre Fähigkeiten entfalten und das Gefühl haben, dass ihre Talente zur Geltung kommen. Wer das Gefühl hat, sich entwickeln zu können, erlebt sein Leben eher als sinnvoll. Die zweite Quelle ist die Stimmigkeit des Lebens. Viele Menschen spüren intuitiv, wenn ihr Leben nicht zu ihnen passt. Vielleicht haben sie eine Karriere eingeschlagen, die äusserlich zwar erfolgreich wirkt, innerlich aber nicht den eigenen Werten und Wünschen entspricht. In solchen Situationen entsteht eine Entfremdung von sich selbst, und das Leben fühlt sich einfach falsch an. Die dritte Quelle der Erfüllung liegt im Beitrag für andere. «Ein erfülltes Leben ist kein Leben, das nur um sich selbst kreist», sagt die Sinnforscherin. «Es hat auch etwas damit zu tun, etwas zum Gelingen des Lebens von anderen beizutragen.»

Michael Zichy sieht das genauso. Menschen und Beziehungen seien es, die dem Leben Sinn verleihen, sagt er, und hat diese Aussage im Titel seines aktuellen Buches verdichtet: «Anderen wichtig sein». Darin, so der Professor für philosophische Grundfragen und Theologie, liege der Kern des Lebenssinns. Dies aber nicht als Mittel zum Zweck und nicht aus Berechnung, sondern weil das eigene Dasein das Leben anderer Menschen bereichert – und das tut es nicht, indem man grosse Reden schwingt oder Pyramiden baut, sondern indem man ganz einfach mal jemandem hilft, die schwere Einkaufstasche zu schleppen.

Es gibt ihn nicht – den einen Sinn des Lebens

Das ist leicht gesagt, wenn man nicht gerade im tiefen Loch der Sinnlosigkeit hockt. Und dennoch ist es der einzige Weg, um dort wieder herauszuklettern. Wer sich in dieser Notlage anderen Menschen für eine einfache Hilfestellung zuwendet oder sogar selbst um Hilfe bittet, statt sich ins eigene Elend der gefühlten Sinnlosigkeit zurück zu ziehen, macht sich sichtbar. Und nur sichtbare Menschen können für andere wichtig sein.

Vielleicht haben Sie eine andere Antwort darauf erwartet, was unserem Leben Sinn verleiht. Doch «die» grosse Antwort auf die Sinnfrage gibt es nicht, obschon sich die Menschen seit Tausenden von Jahren bereits damit beschäftigen. Sinn ist kein Edelstein, den man irgendwann findet und für immer besitzt, sondern ist etwas, das sich im Verlauf des Lebens ständig verändert. Was einem in der Jugend sinnstiftend scheint, kann im Alter an Bedeutung verlieren. Partyphasen werden von Karrierephasen abgelöst, Karrierephasen von Familienphasen, und später kommt vielleicht auch die Weitergabe von Erfahrung dazu oder überraschend neue Interessen – und sie alle geben uns ihren eigenen Sinn.

Mittlerweile bin ich mir sicher: nach dem Sinn des Lebens zu suchen macht wenig Sinn. Viel wichtiger ist es, jene Quellen zu kennen, aus denen Sinn sprudeln kann. Das sind meine Beziehungen zu anderen Menschen, Aufgaben, die mir wichtig sind oder das Gefühl, einen kleinen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Und so könnte die Frage nach dem Sinn des Lebens weniger in eine Antwort münden als in eine Richtung, eine Richtung, die mich immer wieder dorthin führt, wo mein Leben das von anderen Menschen berührt, und alle spüren, dass da etwas von Bedeutung entsteht. Deshalb zünde ich für andere Menschen gerne ein Feuer an.

Buchempfehlung

Tatjana Schnell, Kilian Trotier: «Sinn finden – 13 Schritte in ein erfülltes Leben», Econ-Ullstein-List, 2025

 

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