Sei doch auch mal freundlich mit dir selbst

Wir kümmern uns um die durstigen Blumen, erinnern uns liebe Menschen daran, gut zu sich zu schauen und kaufen für Hund und Katze möglichst gesundes Futter. Für andere zu sorgen, fällt uns leicht – aber wie gehen wir eigentlich mit uns selbst um?

Markus Kellenberger

Ja, wie gehen wir mit uns selbst um? Bestimmt haben Sie sich das nach einem Tag voller Fürsorge um andere schon oft gefragt. Und dann? Dann machen Sie es vielleicht wie ich, Sie gönnen sich eine Cremeschnitte, ein Glas Wein oder auch mal ein mehr oder weniger freies Wochenende. Daran ist nichts auszusetzen – aber mit Selbstfürsorge, und darum geht es in diesem Text, hat das eher am Rande zu tun. Echte Selbstfürsorge geht viel tiefer, denn sie ist nicht einfach eine Belohnung für Fleiss und Aufopferung, die man sich hin und wieder gönnt, sondern eine innere Haltung, die uns den Alltag leichter macht. Selbstfürsorge ist die bewusste Entscheidung, sich selbst mit derselben Freundlichkeit und Geduld zu begegnen, die wir einem geliebten Menschen schenken würden, und das gerade dann, wenn es im Leben schwierig ist. Aber warum fällt uns das so schwer? Die Antwort liegt in uns selbst, und sie hat einen Namen: Es ist unser innerer Richter, der sich immer dann meldet, wenn etwas nicht so läuft, wie wir es gerne hätten, wenn wir Fehler machen, Erwartungen nicht erfüllen oder ganz einfach erschöpft von der Last des Alltags sind. Dann meldet er sich unerbittlich und gnadenlos. «Du bist nicht gut genug; andere können das auch; du hättest dich mehr anstrengen müssen.» So oder ähnlich stichelt er unermüdlich, denn ihm fehlt etwas Grundlegendes, nämlich Selbstmitgefühl.


«Selbstfürsorge ist die Kunst, sich selbst nicht länger als Gegner zu behandeln, sondern als Freund.»


Entspannter wird man stärker

Die amerikanische Psychologin Kristin Neff gehört zu den wichtigsten Forscherinnen auf dem Gebiet des Selbstmitgefühls. In ihren Studien hat sie belegt, dass wir mit uns in der Regel wesentlich strenger umgehen als mit jedem anderen Menschen. Gemeinsam mit dem Wiener Psychotherapeuten Christopher Gerner hat sie nachgewiesen, dass genau diese vom inneren Richter auferlegte Härte sich selbst gegenüber nicht zu besseren Leistungen führt. Im Gegenteil: Wer sich ständig kritisiert, setzt das körpereigene Alarmsystem in Gang, und das bedeutet, dass Stresshormone ausgeschüttet werden, wir uns verspannen, ins Grübeln kommen und den Zugang zu unseren Fähigkeiten verlieren.

Freundlichkeit mit sich selbst ist deshalb keine sentimentale Wohlfühlübung, sondern ein wirksames Mittel gegen den inneren Dauerstress. Menschen mit mehr Selbstmitgefühl entwickeln automatisch mehr Selbstfürsorge, und das wiederum macht das Leben entspannter und fröhlicher, und uns am Ende sogar leistungsfähiger oder zumindest widerstandsfähiger gegen die Unbill des Alltags.


Tun, was einem guttut

Nun, das klingt doch schon mal einfach. Ein bisschen mehr Selbstmitgefühl – und schon sind wir in der Selbstfürsorge angekommen. Doch so einfach ist das eben nicht. Viele verwechseln Selbstfürsorge mit Nachgiebigkeit, und fürchten, sie würden bequem, egoistisch oder leistungsschwach, wenn sie nicht mehr so streng mit sich selbst wären. Aber dem ist nicht so, denn Selbstfürsorge bedeutet nicht, sich jeden Wunsch zu erfüllen, sondern bewusst das zu tun, was einem langfristig guttut. Meine geliebte Cremeschnitte gehört nicht dazu, sie ist allenfalls ein kurzfristig wirksames Trösterli.

Gut zu sich zu schauen bedeutet oft, alte ungesunde Gewohnheiten zu ändern. Das muss nichts Spektakuläres sein. Manchmal bedeutet es, ins Bett zu gehen, auch wenn die Arbeit noch nicht fertig ist oder auch «nein» zu sagen, obschon man niemanden enttäuschen möchte. Manchmal heisst Selbstfürsorge auch, Hilfe anzunehmen, sich und anderen Grenzen zu setzen oder eine belastende Beziehung zu überdenken. Und manchmal bedeutet sie auch, sich liebevoll zu disziplinieren und den ersten kleinen Schritt zu tun – und einfach mal eine Pause zu machen. Selbstfürsorge fragt nicht: «Was ist jetzt angenehm». Sie fragt: «Was hilft mir, gesund zu bleiben?» Gerade darin unterscheidet sie sich fundamental von der heute so beliebten Selbstoptimierung, die um fast jeden Preis aus uns ständig eine noch bessere Version machen will. Echte Selbstfürsorge erlaubt uns, einfach nur Mensch zu sein, und zwar so, wie wir sind, mit all unseren Stärken und Schwächen.


Sich selbst der beste Freund sein

Wer sich ständig beweisen und verbessern muss, lebt unter Dauerdruck. Wer sich selbst mit Wohlwollen begegnet, gewinnt innere Freiheit, und plötzlich müssen Fehler nicht mehr versteckt werden, Rückschläge werden zu Erfahrungen, und aus Schwäche kann Mitgefühl entstehen – für sich selbst und für andere. Auch Veränderungen gelingen mit dieser Einstellung besser. Wir alle kennen den Enthusiasmus guter Vorsätze wie: ab morgen ernähre ich mich gesünder oder ich mache mehr Sport. Doch unser Leben verändert sich selten durch grosse Ankündigungen, sondern durch die vielen kleinen Entscheidungen, die wir Tag für Tag treffen. Das kann ein Spaziergang sein, statt noch eine Stunde am Bildschirm zu sitzen; eine Pause statt noch eine Aufgabe; ein ehrliches Nein statt ein halbherziges Ja – und manchmal einfach die Erlaubnis, dass heute nicht alles perfekt sein muss, und ich und Sie schon gar nicht.

Selbstfürsorge ist die Kunst, sich selbst nicht länger als Gegner zu behandeln, sondern als Freund. Und vergessen Sie nie: Sie sind gut, so wie Sie sind – und Sie sind liebenswert.


Buchempfehlung

Kristin Neff: «Selbstmitgefühl – Wie wir uns mit unseren Schwächen versöhnen und uns selbst der beste Freund werden», Verlag Kailash/Sphinx, 2012


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Markus Kellenberger begleitet Menschen auf der Reise ins Innere und beantwortet Ihre Fragen aus den Bereichen Leben, Liebe, Glaube und Spiritualität persönlich und ganzheitlich.
m.kellenberger@weberverlag.ch

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