Einfach nur für jemanden da sein
Man sitzt sich gegenüber, erzählt, was einem bewegt – und spürt: da ist jemand, der nicht urteilt, sondern Geduld hat und versteht. Von Mensch zu Mensch Empathie empfangen und Empathie schenken zu dürfen, ist oft heilsamer als jeder Ratschlag – aber längst nicht mehr selbstverständlich. Zum Glück lässt sich Empathie lernen.
Markus Kellenberger

Mitgefühl und Empathie – das ist doch dasselbe, höre ich immer wieder, doch das stimmt nicht ganz. Der Unterschied ist zwar nur subtil, aber in der Wirkung entscheidend. Beim Mitfühlen oder Mitleiden mache ich den emotionalen Zustand eines anderen Menschen zu meinem eigenen. Dadurch entsteht eine Distanzlosigkeit, die sich oft in Ratschlägen ausdrückt, die mehr mit meinen Wünschen zu tun haben, als mit den wirklichen Bedürfnissen meines Gegenübers.
Sich nicht im Mitgefühl verlieren
Empathie hingegen ist eher ein «Einfühlen» als ein «Mitfühlen», auch wenn es das nicht ausschliesst. Sie ist die Fähigkeit, die Gefühle, Gedanken und Perspektiven eines anderen Menschen wahrzunehmen und zu verstehen, ohne sie mit den eigenen zu verwechseln. Und genau darin liegen die zwei grossen Stärken der Empathie: Ich verliere mich vor lauter Mitgefühl nicht in den eigenen Emotionen, und ich kann auch Menschen zuhören und verstehen wollen, deren Gefühle oder Ansichten ich nicht teile. Beides hilft, um – falls nötig – pragmatische statt gefühlstrunkene Lösungen zu finden.
Ein gutes Beispiel dafür, was den Unterschied zwischen Mitgefühl und Einfühlen ausmacht, ist das Drama um den vermutlich ertrunkenen Buckelwal Timmy. Menschen, die sich allein von ihrem Mitgefühl leiten liessen, wollten das Tier um jeden Preis retten, und meinten es durchaus gut; Menschen, die bei allem Mitgefühl zu verstehen versuchten, was da passierte, stellten fest, dass der Wal mit uns nichts zu tun haben und in Ruhe sterben wollte, so hart das auch war.
Das andere aushalten lernen
Im Alltag zeigt sich Empathie zum Glück selten so spektakulär. Sie lebt meist in kleinen und oft unscheinbaren Gesten, zum Beispiel im Zuhören ohne zu unterbrechen oder im Nachfragen statt im Bewerten. Empathische Menschen nehmen nicht nur Worte wahr, sondern auch die Zwischentöne, die Unsicherheit in der Stimme, die Müdigkeit im Blick oder das fast unmerkliche Zögern in einem Satz. Und so bedeutet Empathie häufig auch, dass man bei aller Betroffenheit aushalten muss, wenn es einem Menschen – oder einem Wal – nicht gut geht, und zu akzeptieren, dass es nicht für alles Lösungen gibt. Vielleicht ist Empathie deshalb weniger eine Fähigkeit als eine Haltung: die Bereitschaft nämlich, das Gegenüber gelten zu lassen. Und zwar so, wie es gerade ist – und nicht so, wie wir es gerne hätten.
Im Privaten schafft Empathie Nähe, und macht Beziehungen tragfähig, weil sie Partnerinnen und Partnern das Gefühl gibt, gesehen und verstanden zu werden. Konflikte verlieren ihre Schärfe, wenn jemand versucht, die Welt auch durch die Augen des anderen zu betrachten. Dadurch entsteht ein Raum, in dem sich Menschen mit unterschiedlichen Ansichten und Gefühlslagen begegnen und Streit oder Missverständnisse friedlich beilegen können.
Empathie als Schlüssel zum Erfolg
Auch im Beruf ist Empathie längst mehr als ein «Soft Skill». Sie entscheidet darüber, ob Teams funktionieren, ob Führung gelingt und ob Vertrauen entsteht. Wer sich als vorgesetzte Person in die Mitarbeitenden hineinversetzen kann, erkennt deren Bedürfnisse früher, und kann auftretende Spannungen entschärfen, bevor sie eskalieren. Das schafft ein Arbeitsklima, in dem sich Menschen einbringen und ihre Fähigkeiten weiter entwickeln können. Verschiedene Studien zeigen sogar, dass empathische Führungskräfte ihre Teams stärker motivieren und damit letztlich erfolgreicher machen, als hartgesottene Einpeitscherinnen und Einpeitscher.
Und genau hier liegt eine weitere Stärke der Empathie – sie verbindet. Als Philosoph und Psychiater untersucht Thomas Fuchs seit langem, was unsere Gesellschaft braucht, was sie vorwärts bringt und ganz besonders in schwierigen Zeiten auch menschlicher macht. «Empathie», sagt er, «ist so etwas wie der Klebstoff unserer Gesellschaft, denn ohne sie können wir Menschen nicht miteinander umgehen und auch nicht über persönliche Grenzen hinweg miteinander kooperieren.» Letzteres geschieht, weil Empathie Unterschiede nicht aufhebt, sondern für alle verstehbar macht. In unserer aufgewühlten Zeit, in der alle gehört werden aber nicht zuhören wollen, und – ganz besonders in der Politik – gegensätzlichen Positionen immer unvereinbarer zu sein scheinen, wirkt Empathie wie ein Gegengift. Aber: Sie ist leise, sie braucht Geduld, und sie beginnt nicht im Grossen, sondern in kleinen Momenten. Vielleicht im nächsten Gespräch, vielleicht auch im nächsten Zuhören.
Buchempfehlungen
Sina Haghiri: «Besser als du denkst – Wie Empathie uns selbst und vielleicht sogar die Welt verändern kann», Verlag Penguin, 2026
Werner Bartens: «Empathie – Weshalb einfühlsame Menschen gesund und glücklich sind», Verlag Knaur, 2017
Empathisch sein lässt sich üben
Empathisch sein heisst, das Gegenüber verstehen zu wollen, und das auch dann, wenn man nicht dasselbe fühlt oder denkt. Diese sieben Schritte helfen Ihnen, empathischer zu werden:
1. Wahrnehmen statt reagieren: Beobachten Sie Ihr Gegenüber bewusst: Mimik, Stimme, Körpersprache. Oft zeigt sich mehr zwischen den Worten als in ihnen.
2. Aktiv zuhören: Nicht unterbrechen, nicht sofort Lösungen anbieten. Wiederholen Sie in eigenen Worten, was Sie verstanden haben – das schafft Klarheit und Vertrauen.
3. Perspektive wechseln: Fragen Sie sich: Wie fühlt sich die geschilderte Situation aus Sicht meines Gegenübers wohl an? Dieser gedankliche Schritt ist zentral für Empathie.
4. Vorurteile hinterfragen: Eigene Bewertungen bewusst zurückstellen. Offenheit ist die Voraussetzung dafür, andere wirklich zu verstehen.
5. Gefühle benennen: Formulieren Sie vorsichtig, was Sie wahrnehmen: «Ich habe den Eindruck, das beschäftigt dich sehr.» Das zeigt Resonanz, ohne zu übergehen.
6. Eigene Grenzen achten: Empathie heisst nicht, alles mitzutragen. Achten Sie auf Ihre eigenen Gefühle – Distanz ist Teil gesunder Empathie.
7. Regelmässig üben: Empathie wächst mit der Erfahrung. Gespräche, Begegnungen, Literatur und auch Filme können helfen, sich in andere hineinzuversetzen.
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Markus Kellenberger begleitet Menschen auf der Reise ins Innere und beantwortet Ihre Fragen aus den Bereichen Leben, Liebe, Glaube und Spiritualität persönlich und ganzheitlich.
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