Die leise Verneigung vor dem Wunder des Lebens

In der Regel ist es das Leben selbst, das uns Demut lehrt. Es tut es meist dann, wenn es uns unsere Grenzen aufzeigt, im Guten wie im Schlechten. Wer lernt, die Unwägbarkeiten des Lebens annehmen zu können, findet darin eine Kraft, die die Seele mit Frieden erfüllt.

Markus Kellenberger

Vielleicht liegt es am Alter, vielleicht auch an der wachsenden Lebenserfahrung, vermutlich aber an beidem. Wo ich früher mit dem persönlichen Schicksal und dem Weltgeschehen haderte und mich in sinnlose Kämpfe verwickelte, ist mittlerweile wohltuende Stille eingekehrt. Ehrlicherweise nicht immer, aber immer öfter. Das hat mit meiner wachsenden Bereitschaft zu tun, das Leben nicht mehr als etwas zu betrachten, das ich um jeden Preis kontrollieren muss, sondern als etwas, das sich grösstenteils meinem Einfluss entzieht. Diese Einsicht ist schmerzlich, aber der erste Schritt hin zu einem inneren Frieden, aus dem ich die Kraft schöpfe, aus dem, was ist, immer wieder das Beste zu machen – und mich immer wieder voller Mut auch für das einzusetzen, wofür mein Herz schlägt, auch wenn die Erfolgsaussichten gering sind. Das Wort, das diesen Zustand zusammenfasst, heisst Demut.

Demut ist etwas Bodenständiges

Mein alter Brockhaus definiert den Begriff so: «In der Demut akzeptiert der Mensch seine eigenen Grenzen und stellt sich unter das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. Demut ist somit von serviler Gesinnung ebenso abzuheben wie von Minderwertigkeitsgefühlen; sie ist vielmehr Ausdruck für das Bewusstsein von der Würde des Menschen.» Demut ist also nichts Schwächliches, sondern etwas sehr Bodenständiges. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht die «Krone der Schöpfung» sind, die alles nach Lust und Laune bestimmt, sondern Teil eines grossen Ganzen. Der Psychiater und Jesuit Eckhard Frick nennt Demut gar eine «besondere Art der Erdung», die uns befähigt, Grenzen zu akzeptieren – die eigenen und die der Welt. «Demut», sagt er, «hält uns auf dem Boden und bewahrt uns vor unserem eigenen und oft selbstzerstörerischen Hochmut.»

Demut bedeutet also nicht, sich kleinzumachen, sondern sich und seine Möglichkeiten realistisch zu sehen. Sie ist kein Gefühl, sondern eine Haltung, die uns hilft, die Dinge so zu sehen, wie sie sind – nicht durch die Linse unseres Egos, sondern durch das weite Auge des Herzens. Demut schenkt uns ein klares, friedliches Selbstbild. Die US-amerikanische Psychologin Pelin Kesebir hat untersucht, was Demut mit Menschen macht, und festgestellt: Menschen, die bereit zur Demut sind, leben gesünder, gelassener, sind sozial verbundener, und sie fühlen sich weniger von Schicksalsschlägen überrollt, weil sie das Unvermeidliche annehmen können. Wer demütig ist, kämpft weniger gegen die Realität, sondern arbeitet mit ihr, und das spart Energie.


Die Befreiung der Seele

Die Demut wird oft auch als Meistertugend bezeichnet, weil sie andere Tugenden wie Mitgefühl, Dankbarkeit und Gelassenheit erst möglich macht. Aus spiritueller Sicht kann man deshalb sagen, sie ist der Boden, auf dem die Liebe wächst, denn sie bringt uns mit unserer Menschlichkeit in Berührung, das heisst, sie macht uns unsere Schwächen bewusst, aber auch unsere Würde. Ein demütiger Mensch weiss, dass er nicht besser und auch nicht schlechter ist als andere. Er kennt seine Stärken und seine Grenzen, und er darf ohne Selbstkasteiung irren und daran auch wachsen.

Demut ist also kein Zeichen von Schwäche oder Defätismus, sondern von seelischer Reife. Sie befreit uns von der Vorstellung, alles kontrollieren, erklären oder besitzen zu müssen. Und genau daraus erwächst eine Gelassenheit, in der eine gewaltige Kraft steckt – die stille und heilsame Kraft des Vertrauens. Auch gesellschaftlich wäre diese Kraft heilsam und vor allem dringend nötig. In einer Zeit, in der viele mit der eigenen Meinung poltern und Andersdenkende diffamieren, wirkt Demut wie ein sanftes Gegengift. Sie lädt ein, einander wieder zuzuhören und sich dabei selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Nur so können Brücken zwischen Menschen, Meinungen und Welten entstehen.

«Demut ist kein Gefühl, sondern eine Haltung, die uns hilft, die Dinge so zu sehen, wie sie sind.»


Wege zur Demut

Wie aber lernt man Demut? Ganz bestimmt nicht, indem man sich kleinmacht oder willenlos unterordnet, denn wahre Demut ist keine Unterwürfigkeit, sondern eine Offenheit des Herzens. Sie entsteht, wenn wir uns mit dem Leben versöhnen. Demütige Menschen haben ein ehrliches, freundliches Verhältnis zu sich selbst. Sie wissen um ihre Schattenseiten, ohne sich dafür zu verurteilen. Sie hören auf, alles kontrollieren zu wollen – und erlauben sich, einfach nur ein Mensch zu sein, der auch das Recht hat, Fehler zu begehen. Wer sich erlaubt, unvollkommen zu sein, lebt leichter und gütiger, auch mit anderen.

Staunen und Ehrfurcht sind übrigens die Schwestern der Demut. Sie lassen uns die Welt wieder mit Kinderaugen sehen. Die Weihnachtszeit mit ihren vielen Wundern und Mythen ist dafür ein gutes Übungsfeld. «Wer sich nicht in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot», sagte einst Albert Einstein. Staunen zu können und dabei auch Ehrfurcht zu empfinden, macht uns grosszügiger, sozialer, friedlicher und eben auch demütiger. Manchmal genügt dazu ein stiller Moment, dem wir uns öffnen können. Das mag ein im Dunkeln brennendes Kerzlein sein, das Rauschen des Windes, ein Blick in ein vertrautes und geliebtes Gesicht oder die Erkenntnis, dass wir nicht alles beherrschen und wissen müssen. Wenn wir uns dem voller Vertrauen hingeben, dann wird Demut zu dem, was sie im Kern ist – eine leise Verneigung vor dem Wunder des Lebens. 


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Markus Kellenberger begleitet Menschen auf der Reise ins Innere und beantwortet Ihre Fragen aus den Bereichen Leben, Liebe, Glaube und Spiritualität persönlich und ganzheitlich. m.kellenberger@weberverlag.ch

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