Die Kraft der Worte
Möchten Sie sich nachhaltig und ohne grössere Anstrengung verändern? Dann achten Sie auf Ihre Sprache. Wie wir reden, welche Worte, Formulierungen oder auch welche Zeitformen wir im Gespräch mit uns selbst und mit andern Menschen verwenden, wirkt sich unmittelbar auf unser Wohlbefinden und unsere Wirkung nach aussen aus.
Markus Kellenberger

«Elisabeth hat mich verlassen!» Der Satz, den eine Deutschlehrerin in einer Klasse pubertierender Jugendlicher an die Wandtafel schrieb, löste als erste Reaktion das gewohnte Desinteresse an Grammatik und Zeitformen aus. Dann schrieb die Lehrerin den Satz, «Elisabeth verliess mich!» unter den ersten, schaute in die Klasse und fragte: «Spürt ihr den Unterschied?» Nach einer kurzen Denkpause meldete sich ein Junge und sagte: «Bei ‹Elisabeth hat mich verlassen› tut es noch weh; bei ‹Elisabeth verliess mich› suche ich schon eine Neue.» Die Klasse lachte, und die Lehrerin hatte ihr Ziel erreicht – zwei Sätze, zwei verschiedene Zeitformen, derselbe Inhalt, aber eine andere Wirkung.
«Wie wir sprechen, verändert unsere Haltung.»
Nun aber keine Angst, ich will Sie nicht mit den Feinheiten von Perfekt, Präteritum oder dem Plusquamperfekt belästigen. Obiges Beispiel aus einer Schule habe ich im von der Sprachwissenschaftlerin Mechthild von Scheurl-Defersdorf verfassten Buch «In der Sprache liegt die Kraft» gefunden. Auf unterhaltsame und auf eine für den Alltag ausgelegte Weise schärft sie darin unsere Wahrnehmung dafür, was Sprache mit uns macht, denn jeden Tag verwenden wir tausende von Wörtern. Die meisten davon wählen wir automatisch, und denken kaum darüber nach. Und doch formen die gewählten Wörter mit, wie wir die Welt erleben, wie wir mit anderen Menschen umgehen und wie wir uns selbst sehen.
Veränderung beginnt mit einem Wort
Sprache ist nämlich mehr als nur ein Mittel für den Informationstransport. Sie schafft Nähe und Distanz, sie kann etwas öffnen oder abschliessen. Das wird in den verschiedenen Zeitformen besonders deutlich. Wenn wir sagen, «das hat mich verletzt», dann sitzt diese Verletzung quasi noch am Küchentisch. Sagen wir dagegen, «das verletzte mich», dann liegt das Erlebte in der Schublade der Vergangenheit. Natürlich verschwinden Verletzungen nicht einfach durch eine andere Zeitform, denn niemand heilt Liebeskummer oder eine schwierige Kindheit mit Grammatik. Und dennoch lohnt sich die Beobachtung, wie wir über Vergangenes sprechen – denn das beeinflusst unser Verhältnis zu ihr.
Ähnlich verhält es sich mit der Zukunft. Oft beginnen wir den Tag mit einer ganzen Liste von sprachlichen Belastungen, wie zum Beispiel «heute muss ich zum Zahnarzt» oder «morgen muss ich einen Vortrag halten». Ganz anders aber klingen dieselben Sachverhalte, wenn ich sage: «Heute gehe ich zum Zahnarzt» und «morgen halte ich einen Vortrag». Spüren Sie nun, ähnlich wie die eingangs erwähnte Schulklasse, den Unterschied? Aus einem «Müssen» wird ein «Machen». Die vor uns liegenden Aufgaben verschwinden deshalb nicht, aber unsere innere Haltung dazu ändert sich, denn aus drohenden Ereignissen werden Handlungen, die wir aktiv gestalten. Achten Sie heute einmal darauf, wie oft Sie das Wort «müssen» in Gedanken oder beim Reden verwenden – und ersetzen Sie es bewusst durch ein besseres wie zum Beispiel machen, tun, erledigen oder gehen.
Vom Vagen ins Wagen geraten
Kommen wir zu einer anderen Sprachfalle, in die wir regelmässig tappen. Grammatikalisch nennt sie sich Konjunktiv II, und der geht so: man sollte, müsste, könnte – und am Ende des Tages hat man gar nichts davon getan. Mit solchen Formulierungen lähmen wir uns selbst, denn jeder so eingeleitete Satz endet in aller Regel im Vagen und Unerledigten. Bestimmt kennen Sie Menschen, die seit Jahren davon erzählen, was sie alles gerne machen würden … und doch nichts tun. Und vielleicht gehören Sie, so wie ich, hin und wieder ja auch dazu, doch zum Glück ist die Lösung im Grunde einfach: Gewöhnen Sie sich den Konjunktiv II ab, und sagen Sie künftig statt «man sollte den Müll raus bringen» klar und verbindlich «ich werde den Müll raus bringen» – und schon ist er draussen.
Weniger mit Grammatik, dafür mehr mit Aufrichtigkeit, hat der häufig verwendete Satz, «Ich kann nicht», zu tun, denn oft ist das nur eine laue Ausrede. Ein Beispiel dafür ist, wenn wir eine Einladung mit «ich kann nicht» ablehnen, denn manchmal stimmt das gar nicht. Wir könnten schon – aber wir wollen aus verschiedensten Gründen nicht. Nun kann man hier einwenden, es sei doch egal und bestimmt auch weniger heikel zu sagen, «ich kann nicht», statt «ich möchte nicht», aber dem ist nicht so. Ersterer Satz beschreibt eine Hilflosigkeit und macht uns klein, der zweite hingegen beschreibt eine Entscheidung, die einen selbstbestimmt scheinen lässt.
Nun, alle diese erwähnten Beispiele mögen nach Wortklauberei aussehen. Aber mit grosser Wahrscheinlichkeit liegt genau darin die Kraft der Sprache. Wie wir reden verändert zwar nicht die Realität, aber unseren Blick darauf, und manchmal genügt tatsächlich schon ein einziges Wort, damit wir uns nicht länger als Getriebene empfinden, sondern als Menschen, die ihr Leben bewusst gestalten.
Buchempfehlungen
Mechthild von Scheurl-Defersdorf: «In der Sprache liegt die Kraft – klar reden, besser leben», Verlag Herder, 2022
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Markus Kellenberger begleitet Menschen auf der Reise ins Innere und beantwortet Ihre Fragen aus den Bereichen Leben, Liebe, Glaube und Spiritualität persönlich und ganzheitlich. m.kellenberger@weberverlag.ch
