Auf ewig. Aber vielleicht nicht für immer

Auf jeder Hochzeit gibt es einen Moment, wo selbst die Hartgesottensten losheulen könnten. Ich nenne es den Ewigkeitsmoment. Wenn er und sie (oder er und er oder sie und sie) sich vor aller Augen das Jawort geben, dann hält für einen Moment die Ewigkeit den Atem an, um ihre Entscheidung zu bezeugen: Wir bleiben zusammen.
Eine Ehe ist kein Vertrag wie jeder andere. Nicht für unser innerstes Selbst. Auch Paare, die bereits zusammenleben und nur aus Steuergründen heiraten, machen die Erfahrung: «Etwas ist anders geworden seit der Hochzeit.»
Allein das Wort Vermählung: Zwei werden miteinander vermahlen, alles Trennende dabei aufgelöst. Aus zwei Ichs wird ein Wir. Was für ein Vorhaben!
Von Einswerdung träumen Menschen schon immer und folgen ihr auf unterschiedlichste Weise: eins sein mit der Natur, mit Gott, mit Menschen. Und jetzt – in dieser winzigen Ehe-Insel inmitten einer Welt der Trennung – wird dieser Menschheitstraum wahr?
Skepsis ist angebracht. Eingeführt wurde die Ehe auch nicht aus Romantik, sondern als Geschlechter-Kompromiss: Die Frau sollte zwar weiterhin Eigentum des Mannes sein – mit dem Ehering als Symbol der Ketten –, aber im Gegensatz zu vorher durfte er in der Ehe nur noch eine Frau besitzen. Heiratspolitik schuf Weltreiche, Ehen wurden vereinbart, bevor noch die späteren Eheleute geboren waren.
Später wurde die Ehe zur Trutz- und Schutzburg gegen das wilde, freie Leben: Man lebt zusammen, redet über das Notwendigste, man pflegt eine Fassade der Gemeinsamkeit und kleine Fluchten. Mehr Ehen werden irgendwann wieder getrennt oder leben nur noch nebeneinander her. Und doch bewegt uns der Traum der Einswerdung weiter. Jedes Jahr aufs Neue geben sich Millionen von Paaren das Jawort.
Geht das überhaupt: Eins werden? Ich glaube nicht. Solange wir leben, bleibt jeder von beiden ein Ich. Doch diese Ichs können sich füreinander öffnen. Sie können sich tief erkennen und vertrauen und beschliessen, eine Wegstrecke zusammen zu gehen.
Und eines Tages wird man – aus Liebe zu sich selbst, zum anderen, zu den Kindern oder zur Wahrheit – möglicherweise an den Punkt kommen, den Bund miteinander entweder zu erneuern oder zu lösen. Denn beide haben sich weiterentwickelt. So wie bisher steht man dem, was man zutiefst liebt, im Wege. Vielleicht muss man jetzt wieder auf eigenen Beinen stehen. Oder man heiratet sich noch einmal – tiefer, bewusster, wissender als zuvor.
Trennung tut weh. Aber sie ist nicht immer falsch. Falsch wäre nur, jetzt alles falsch zu finden: all das, was man aus Liebe für den anderen getan hat. Die Geheimnisse, die man sich anvertraut hat. Die Tiefe, in der man den anderen kennenlernen durfte. Die Fehler, die man machte. Die Auflösung des Bundes muss nicht das Ende der Liebe oder einer tiefen Verbindung bedeuten.
Aber es sollte doch für eine Ewigkeit sein, weint der Traum in uns. War denn alles gelogen? Nein, dürfen wir antworten, es stimmte. Aber ewig heisst nicht unbedingt für immer. Eine Frau, so las ich einmal, wurde vom Scheidungsrichter gefragt: «Warum ist Ihre Ehe gescheitert?» Sie antwortete: «Meine Ehe ist nicht gescheitert, sie war einfach vorbei.»

Leila Dregger
Leila Dregger ist Journalistin und Buchautorin. Sie begeis- tert sich für gemeinschaftliche Lebensformen, lebte unter anderem über 18 Jahre in Tamera, Portugal, sowie in anderen Gemeinschaften. Am meisten liebt sie das Thema Heilung von Liebe und Sexualität sowie neue Wege für das Mann- und Frau-Sein.
