Wo sind all die Jahre hin?
Fest entschlossen, nichts zu tun, ausser zu sitzen, liess ich mich nach Einbruch der Dunkelheit in den alten, roten Ohrensessel sinken, dessen Armlehnen schon abgewetzt waren, als ich ihn – lange ist es her – in einer Brocki entdeckte und kurzentschlossen mit nach Hause nahm. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Da sass ich nun in meinem Stuhl und gab mich jener wohligen Langeweile hin, wie sie sich nur in dieser magischen Zeit zwischen den Jahren entfalten kann. Im Dezember sind die Tage kurz, und die Nächte sind lang und oftmals sternenklar. In manchen fällt Schnee mit diesem feinen Rieseln, das man nur mit offenem Herzen hören kann, und immer wieder hüllt auch Nebel alles in einen silbergrauen Mantel, der die Welt so klein macht, als wäre sie überhaupt nicht da. In der Stube brannte eine einzige kleine Kerze und spendete warm und weich schimmerndes Licht.
Wo sind nur all die Jahre hin? Der Gedanke war plötzlich einfach da. Ja, wo sind die hin? Zeit verrann. Dann stand ich einem Impuls folgend auf, ging ins Bad, schaltete das Licht ein und schaute in den Spiegel über dem Waschbecken. Das tue ich eigentlich nie, und wenn, dann höchstens zweckgebunden beim Rasieren oder beim Zähneputzen, denn Spiegel haben etwas Unheimliches an sich.
Spiegel, das wird in vielen alten Märchen und Sagen erzählt, sind ein Tor in eine andere Welt. Sie sind aber auch ein Symbol für Eitelkeit und Wahrheit. So wie bei Schneewittchen, wo die böse Hexe erfahren muss, dass sie nicht mehr die Schönste ist im ganzen Land. Darüber hinaus haben Spiegel auch die Macht, alles umzukehren, so wie im Märchen der Schneekönigin. Dort zerbricht der Zauberspiegel des Teufels in tausend Splitter. Menschen, die von einem dieser Splitter getroffen werden, sehen von da an alles Schöne hässlich und alles Böse schön. Zum Glück gibt es in beiden Märchen eine Kraft, die die Macht des Spiegels brechen kann. Die Liebe.
Bei den Griechen vermögen Spiegel Schlechtes und Gutes zu vollbringen. Der selbstverliebte Narziss, der sein eigenes Spiegelbild nicht erreichen kann, vergeht dabei vor Sehnsucht nach sich selbst und verwandelt sich in eine Blume. Der Held Perseus hingegen nutzt das Spiegelbild seines blank polierten Schildes, um Medusa zu enthaupten, ohne direkt in deren tödliches Antlitz blicken zu müssen. In der japanischen Mythologie wiederum steht der Spiegel für die Wiedergeburt. Hier hilft ein Spiegel der Sonnengöttin Amaterasu, aus der Dunkelheit aufzusteigen, um jeden Morgen die Welt wieder aufs Neue zu erleuchten.
Die Seherinnen der Kelten und Germanen nutzten spiegelglatte Wassserflächen, um die Zukunft zu sehen oder Antworten auf grosse Fragen zu erhalten. Stand ich deshalb mitten in der Nacht vor meinem Badezimmerspiegel, aus dem mich ein anderer Markus aus einer anderen Welt ebenso nachdenklich betrachtete, wie ich ihn? Nach einer Weile sagte mein Spiegelbild: «Hier sind sie hin, all die Jahre, nach denen du gefragt hast. Jedes einzelne schaut dich an, die guten und die schlechten.» Nach einer langen Pause antwortete ich, begleitet von einem erlösenden Seufzer: «Ich seh’s. Und keines davon möchte ich missen. Kein Einziges.» Danach blies ich die Kerze in der Stube aus und ging ins Bett. Ja, so ist sie, die Langeweile, die sich zwischen den Jahren manchmal einstellt.

Markus Kellenberger ist Autor und Journalist. In der Kolumne «Anderswelt» betrachtet er Alltägliches – nicht nur – aus schamanischer Sicht, und an seinen «Feuerabenden» im Tipi begleitet er Menschen auf der Reise ins Innere. markuskellenberger.ch
