Anderswelt: Was wir wirklich brauchen
Hurra, die ersten Erdbeeren sind schon da. Es ist zwar erst Ende Februar, aber was solls, einige der roten Früchte stammen schliesslich aus biologischem Anbau, und wurden liebevoll unter irgend einer Plastikplane in Spanien hochgetrieben. E Guete, denen, die das mögen! Ich weiss, das ist alles andere als ein poetischer Einstieg, aber ich kann nicht anders. Wie keine andere Frucht ist mir die Erdbeere ein Symbol für den Frühling, und jedes Mal, wenn ich sie so früh im Jahr schon in den Regalen sehe, wird mir bewusst, wie sehr wir uns von der Natur entkoppelt haben. Aber bevor Sie mir nun jammervollen Moralismus vorwerfen – ja, ich habe im Winter auch drei Avocados aus Peru gekauft, selbstverständlich in Bio-Qualität. Man ist ja heutzutage nicht einfach nur Mensch, sondern auch ein bewusster Konsument, der glaubt, so die Welt zu retten. Ich gehöre dazu, und manchmal tut mir der dazu nötige Spagat zwischen Wunsch und Wirklichkeit richtig weh.

Doch Schluss jetzt mit der ins zynische kippenden Ironie, denn der Wunsch nach Fülle ist zutiefst menschlich. Unsere Art hat fast zwei Millionen Jahre lang jagend und sammelnd von der Hand in den Mund gelebt, und in Zeiten des Überflusses wurde der Bauch vollgestopft, denn die nächste Hungerperiode kam bestimmt. Bis heute beeinflusst das unser Verhalten, und deshalb greifen wir zu, wo immer sich eine passende Gelegenheit ergibt, selbst dann, wenn Kühlschrank, Kleiderkommode und Estrich schon voll sind. Man weiss ja nie …
Leben im Überfluss, das heisst, alles zu haben oder haben zu können, was wir uns wünschen, ist seit jeher ein Synonym für Glück. In der Mythologie der alten Griechen stand dafür das Cornucopia, das Füllhorn, aus dem heraus Göttinnen und Götter die Menschen mit allem überschütteten, was das Herz begehrte. Erst waren es nur Korn und Früchte, später kam auch Gold dazu, das in nicht enden wollender Menge aus diesem Horn sprudelte. Und auch der alttestamentarische Prophet Joel nutzte das Bild des Füllhorns, aus dem sich in seiner Vorstellungswelt der göttliche Segen über die Gläubigen – und natürlich nur über die – ergoss. Alle anderen mussten sich wohl mit dem zufrieden geben, was die mit Unheil gefüllte Büchse der Pandora hergab.
Die Erdbeeren, die jetzt schon wieder in den Regalen locken, sind für mich ein Ausdruck dafür, dass wir uns mit all unseren zur Verfügung stehenden Mitteln selbst ein Füllhorn geschaffen und uns damit einen Wunsch erfüllt haben, der vielleicht so alt ist wie die Menschheit selbst. Aber auch dieses Füllhorn schüttet seinen Reichtum nicht über allen aus. Das kann es gar nicht, denn was zu jeder Tages- und Jahreszeit aus seiner Öffnung quillt muss von irgendwoher genommen werden, und deshalb schafft es Glück nur für wenige und Ungerechtigkeit für viele. Von der zu diesem Zweck belasteten Umwelt will ich gar nicht erst reden.
Wenn man sich etwas wünscht, dann vergisst man leicht, dass alles, was man bekommt, zwei Seiten hat. So ist das nun mal im Leben. Deshalb sollte man sich immer genau überlegen, welche davon wir an die gute Fee richten, in der Hoffnung, dass sie uns diese wie das Füllhorn erfüllt. Denn die wirklich guten Feen sind nicht die aus dem Märchen – sondern die, die uns nicht das erfüllen, was wir uns wünschen, sondern das, was wir als Menschheit wirklich brauchen. Aus meiner Sicht sind das nicht Erdbeeren im Februar, sondern ein Loslassen der vom Füllhorn gespiesenen Gier, damit wieder Respekt und Liebe allem Lebenden gegenüber wachsen kann.

Markus Kellenberger ist Autor und Journalist. In der Kolumne «Anderswelt» betrachtet er Alltägliches – nicht nur – aus schamanischer Sicht, und an seinen «Feuerabenden» im Tipi begleitet er Menschen auf der Reise ins Innere. markuskellenberger.ch
