Schlaf gut, kleine Maus

Eben gerade hatte ich mich auf das Bänklein unter meiner Lieblingslinde gesetzt und liess meinen Blick von den Alpen bis hinüber zum Jura schweifen. Der Schatten des Baumes schützte mich vor dieser neuen Hitzewelle, die das Land seit vielen Tagen wieder lähmte. Die heisse Luft flirrte über den leeren Feldern ringsherum, auf denen das notreife Getreide heuer schon früh hatte geerntet werden müssen, und auf den längst gemähten Wiesen wollte kein frisches Gras nachwachsen. Wie auch, bei dieser Trockenheit. Land und Leute litten unter der Hitze.

Und auch die Mäuse. Beim Hinsetzen hatte ich sie nicht bemerkt, obschon sie fast zu meinen Füssen lag, mitten auf dem staubtrockenen Feldweg vor meinem Schattenplatz. Mit einem Stöcklein stupfte ich sie vorsichtig an. Ihr Körper war noch ganz weich, die Äuglein geschlossen, der kleine Mund mit den Mäuselippen stand leicht offen, und es schien, als hätte sie sich nur kurz für einen Mittagsschlaf hingelegt, aber dem war nicht so. Auf dem Weg vom Feld hin zum Schatten unter der Linde war das kleine Wesen einfach erschöpft liegen geblieben und gestorben. Ein Hitzeopfer, dachte ich, denn kein Milan, kein Bussard und schon gar nicht der Fuchs hätten sie einfach so liegen lassen.

Der Geist der kleinen Maus war längst fort, das spürte ich, ganz abgesehen davon, dass Mäuseseelen sowieso nur schwer zu spüren sind. Sie sind so scheu und machen sich so klein wie nur möglich, denn das ist ihre Natur, im Leben und im Tod. Katzen sind da ganz anders. Deren Ego kann einen Raum füllen, als wäre ein Löwe in der Stube, und genauso sind ihre Seelen auch in der Anderswelt präsent, und je nach Laune erhaben in sich ruhend, fordernd verschmust oder brandgefährlich.


Katzenfreunde wundert das nicht. Ganz anders als Mäuse wurden Katzen schon immer in den Himmel gejubelt. Für die alten Ägypter waren sie die Inkarnation der Göttin Bastet, die für Liebe, Freude und Lust zuständig war. Bei den Nordgermanen hatte die Göttin Freya diesen Aufgabenbereich, und wohl deshalb wurde ihr Streitwagen von zwei Katzen gezogen. Die Kelten hingegen sahen Katzen kritischer. Sie glaubten an eine dämonische schwarze Katze namens «Cait Sith», und die galt als schleichende Seelendiebin, die darüber hinaus auch noch darüber wachte, dass die Toten in ihren Gräbern blieben.

Anders als Katzen hatten Mäuse bei uns von Anfang an einen schlechten Ruf. Bereits in der Bibel galten sie als Plage und als Unglücksbringer. Aber keine Angst, kleine Mäuseseele, dachte ich, das ist nur auf dieser Hälfte der Erdenkugel so. Auf der anderen Seite bist du hochgeachtet. Der elefantenköpfige Ganesha ist der für das Glück zuständige Hindu-Gott, und der hat dich als heiliges Reittier gewählt. Bei den Japanern bist du das spirituelle Krafttier von Daikokuten, ebenfalls ein Glücksgott, und bei den Chinesen, da bist du das erste Tier des kosmischen Tierkreises und stehst für Klugheit, Reichtum und Fruchtbarkeit.

Mit Hilfe zweier Breitwegerichblätter trug ich den kleinen Leichnam in den Schatten unter den Baum und bettete ihn dort in die Kuhle zwischen zwei starken Wurzeln. Dazu summte ich erst ein altes Wiegenlied, das ich von meiner Mutter gelernt hatte, und sagte dann an den irgendwo versteckten Mäusegeist gerichtet: «Schlaf gut, kleine Maus. Bald regnet es wieder, und dann werden deine Kinder die Felder neu beleben, und denen, die in dieser Welt auch den kleinen Seelen Achtung entgegenbringen, viel Glück bescheren.»

 


Markus Kellenberger

Markus Kellenberger ist Autor und Journalist. In der Kolumne «Anderswelt» betrachtet er Alltägliches – nicht nur – aus schamanischer Sicht, und an seinen «Feuerabenden» im Tipi begleitet er Menschen auf der Reise ins Innere.

markuskellenberger.ch

 

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