Der Sinn des Lebens

Markus Kellenberger

Ruhig hält sie die Teetasse mit beiden Händen an ihrem geschlossenen Mund und schaut dabei  in eine diffuse Ferne. Schliesslich holt sie tief Luft, nimmt einen Schluck und sagt: «Ich habe den Sinn des Lebens verloren.» Stumm und in Gedanken versunken trinken wir langsam unseren Tee aus, dann sage ich, weil mir nichts anderes einfällt: «Komm, wir machen einen Spaziergang durch den Wald.»

Der Sinn des Lebens, the Meaning of Life – jede, jeder und jedes hat sich schon daran abgearbeitet, denn es ist eine uralte Frage. Kaum hatten die Sumerer vor rund fünftausend Jahren die erste Schrift der Menschheit entwickelt, schrieben sie die Geschichte von Gilgamesch auf. Der war ein König und als junger Herrscher ein derartiger Unflat, dass die Götter entschieden, ihm eine unmissverständliche Warnung zukommen zu lassen, indem sie seinen besten Freund töteten. Adlig und arrogant wie er war, dachte sich Gilgamesch jedoch, der beste Weg, um dem Zorn der Götter zu entkommen, sei, so zu werden wie sie, nämlich unsterblich. Und so machte er die Suche nach dem Kraut der Unsterblichkeit zum Sinn seines Lebens.

Jahrelang und mit wachsender Verzweiflung suchte Gilgamesch nach diesem Kraut, das ihn den Göttern gleich machen sollte. Schliesslich hörte er vom Weisen Utnapischtim. Der hatte vor langer Zeit die Menschheit vor der Sintflut gerettet, was ihm die Götter mit Unsterblichkeit verdankten. Also kletterte Gilgamesch auf den Berg, wo der Weise wohnte, und brachte sein Anliegen vor. «Ich bin ein Einzelfall», beschied ihm Utnapischtim klipp und klar. «Wenn du aber unsterblich sein willst, dann kannst du das nur im Andenken der Menschen werden. Das schaffst du, wenn du fürderhin ein guter König bist und dich um die Armen in deinem Reich kümmerst.» Gilgamesch, der im Verlauf seiner Sinnsuche nicht nur älter, sondern auch ein bisschen vernünftiger geworden war, verstand. Er legte seinen Grössenwahn ab, verzichtete auf das Kraut, das ihn zum Gott gemacht hätte und wurde von diesem Tage an ein guter Herrscher. Und tatsächlich, die Menschen massen ihn nicht an grossen Heldentaten, sondern an den vielen kleinen und guten Dinge, die er als König und bis zu seinem Tod für sie vollbrachte  – und deshalb schrieben sie seine Geschichte auf, damit sich die Menschen immer an ihn und an seine Suche nach dem Sinn des Lebens erinnern können. So wurde Gilgamesch doch noch unsterblich.

Wir alle sind ein bisschen wie Gilgamesch. Wenn wir uns schon auf die Suche nach dem Sinn des Lebens machen, dann sollte es doch etwas Grosses sein, etwas, das uns aller Sorgen entledigt und unser Leben bis ans Ende der Tage und wenn möglich noch darüber hinaus ausfüllt. Und deshalb gibt es bis heute Menschen, die nach dem Kraut der Unsterblichkeit suchen, und wenn schon nicht nach ihm, so doch wenigstens nach dem Kraut des immerwährenden Glücks. Doch Unerreichbares geht nur im Märchen in Erfüllung.

Fast zwei Stunden lang waren sie und ich im Wald. Wir haben den Vögel zugehört und den Bäumen beim Wachsen zugeschaut. Wir haben unsere Gedanken freigelassen und dazu die harzig frische Waldluft mit diesem Hauch von Werden und Vergehen geatmet. Wieder zurück im Tipi frage ich: «Hast du den Sinn des Lebens wiedergefunden?» «Ich weiss nicht», sagt sie, «aber ich weiss jetzt, was ich will. Ich will meinen Garten jäten, er hat es dringend nötig.» Ja, denke ich, das ist eine gute Idee. Vom Jäten wird man zwar nicht unsterblich, aber nach getaner Arbeit ist man zufrieden und glücklich – und das macht Sinn.

 

Markus Kellenberger ist Autor und Journalist. In der Kolumne «Anderswelt» betrachtet er Alltägliches – nicht nur – aus schamanischer Sicht, und an seinen «Feuerabenden» im Tipi begleitet er Menschen auf der Reise ins Innere. markuskellenberger.ch

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