Sabine Hurni über Kaktusfeigen

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Haben Sie jemals eine Kaktusfrucht probiert? Wenn nicht, sollten Sie dieses Versäumnis unbedingt nachholen. Die Früchte sind eine Delikatesse. Und ein Vitalstoffpacket und damit eine ideale Stärkung für den Winter. Bei kaum einer anderen Frucht hat man so sehr das Gefühl, ein Stück Süden zu essen, wie bei der Kaktusfeige. Hier lässt es sich mit Geist und Gaumen schwelgen. Manchmal sind die Düfte und Farben des Südens in unseren Erinnerungen und Vorstellungen lebendiger, prickelnder und farbenfroher als in der Realität. Was die Kaktusfeige betrifft, so dürfen Sie sich auf ein vollmundiges, reales Geschmackserlebnis freuen.

Aus Mexiko stammt die Kaktusfeige ursprünglich. Dort gehört der sogenannte Opuntienkaktus (Opuntia ficus-indica) zur ältesten Kulturpflanze: Bereits von den Azteken wurde sie als Grundnahrungsmittel wie auch zu Heilzwecken verwendet. Die spanischen Eroberer brachten die dekorativen, bis zu sechs Meter hohen Kakteen im 16. Jahrhundert nach Europa, um ihre Parks damit zu schmücken. Heute werden die hierzulande angebotenen Kaktusfeigen vorwiegend im Süden Europas, in Sizilien und Südspanien kultiviert. Dort wachsen sie auch wild in der trockenen und heissen Umgebung. In Europa kennt man die Frucht auch unter dem Namen Kaktusbirne, Indische Feige oder Distelfeige. Damit die Früchte fleischig und süss heranreifen, werden die ersten Blüten am Anfang des Sommers nach dem Verblühen entfernt. So bilden sich im Spätsommer zweite Blüten, aus denen sich die Herbstfrüchte entwickeln. Diese sind zwar weniger zahlreich, doch da es im Herbst etwas mehr Niederschläge gibt, werden die Früchte grösser und intensiver im Geschmack.


Apropos Geschmack: Es ist schwierig, ihn zu beschreiben. Ich versuche es dennoch: Kaktusfeigen haben die Saftigkeit einer Wassermelone, die Süsse einer Traube, die Körnigkeit einer Feige und die Frische einer Himbeere. Mit anderen Worten: Man muss sie probieren. Wären Kaktusfeigen bekannter, würden sie wohl als Superfood gelten. Denn das süsse, saftige Fruchtfleisch ist reich an verschiedenen Zucker- und Proteinarten; es enthält sehr viel Vitamin C und beta-Karotin, ausserdem Kalium, Magnesium, Zink sowie das komplette Spektrum an essenziellen Aminosäuren (siehe «natürlich» 10-21). Die kleinen dunklen Samen im Fruchtfleisch sind steinhart und können nicht verbissen werden. Man schluckt die Körner einfach mit. Sie wirken im Darm als Ballaststoffe und erhöhen das Darmvolumen, was zu einer guten Verdauung führt.


Gefärbt ist das Fruchtfleisch gelborange bis tiefrot. Verantwortlich für diese kräftige Färbung ist der hohe Gehalt an natürlichen Farbstoffen, sogenannten Betalainen. Einen Teil dieser Farbstoffe scheidet der Körper über den Urin aus, was wie beim Konsum von Randen, zu einer leicht rötlichen Färbung führen kann. Betalaine wirken stark antioxidativ. Als sogenannte Radikalfänger dienen sie dem Schutz von Zellen und Organen wie etwa der Haut und der Nieren sowie der Blutgefässe. Eine Studie der Universität von Palermo, Italien, aus dem Jahr 2013 konnte die antioxidative Wirkung der Kaktusfeige belegen, insbesondere des Kaktusfeigenöls aus den Kernen der Frucht. Das Öl – wie auch die frische Frucht – verhindert Zellschäden durch oxidativen Stress und verbessert den antioxidativen Status beim gesunden Menschen. Kaktusfeigenkernöl wird auch in der Kosmetikindustrie eingesetzt und gilt aufgrund des straffenden Effektes als natürliches Botox. Es ist reich an Vitamin E und soll Falten und trockener Haut entgegenwirken.


Erhältlich sind die Früchte jeweils in den Monaten September bis November. Im Süden bekommt man sie an jeder Strassenecke, hierzulande in gut bestückten Warenhäusern, italienischen Spezialitätenläden oder im türkischen Supermarkt. Weil die Früchte nicht nachreifen, sollte man nur reife Exemplare kaufen und diese innert zwei bis drei Tagen essen. Deshalb kauft man Kaktusfeigen am besten dort, wo der Warenumschlag hoch und das Klientel südländisch ist. Achten Sie beim Einkauf von frischen Kaktusfeigen auf den Reifegrad: Verzehrfähige Früchte sollten weich sein und eine intakte Schale haben. Die Früchte sind oval und in unterschiedlichen Farben zu finden – von weiss über gelb, orange und grün bis hin zu braun und lila. Fühlt sich die Frucht sehr hart an, lassen Sie sie besser im liegen.


Beim Schälen der Kaktusfeigen sollten Sie Handschuhe tragen. Die Kakteenstacheln sind zwar weitgehend entfernt, doch es sind oft noch kleinste Stacheln an der Frucht, die kaum sichtbar sind. Diese können in die Haut eindringen, was sehr unangenehm ist. Es geht aber auch ohne Handschuhe. Dazu wappnet man sich mit Gabel und Rüstmesser und geht folgendermassen vor:

  • Mit der Gabel die Frucht fixieren.
  • Genau dort, wo die Gabel in der Frucht steckt mit dem Messer einen feinen Schnitt entlang der Längsseite der Kaktusfeige schneiden. Die äussere Schale ist ca. 3 Millimeter dick.
  • Jetzt die fleischige Aussenschale mit Hilfe des Messerrückens vom Fruchtkern lösen und das Fruchtfleisch vorsichtig herausschälen. Übung macht den Meister.

Variante: Leichter geht es, indem man die Feige halbiert und auslöffelt wie eine Kiwi. Hierbei aber vorsichtig sein wegen den kleinen, feinen Stacheln.


Da die Kaktusfeigen nicht übermässig süss schmecken, eigenen sie sich auch als Vorspeise, zum Beispiel kombiniert mit Ziegenfrischkäse. Man kann auch einen Salat damit garnieren oder sie als Dessert zu einer Creme verarbeiten. Doch allen kreativen Ideen zum Trotz, schmecken die frischen Kaktusfeigen am besten pur. Nun wünsche ich Ihnen freudige Experimentierlust und neue Geschmackserlebnisse. Denn mit den Kaktusfeigen ist es wie mit den Erdbeeren, Tomaten und Spargeln: Sie schmecken nur wenige Wochen im Jahr richtig gut.


Sabine Hurni ist dipl. Drogistin HF und Naturheilpraktikerin, betreibt eine eigene Gesundheitspraxis, schreibt als freie Autorin für «natürlich», gibt Lu-Jong-Kurse und setzt sich kritisch mit Alltagsthemen, Schulmedizin, Pharmaindustrie und Functional Food auseinander.

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