Vom Mut, klare Grenzen zu setzen
Wie oft sagen wir Ja und meinen eigentlich Nein? Vermutlich zu oft, denn ein halbherziges Ja kommt uns in der Regel einfacher über die Lippen als ein entschiedenes Nein. Schliesslich wollen wir ja gefallen, niemanden enttäuschen und auf keinen Fall einen Streit vom Zaun brechen. Das Dumme daran: immer nur Ja sagen macht uns nicht glücklich.
Markus Kellenberger
Fragen Sie mich jetzt bitte nicht, ob ich Ihnen bei X oder Y helfen könnte, denn vermutlich sage ich ja – und ärgere mich am Abend dann darüber, dass ich wieder Mal all die Dinge, die ich heute tun wollte, links liegen liess, nur damit ich bei Ihnen einen Stein im Brett habe. Und genau darin liegt die Krux. Was auf den ersten Blick wie Freundlichkeit klingt, ist nämlich keine, sondern eine Kapitulation. Wir sagen Ja, wo wir Nein meinen, aus Angst, nicht zu genügen, nicht geliebt zu werden oder nicht mehr dazuzugehören. So geht es vielen von uns Tag für Tag, daheim in der Familie, unter Freunden und nicht zuletzt auch am Arbeitsplatz. «Ja, Chefin, das mach ich zu allem anderen hinzu auch noch.»
Aber: jedes Ja, das gegen unseres Inneres, unseren eigenen Zeitplan und gegen unsere Überzeugung gerichtet ist, ist immer auch ein Nein zu uns selbst. Umgekehrt gilt: jedes Nein, das aus Liebe zu uns selbst ausgesprochen wird, ist ein Ja zum eigenen Rhythmus und zum inneren Frieden. Einer, der das ganz entschieden vertritt, ist der Basler Psychiater und Buchautor Klaus Blaser. Um im Alltag besser zu lernen Nein zu sagen, hat er das Konzept des inneren Gartens entwickelt, ein Trainingsprogramm, bei dem Menschen lernen, gesunde Grenzen zu ziehen.
Den inneren Garten schützen
Das Bild vom inneren Garten lässt sich in etwa so zusammenfassen: Stellen Sie sich Ihr Inneres als einen wunderbaren Garten vor, aber bitte nicht als öde Rasenlandschaft, sondern als einen lebendigen Ort, der sowohl wild als auch angenehm gezähmt ist. In diesem Garten blühen Ihre Gedanken in allen Farben und Formen, hier verströmen Ihre Gedanken unterschiedlichste süsse und modrige Gerüche und Ihre Wünsche flattern wie bunte Schmetterlinge überall herum. Brombeerhecken biegen ihre Äste unter der Last leuchtend roter Früchte, und kleine Wiesen voller Blumen laden zwischen knorrigen, Schatten spendenden Obstbäumen zum entspannen und träumen ein, und Brennnesselfelder mahnen zur Vorsicht. In dieser Landschaft präsentieren Sie Ihre Schätze, verstecken Sie Ihre Geheimnisse und vergraben Sie Ihre Ängste. Dieser Garten ist ein Abbild Ihres Seelenlebens, er ist Sie.
Wenn Sie Ihren Garten vor sich sehen, überlegen Sie in einem nächsten Schritt, wie oft Sie schon Besucher eingelassen haben, die rücksichtslos über alles hinweg getrampelt sind, was Ihnen eigentlich heilig ist. Überlegen Sie dabei auch, wie oft Sie schon anderen geholfen haben, deren Gärten zu giessen, während Sie den Ihren sträflich vernachlässigt haben. Ihr Garten ist kein öffentlicher Park. Er ist Ihr innerer Raum, und die Grenze, die ihn schützt, ist kein Zaun aus Holz oder Draht – sondern einzig Ihr bewusst ausgesprochenes Nein. Viele Menschen haben im Verlauf ihres Lebens gelernt, sich anzupassen, zu gefallen und um jeden Preis zu funktionieren. Sie bauen keinen Zaum um ihr Inneres, weil sie glauben, das sei Liebe – in Wahrheit ist es aber oft eine Form der Selbstaufgabe. Sie haben vergessen, dass ihr innerer Garten ein heiliger Ort ist, den nicht alle einfach betreten dürfen. Und selbst der beste und liebste Mensch, den man im Leben hat, hat kein Anrecht darauf, ihn zu betreten, solange wir ihm nicht mit einem von Herzen kommenden Ja das Tor öffnen.
Schleichende Entfremdung von sich selbst
Viele der Gründe, weshalb wir uns vor einem klaren Nein fürchten, sind schon aufgezählt, es ist die Angst vor Liebesverlust, nicht zu genügen oder jemanden zu beleidigen. Wir fürchten uns vor einem klaren Nein aber auch deshalb, weil wir je nach Erziehung darin Härte, Ablehnung oder Egoismus sehen. Dabei ist ein Nein nicht in jedem Fall ein Stopp. Es kann auch ein «nicht jetzt», ein «nicht so» oder ein «nicht für mich» sein, das den Gartenzaun symbolisiert. Eine Grenze zu ziehen, ist die gesunde Fähigkeit, zwischen der eigenen Innen- und der Aussenwelt unterscheiden zu können. Und das ist wichtig, denn wer ständig im Garten der anderen gärtnert, verliert den Kontakt zu sich selbst.
Sogenannte «People Pleaser», also Menschen, die es immer allen Recht machen wollen, leben oft in einem Zustand der inneren Entfremdung. Die Resilienz-Spezialistin Ulrike Bossmann nennt diesen Zustand Konfluenz oder auf Deutsch Zusammenfliessen. «Das bedeutet», sagt die in Karlsruhe tätige Psychologin, «dass die Grenzen zwischen mir und dir verschwimmen, und ich nicht mehr spüre wo mein Garten aufhört und deiner beginnt.» Die Folge davon sei ein immer schwächer werdendes Selbstwertgefühl, das nur zu oft in Depressionen ende, denn in jedem Garten gilt, was nicht gepflegt wird, wuchert, was nicht zurückgeschnitten wird, nimmt anderen Pflanzen das Licht – und deshalb dürfen auch Bitten, Aufgaben und Erwartungen zurückgestutzt werden. Das bewusste Nein ist die Gartenschere der Seele.
Und noch etwas: das Nein ist kein Ende, sondern der Anfang eines Lebens, in dem Sie nicht mehr länger die Gärtnerin oder der Gärtner der Wünsche der anderen sind, sondern Beschützerin und Beschützer der eigenen, inneren Welt. Falls Sie mich jetzt immer noch fragen wollen, ob ich Ihnen bei X oder Y helfen kann, dann antworte ich: «Gerne. Aber erst muss noch ich in meinem Garten für Ordnung sorgen.»
Buchempfehlungen
Klaus Blaser: «Sag Ja zum Nein sagen – das Trainingsprogramm zur Stärkung der eigenen Grenzen», Verlag Klett-Cotta, 2020
Ulrike Bossmann: «People Pleasing – raus aus der Harmoniefalle und weg mit dem schlechten Gewissen», Verlag Julius Beltz, 2023
Haben Sie Fragen?
Markus Kellenberger begleitet Menschen auf der Reise ins Innere und beantwortet Ihre Fragen aus den Bereichen Leben, Liebe, Glaube und Spiritualität persönlich und ganzheitlich. m.kellenberger@weberverlag.ch
3 Kommentare
SOO hilfreich dieser Text .
Für mich genau im richtigen Moment .
Freundlicher Gruss
Kann mich nur bedanken beim Autor dieses Artikels. Diese Zusammenfassung verspricht eine spannende Lektüre. Ich werde beide Bücher bestellen.
Als Gartenlienhaberin mit ‚Grenzproblemen‘ ist dies eindeutig Pflichtlektüre! 😉 Freue mich auf die Bücher und überlege mir, wieder ein Abo zu lösen…
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