Weiche, Warze weiche!

Susanne Strässle | Ausgabe 10 - 2008

Warzen sind hartnäckige Überlebenskünstler. Natur- und Schulmedizin kennen viele mehr oder weniger wirksame Mittel gegen sie – aber nicht minder wirksam setzt die Volksmedizin Zaubersprüche und Rituale gegen die unliebsamen Hautwucherungen ein.

«Angesichts der vielen Behandlungsmethoden ist es doch höchst erstaunlich, wie viele Warzen-Geplagte es noch immer gibt», merkte der englische Medizinautor Daniel Turner 1712 in seinem Werk über Hautkrankheiten an. Bis heute sind weder die Warzen noch die Mittel dagegen weniger geworden. Kein Wunder: Warzen sind eine hartnäckige Viruserkrankung der Haut. Die gutartigen Hornhautwucherungen werden von verschiedenen Unterarten des Humanen Papilloma-Virus (HPV) hervorgerufen. Der Virus gelangt durch kleine Verletzungen und Risse in obere Hautschichten. Nahezu jeder ist irgendwann von Warzen betroffen, Kinder und Jugendliche besonders häufig. Interessant ist indes, dass sich nicht alle Menschen jederzeit damit anstecken. Das hängt vom Zustand der Haut ab, aber auch von der Immunabwehr.

Urin, Schnecken, Muttermilch

Die Schulmedizin behandelt Warzen mit ätzenden Säuren, durch Vereisen, Lasern, Herausschneiden oder Ausschaben und neuerdings auch mit Zellgiften. Möglich ist auch eine Behandlung mit wassergefilterter Infrarot-A-Strahlung
(wIRA): Die Tiefenwärme verstärkt die Durchblutung und regt lokal die Immunabwehr an. Aber: Bereits der Arzt und Medizinschriftsteller Celsus erwähnt 25 n. Chr. das bisweilen hartnäckige Wiederkehren von Warzen nach operativer Entfernung. Und bis heute kann die Schulmedizin Warzen mit keiner Methode sicher entfernen. Zudem wird nicht selten mit Kanonen auf Spatzen geschossen, da Warzen zwar übertragbar, aber meist harmlos und ein zeitlich begrenztes Phänomen sind.

Die Naturheilkunde rät zu mehr Geduld und einem sanfteren Vorgehen. In der Pflanzenheilkunde ist Schöllkraut (Chelidonium, auch: Warzenkraut) ein bekanntes Mittel, das schon bei Hildegard von Bingen erwähnt wird. Das Einreiben mit Teebaum- oder Rizinusöl sowie Präparaten aus Wolfsmilch, Thuja, Ringelblume oder Löwenzahn wird ebenfalls empfohlen.

Aus Sicht der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) sind Warzen, wie Grita Petersen-Jung, Leiterin der TCM Drei-Länder-Schule in Steinen bei Lörrach, erklärt, ein Phänomen «feuchter Hitze»: «Diese kann eine Konstitution darstellen oder von aussen herbeigeführt sein, etwa durch fettreiche Speisen.» Sich gegen Warzen zu wappnen, fängt daher ebenfalls beim Essen an. «Nicht zu viele Milchprodukte und nicht zu viel Alkohol, fett Gebackenes und Fast Food», empfiehlt die Expertin. Behandelt würden Warzen in der TCM häufig mit der Moxa-Zigarre, mit deren Hilfe die Warze gezielt Wärme ausgesetzt wird.

Auch die Volksmedizin setzt auf natürliche Mittel: Bei manchem haben wiederholte Auflagen mit Zwiebeln, Knoblauch oder Bananenschalen geholfen. Nachgewiesen ist, dass ein Wirkstoff aus der Muttermilch Wirkung zeigt. Nicht jedermanns Sache sind Einreibungen mit Eigenurin oder dem Schleim von Nacktschnecken.

Rituale und Zaubersprüche

Aber auch mit Ritualen und Suggestion geht die Volksmedizin gegen Warzen vor. So soll man beispielsweise in eine Schnur so viele Knoten machen, wie man Warzen hat, und sie rücklings aus dem Fenster werfen oder vergraben. Ist die Schnur verrottet, sind die Warzen weg.

Bei derartigen Ritualen geht es darum, Warzen nach einem Analogieprinzip abzustreifen und auf einen anderen Gegenstand zu übertragen. Warzen mit einer Leiche als Medium fortzuschicken, ist ein Vorgehen, das man auch hierzulande  kannte: Am offenen Grab oder wenn die Totenglocke läutete, wurde ein «Warze Weiche»-Spruch aufgesagt. Den gleichen Zweck wie ein hohler Baumstrunk erfüllt das Warzenloch in der Verenaschlucht bei Solothurn. Man fasst hinein und spricht: «Vreneli, Vreneli nimm mer d’Schmärze, döör mer ab diä wüeschte Wärze.» Eine in ihrer Logik paradoxe Intervention ist das Abkaufen von Warzen: Dem Träger wird Geld für die Plagegeister geboten, als wären sie begehrenswert.

Die Verbindung von Warzen zu Magie und Folklore verdankt sich ihrem oft scheinbar willkürlichen Erscheinen und Verschwinden – und wohl der hohen Misserfolgsquote medizinischer Behandlungen.

Die besten Tipps der «Natürlich»-Leserinnen und -Leser
In «Natürlich» 6-08 baten wir Leserinnen und Leser auf der Beratungsseite um ihre besten Tipps zur Behandlung von Warzen. Hier eine Auswahl:

«Nach 10-tägigem Auftupfen von Echinacea-Tinktur (zweimal täglich) und dem Gebrauch einer Pflanzenseife waren meine alten und tiefen Warzen weg.»
Ursula Steiger

«Ich hatte eine Dornwarze am Fuss. Ein bis zwei Monate nahm ich täglich ein Fussbad mit einem Basensalz als Beigabe. Plötzlich war die Warze weg.»
Irène Lengacher

«Die Warze am Kinn unseres sechsjährigen Sohnes verschwand mit der rund drei Monate dauernden Einnahme eines spagyrischen Thuyasprays.»
Claudia Furrer

«Ich betupfte meine Warzen jeden Abend mit Teebaumöl. So habe ich sie weggebracht. Bei meiner Schwester hatten wir Erfolg mit Kartoffelsaft. Sie rieb die Warzen täglich mit der Schnittfläche einer rohen Kartoffel ab.»

Stefan Enz, 10 Jahre

«Ich trug Zitronenöl mit einem Zahnstocher direkt auf die Mitte der Warze auf und klebte ein Pflaster darüber. Die Warze schrumpfte und war nach 6 Wochen verschwunden. »
Nicole Stadler

«Wir haben die Warzen unserer Kinder täglich mit dem frischen Saft des Schöllkrauts aus unserem Garten betupft, und zwar nur bei abnehmendem Mond.»
Ursula Arni

Lesen Sie dazu auch den Beitrag Wirksam Warzen entfernen aus der Rubrik Rat & Tat auf natuerlich-online.

Kräfte statt Kräuter

Insbesondere in der Ostschweiz, im Jura und teilweise in der Innerschweiz ist das Besprechen von Warzen verbreitet. Manche nennen es Gesundbeten, in der Romandie ist von «le secret» die Rede. Gemeint sind Heilsprüche und Segensformeln und die damit verbundene Kraft von Gebetsheilenden. Die Sprüche müssen geheim bleiben, um ihre Wirkung zu bewahren, sie werden vertraulich weitergegeben und sollen unentgeltlich angewandt werden.

Warzenbesprechen ist bei abnehmendem Mond im Zeichen von Skorpion oder Krebs möglich, so steht es im Appenzellerkalender und daran hält sich auch Emil Alder. Immer wieder klingelt sein Telefon an solchen Tagen. «Nume cho», lautet die Antwort des Appenzeller Altbauern. Alle seien willkommen, die ihm Vertrauen schenkten, sagt er. Dennoch möchte er nicht mit richtigem Namen genannt werden: Die Leute im Dorf könnten spotten, denn viele wüssten nicht um sein Tun. Emil Alder hat sein «Sprüchli» schon mit 15 Jahren erhalten. Lange wagte er nicht, es anzuwenden: «Höchstens heimlich im Stall bei den Kühen.» Zu gross war die Angst, als Hexer beschimpft zu werden. Später probierte er seine Gabe gegen «Hitz ond Brand» (Entzündungen und Fieber) sowie Warzen in der Familie aus – mit Erfolg. Heute kommen mehr und mehr Leute zu ihm. Es spricht sich herum, wenn einer Kräfte hat.

Emil Alder behandelt Warzen, indem er sie mit dem Finger umfährt, den Heilspruch murmelt, ein Kreuzzeichen darüber macht und betet. Angaben zum Patienten schreibt seine Frau auf einen grossen Block. Immer früh morgens liest Emil Alder diese Liste durch und weiss, an wen er denken, für wen er beten muss: «Das geht auch beim Werken, vor allem draussen in der Natur, da ist eine ungeheure Kraft.» Einen guten Draht zum lieben Gott, ja das brauche es schon. Der Glauben sei wichtig, und zwar auch beim Patienten, «sonst muss man gar nicht anfangen».

Als religiöse Aufgabe sieht Myriam Jaeggi ihr Warzenbesprechen nicht, auch wenn zu dem Spruch, den sie von einer Appenzeller Bäuerin  erhielt, ebenfalls das Kreuzzeichen gehört. Man müsse als Patientin nicht restlos überzeugt sein, um sich an sie zu wenden, erzählt die Zürcherin: «Es wirkt ja auch bei Kleinkindern und skeptischen Jugendlichen.» Glauben versteht sie mehr im Sinn einer universellen Kraft und der Bereitschaft, sich auf diesen Weg einzulassen.

Sie sieht in der Prozedur ein energetisches Phänomen, einen gezielten positiven Heilimpuls, der die Selbstheilungskräfte anregt: «Die Arbeit machen muss der Körper dann selber.» Als Craniosacral-Therapeutin nimmt Myriam Jaeggi auch beim Warzenbesprechen Kontakt mit dem Gewebe auf, um sein Heilungspotenzial zu erfassen. Denn nicht jede Warze sei gleich «ansprechbar». Einmal im Monat kurz nach Vollmond behandelt sie in einem Zürcher Quartiertreff Warzen. «Am liebsten bei Kindern. Sie sprechen auf die Behandlung gut an», sagt sie. «Bei Erwachsenen ist es schwieriger. Sie kommen oft unter Stress, mit hohen Ansprüchen und wenig Geduld.»

Die sechs häufigsten Warzentypen
• Gewöhnliche Warzen/Stachelwarzen:
verhornende Knötchen, mitunter in Gruppen, oft an Händen oder Fusssohlen, häufig bei Kindern und Jugendlichen
• Dornwarzen: Fusssohlenwarzen, wachsen nach innen, oft mit dunklem Punkt, meist schmerzhaft, ansteckend
• Flachwarzen: rund und glatt, nur leicht vorstehend, oft in Gruppen; bei Kindern mitunter starker Befall an Gesicht, Hals und Handrücken
• Feigenwarzen: Genitalwarzen, anfänglich kleine Knötchen, die  auswuchern können; manche Virenunterarten können Gebärmutterhalskrebs begünstigen, sehr ansteckend
• Alterswarzen (seborrhoische Warzen): anderer Virentyp, gutartig, aber leicht zu verwechseln mit Muttermalen
• Dellwarzen: von einem Pockenvirus verursacht, mit Delle, gefüllt mit virenhaltigem Brei, meist in gesicht, Hals-, Brustgegend oder Gelenken.

WICHTIG:
Bei schmerzhaften Warzen, nicht klar zuzuordnenden Hauterscheinungen, Genitalwarzen oder seelischem Leid ist Abklärung bei Fachpersonen angezeigt.

Warzen an den Wurzeln packen

Schulmediziner halten meist wenig von Heilritualen. Viele streiten zwar nicht ab, dass Warzen nach derartigen Interventionen verschwinden. Dahinter sehen sie aber Placeboeffekte – oder die Tatsache, dass Warzen oft von selbst vergehen. Für den Hausarzt und Erfahrungsmediziner Josef Strässle aus Oberegg AI, der manchmal Patienten zu einem Besprecher schickt, geht dieses Vorgehen aber über reine Autosuggestion hinaus, denn Warzen sind für ihn Ausdruck eines energetischen Ungleichgewichts: «Rituale machen Sinn und entsprechen der menschlichen Natur. Man lässt sich auf eine andere Ebene ein, gibt ein Problem von sich weg. Energieflüsse können heilen und manche Menschen haben energetisch mehr Kräfte als andere.»

Aus Sicht der klassischen Homöopathie kann eine Warze nur ganzheitlich, nie symptomatisch behandelt werden. Für sie ist folglich nicht nur das Herausschneiden Symptom-unterdrückend, sondern auch der Einsatz von Pflanzentinkturen oder das Besprechen, wie die Homöopathin Beatrice Stutz-Lämmli aus Adligenswil ZH erklärt. «Zwar steckt nicht hinter jeder Warze eine tief greifende Krankheit. Eine einmalige gewöhnliche Warze am Finger kann man getrost unbehandelt belassen, sie wird von selber verschwinden. Aber Warzen können durch Gifte, Chlor oder allergische Konstitutionen hervorgerufen werden. Stress kann Ursache sein oder eine heftige Grippe, die das Immunsystem aktiviert hat», führt sie aus. Wo Warzen mit Grundkrankheiten einhergehen, wiederkehren und hartnäckig sind, rät sie deshalb zu einer Ursachenanalyse.

Wie wichtig auch der richtige Zeitpunkt für die Warzenbehandlung ist, betont Josef Strässle: «Irgendwann fangen sie an wehzutun oder einfach zu stören. Dann ist der richtige Moment gekommen, sich um sie zu kümmern. Wenn der Körper selber eine Baustelle – Schmerz oder eine Entzündung – schafft, kann man ihn am besten unterstützen.» Wann der günstige Zeitpunkt jedoch kommt, ist genauso individuell wie die Frage, welcher Behandlung man vertraut. Und: Wo Warzen ein rein kosmetisches Problem darstellen, ist oft etwas Gelassenheit angezeigt. Denn es lebt manch einer mit seinen unliebsamen Begleitern über Jahre friedlich zusammen.

Internet
warzen.gesund.org
www.homoeopathie-luzern/behandlung/warzen
www.hitzondbrand.ch/projekt_ri.html

Literatur
Birgit Frohn: «Wirksame Hilfe bei Hautinfektionen».
Verlag Knaur 2005, Fr. 23.90
Ilka-Dunja Timm: «Warzen – Homöopathische Bedeutung, ganzheitliche Betrachtung, Risiken der Unterdrückung, Therapiemöglichkeiten. Grundlagen und Praxis», 2004, Fr. 27.50
Roland Inauen: «Kräuter und Kräfte – Heilen im Appenzellerland»,
Verlag Schläpfer 1995

Warzenbesprechungen
Myriam Jaeggi, Zürich, nächste Daten: 20.10., 14.11., 17.12.,
immer 13 bis 18.30 Uhr, Quartiertreff Rütihof (ohne Voranmeldung, kostenlos). Weitere Infos: www.emindex.ch/myriam_jaeggi
Niklaus Nauer, Grub, St. Gallen, Telefon 071 891 40 05

Bilder: © fotalia.de, Susanne Strässle 

Tags (Stichworte): AlternativmedizinGesundheitHautkrankheitenWarzen

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