Im Namen Gottes

Gundula Madeleine Tegtmeyer | Ausgabe 08 - 2012

Fromme Juden halten «koscher», Muslime essen «halal» – was steckt hinter diesen Geboten und warum verlangen beide Religionen das umstrittene Schächten? Die «natürlich»-Autorin geht den fremden Essgewohnheiten auf den Grund.

Der Ausspruch «das ist doch nicht ganz koscher» hat längst in die Alltagssprache Einzug gefunden. Nur, was verbirgt sich hinter diesem eigentümlichen Wort? Koscher wird meist mit «rein, sauber» übersetzt. Dies trifft die Wortbedeutung aber nicht genau und muss präzisiert werden. Erst dann erschliesst sich die jüdische Ethik mit ihren komplexen Speisegesetzen, die sich hinter dem Wort koscher verbergen.

Das hebräische Wort Kaschruth bedeutet «rituelle Eignung» und stammt von kascher (jiddisch koscher) ab und bedeutet «tauglich, erlaubt, geeignet» im religiösen Sinne. Speisen müssen folglich nach jüdisch-religiösen Massstäben zum Verzehr erlaubt sein.

Gottes Gebote

Die Rabbiner zur Talmud-Zeit, dem nachbiblischen Hauptwerk, und auch später folgende Thora-Gelehrte bezeichneten die Gebote als «chukim», als verpflichtende Gebote, die man befolgen muss, auch wenn der tiefere Sinn und Grund dafür über das menschliche Verständnis hinausgehe. Die jüdischen Speisevorschriften verfolgen demnach das Ziel, die rituelle Reinheit des Körpers zu bewahren sowie die menschliche Gier zu zügeln. Mit hygienisch-gesundheitlichen Überlegungen haben diese Vorschriften also nichts zu tun, das bestätigen jüdische Wissenschaftlerinnen wie zum Beispiel Hanna Liss von der Hochschule für jüdische Studien in Heidelberg.

Schächten – ein heikles Thema

Was genau hat es mit dem Schächten auf sich? Bevor man sich diesem heiklen Thema nähert, sollte man wissen, dass im Judentum grundsätzlich folgendes Gebot gilt: Wenn schon ein Tier sein Leben dafür hergeben muss, dass der Mensch sich von seinem Fleisch ernähren kann, ist es strenges Gebot, dass es nur in einer Weise getötet werden darf, die dem Tier so wenig Leid wie möglich zufügt und unnötige Qualen erspart. Hinzu kommt das religiöse Gebot «Iss nicht das Blut, denn das Blut ist die Seele, und du sollst nicht die Seele mit dem Fleisch essen» (1. Buch Mose 9,4). Das Judentum betrachtet das Blut als Vorbedingung für Leben. Und es betrachtet auch das Tier als Teil der Schöpfung. Der Respekt vor der Schöpfung gebietet deshalb, dass das Blut des Tieres, der Sitz seiner Seele, an Gott zurückgegeben wird, denn mit der Seele des Tieres sollen sich Gläubige nicht vereinigen.

Dies ist die biblische und ethische Grundlage der jüdischen Schlachtmethode, dem Schächten, die «schechita». Und in der Praxis? Gemäss jüdischer Weltanschauung geschieht das «Nehmen von Leben» bewusst. Der Schnitt darf daher nur von Menschenhand ausgeführt werden, und bei jedem Schlachtvorgang spricht der «schochet», der qualifizierte Schächter, einen Segen. Muslime schlachten gen Mekka. Eine Vielzahl von islamischen und jüdischen Vorschriften sollen dem Schlachttier unnötige Qualen beim Schächten ersparen, wobei die Jüdischen besonders streng sind.

Ein blitzschneller Schnitt

Nur ein Fachmann darf rituell schlachten. Er wurde speziell im Schächten ausgebildet und untersteht der ständigen Aufsicht und regelmässigen Überprüfung seiner Eignung durch ein Rabbinat. Sein Berufsethos verlangt von ihm, das Messer vor jedem Schlachten gewissenhaft zu überprüfen.
In höchster Konzentration führt er den Fingernagel an der Schneide entlang. Der Nagel darf nirgends hängen bleiben, denn das Schlachtmesser muss schneiden, es darf nicht sägen und auch nicht hacken.

Der «schochet» führt das Schlachttier in eine Box, die die Bewegungsfreiheit des Tieres einschränkt. Auf diese Weise kann der Schächter seinen Schnitt hoch konzentriert und ohne Störungen an dem stehenden oder zuvor behutsam umgelegten Tier setzen. Beim Schneiden darf nicht die geringste Fleischfaser des Schlachttieres einreissen. Die Messerklinge muss daher glatt und ohne jeden Makel sein, denn das Schlachten muss rasch vor sich gehen. Mit einem blitzschnell ausgeführten Halsschnitt werden die Weichteile bis zur Wirbelsäule durchschnitten und dabei die Halsschlagader und die Luftröhre durchtrennt. Es muss ein glatter Schnitt sein, kein Druck. Der glatte Schnitt führt zu dem erwünschten Nervenschock und der plötzlichen Stockung der Blutzufuhr zum Gehirn. Das Schlachttier ist augenblicklich bewusstlos.

Tierquälerei oder nicht?

Der Rabbiner und Tierarzt Meir Levinger aus Basel ist ein international anerkannter Schächtspezialist. Auf den Vorwurf der Tierquälerei angesprochen erklärt der Experte, dass das Schlachttier nach dem Schächtschnitt für mindestens zehn Sekunden total ruhig bleibt. Dies bedeute, dass es keinen Schmerz empfinde, was durch die sofort nach dem Schnitt einsetzende Blutleere im Gehirn des Tieres zu erklären und durch EKG-Untersuchungen belegt sei. Schächtgegner überzeugt das jedoch nicht und die Diskussionen um eine Betäubung vor dem Schnitt halten an.

Religiöse Argumente gegen eine Betäubung vor dem Schächten sind, dass es in Einzelfällen zu Verletzungen wie Muskelblutungen und Knochenbrüchen bis hin zum Todesfall kommen kann, womit das Fleisch des Schlachttieres als «terefa» als rituell unrein gelten würde.

Ein weiteres Gebot in der Thora lautet, dass Jungtiere nicht am selben Tag wie ihre Muttertiere geschlachtet werden dürfen. Und an einer anderen Bibelstelle heisst es: «Du sollst nicht das Böcklein in der Milch seiner Mutter kochen.» Daraus folgerten die Rabbiner die strenge Trennung von Milchigem und Fleischigem.

Muslimische Gastfreundschaft

Muslime unterscheiden zwischen «halal» (rein, erlaubt, statthaft) und «haram» (verboten, verwehrt). Alles, was nicht ausdrücklich erlaubt wurde, führt zu Verbotenem und ist somit «haram». Auch Muslimen ist der Verzehr von Schweinefleisch sowie von Blut streng verboten, daher wird auch im Islam geschächtet. Ein Gutachten der Geistlichen Zentrale des Islam an der Al-Azhar Universität in Kairo kam im Gegensatz zu jüdischen Gelehrten zum Ergebnis, dass eine vorherige elektrische Betäubung der Schlachttiere zulässig sei.

Den Ausschlag für das Verbot von Schweinefleisch gibt der Koran, in dem steht: «Verboten ist euch Verendetes, Blut und Schweinefleisch», Sure 2; 173. Und wie im Judentum gilt auch im Islam Raubtierfleisch als «haram». Im Gegensatz zum Judentum erlaubt der Koran aber den Verzehr von Meeresfrüchten.

Viele biblische Gebote sind in den jüdischen Speisegesetzen lebendiger geblieben als im Christentum. Neben dem Bestreben nach ritueller Reinheit sind sie gleichermassen der Ausdruck des Respekts vor der gesamten Schöpfung und stehen für den ethischen Umgang mit den Mitgeschöpfen. Auch wenn «koscher» und «halal» etwas befremdlich anmuten mögen, können die Speisegesetze des Judentums und des Islam zum Nachdenken der eigenen Essgewohnheiten anregen.

Die Autorin
Gundula Madeleine Tegtmeyer ist freie Journalistin und Fotografin. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind Nordafrika und der Nahe Osten. Sie lebte bislang in Rio de Janeiro, Kairo, Damaskus und Teheran. Seit 2008 lebt sie wieder in Israel, aktuell in Jerusalem. Für ihre Arbeit erhielt sie einen Förderpreis des Kulturwerks der VG Bild und Kunst.


Fotos: fotolia. com, zvg


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