Die Mitte stärken

Sabine Hurni | Ausgabe_06_2013

In der westlichen Medizin gilt die Milz nicht als lebensnotwendig und findet somit wenig Beachtung. Ganz anders in der chinesischen Medizin. Dort spielt die Milz eine zentrale Rolle für die Gesundheit.

Wer mit Verdauungsproblemen zum Schulmediziner geht, wird selten auf die Milz angesprochen. Ganz anders in einer Praxis für chinesische Medizin. Dort steht die Milz-Schwäche im Zentrum von Verdauungsbeschwerden aller Art. Grund dafür ist die unterschiedliche Betrachtungsweise. Während die westliche Medizin die Milz als ein Antikörper produzierendes Organ betrachtet, sieht die chinesische Medizin die Milz als Schaltstelle eines Energiekreislaufs – als Energie der Mitte.

Milz baut überalterte Blutzellen ab

In der Antike galt die Milz als Sitz der Heiterkeit. Entsprechend stand eine Funktionsstörung für Melancholie, Angstzustände und auch für die Hypochondrie, die übersteigerte Angst vor Krankheiten. Das ist der Grund, weshalb die Milz im englischen «spleen» heisst. Ein Wort, das auch wir oft verwenden, wenn jemand eine verrückte oder eigenartige Idee hat. In der modernen Medizin ist die Milz wenig erforscht. Nicht zuletzt deshalb, weil sie als Organ selten offensichtliche Probleme bereitet. Die Milz hat die Grösse einer Faust und liegt an der linken Körperseite, links vom Magen, direkt unter dem Zwerchfell. Das relativ kleine Organ baut überalterte Blutzellen ab. Zudem schützt die Milz den Körper vor Bakterien, Viren und Pilzen, indem sie wichtige Abwehrzellen produziert; zum Beispiel die Fresszellen (Makrophagen) oder die Lymphozyten (Killerzellen), die zu den weissen Blutkörperchen gehören. Vonseiten der Schulmedizin gibt es ausser den üblichen allgemeinen Tipps wie Bewegung, ausgewogene Ernährung, nicht rauchen und wenig Alkohol keine besonderen Ratschläge für die Gesund erhaltung der Milz.

Milz in der Naturheilkunde

Geht man zurück zur antiken Viersäftelehre, kommt der Milz wesentlich mehr Beachtung zu. Damals gingen die Mediziner davon aus, dass vier flüssige Energieträger unsere Gesundheit im Gleichgewicht halten: das Blut, die dunkle Galle, die weisse Galle und der Schleim. Die dunkle Galle rufe Trübsal und Traurigkeit hervor, werde von der Milz angezogen und ins Positive verwandelt. Ein Ungleichgewicht förderte nach der Säftelehre die Melancholie, Verdriesslichkeit und Furchtsamkeit, während ein heiteres Gemüt für eine gesunde Milz sprach. Die Hypochondrie galt in der Renaissance als typisches Leiden von Gelehrten. Man ging davon aus, dass die Milz durch das viele Sitzen zusammengedrückt werde und so ihre Arbeit nicht ausreichend erfüllen konnte.

Auch die traditionelle, chinesische Medizin (TCM) verbindet die Milz-Schwäche mit exzessivem Denken. Zu viel Energie im Kopf beeinträchtigt die Verdauungsleistung. Fast so, als würde sie uns zum Verdauen fehlen. Wer beim Essen viel denkt, spricht, liest oder fernsieht, schwächt aus chinesischer Sicht seine Milz. Typische Symptome sind Müdigkeit nach dem Essen, Verdauungsbeschwerden sowie Allergien; aber auch Gelüste nach «Ungesundem» wie Süssem und Kaltem.

Die chinesische Medizin betrachtet die Milz nicht wie die Schulmedizin als Organ, sondern geht von einem Energiesystem aus, das die Aufnahme, Aufspaltung, Resorption und Verteilung von Nahrungsmitteln steuert. Die Milz steht für das Element Erde und für die Kraft aus der Mitte. Somit sehen die chinesischen Ärzte die Milz oder eben die Mitte eher als Energie, die der Körper für die Verdauungsvorgänge benötigt. Ist dieser Funktionskreis gestört, kommt es zu Verdauungsbeschwerden, Reizdarmsyndrom, Durchfällen, Übelkeit oder Völlegefühl. Aber auch Übergewicht und Krampfadern können mit einer schwachen Milz-Energie einhergehen. Zu viel Zucker, ungekochtes und unregelmässiges Essen setzen der Mitte zu. Ebenso schwächen Fertigprodukte und Tiefkühlkost aus Sicht der chinesischen Medizin die Milz. Weil der Körper im Krankheitsfall oft paradox reagiert, haben Menschen mit einer geschwächten Milz erst recht Lust auf Süsses, Kaltes und Rohes. Ist die Milz geschwächt, stottert der innere Motor, der dem Körper aus der Nahrung Energie liefert.

Eine schwache Milz macht den Menschen auch als Sicht der chinesischen Medizin nachdenklich und grüblerisch, während eine kräftige Milz ihn in sich ruhend, genussfähig und gesellig stimmt. Das deckt sich deutlich mit der Säftelehre von Hippokrates, was einmal mehr zeigt, dass die westliche und die östliche Naturheilkunde von ganz ähnlichen Grundsätzen ausgehen, sie jedoch unterschiedlich benennen.

Bitterstoffe tun gut

Die Naturheilkunde kennt einige Heilpflanzen, die auf der Basis dieser Überlegungen die Milz stärken. Davon ausgehend, dass die Milz und auch die benachbarte Bauchspeicheldrüse zum Funktionskreis der Verdauungsorgane gehören, werden vorwiegend Heilmittel eingesetzt, die viele Bitterstoffe enthalten und somit die Stoffwechselaktivität der Verdauungsorgane anregen. Zu ihnen gehört zum Beispiel die Brennnessel. Nicht unbedingt aufgrund der Bitterstoffe, sondern vielmehr darum, weil die Brennnessel Kieselsäure und Eisen enthält und so das Blut gesund erhalten kann. Auch die Gundelrebe hilft, das Immunsystem zu stärken und Ablagerungen im Körper auszuscheiden. Man kann die Gundelrebe gut als Zusatz für Speisen verwenden. Nach Paracelsus, dem Gründer der Anthroposophie, welcher die Milz dem Saturn-Prinzip zuordnete, ist allerdings die Wegwarte (Cichorium intybus) das Milzmittel erster Wahl.

Auch die Wegwarte ist eine Bitterstoffdroge, von der in der Therapie die Wurzel und das blühende Kraut verwendet werden. Aufgrund der Inhaltstoffe wird die Wegwarte vorwiegend als Verdauungstonikum bei Appetitmangel und Verdauungsstörungen verwendet; ebenso zum Anregen von Gallenproduktion und Gallenfluss. Ferner wirkt die Heilpflanze blähungswidrig, harntreibend und gilt in der europäischen und ayurvedischen Naturheilkunde als blutreinigend. Gerade für Patienten mit Rheuma und Gicht ist diese blutreinigende Stoffwechselaktivierung hilfreich; ebenso für eine allgemeine Stärkung der Mitte und der Verdauungskräfte. Denn Rheuma und Gicht sind nicht zuletzt auch Kältekrankheiten, die mit wärmenden Heilmitteln behandelt werden müssen.

Wegwarte: Verwandte des Löwenzahns

Botanisch wie auch naturheilkundlich ist die Wegwarte eng verwandt mit dem Löwenzahn. Die Wegwarte hilft, die Leber, die Milz und die Bauchspeicheldrüse zu regenerieren. Deshalb ist sie oft Bestandteil von verschiedenen Lebermitteln, die, kombiniert mit anderen Heilmitteln, die Ausleitung von Schwermetallen fördern. Bemerkenswert ist die Wandlungsfähigkeit der Wegwarte. So blüht sie am Morgen in einem kräftigen Blau. Abends schliesst sie ihre Blüten und ist nichts als ein unscheinbares Gestrüpp. Ein weiteres Phänomen ist ihre Standortwahl: Die Wegwarte wächst nicht selten neben Autobahnen und blüht unverzagt dort, wo die Zivilisation um sie herum rast und stinkt. Sie gedeiht in gemässigten Klimazonen in Europa, Asien und Amerika. Die Zichorie, wie die Wegwarte auch genannt wird, ist eine mehrjährige Pflanze, die bis zu einem Meter hoch wird. Sie hat eine dicke Pfahlwurzel, die nach der Blütezeit im Herbst ausgegraben und getrocknet werden kann. Aus dieser Wurzel lässt sich ein Kaffee-Ersatz herstellen. Der Zichorienkaffee wurde im 19. Jahrhundert aus Spargründen oft zum Strecken des Bohnenkaffees verwendet. Der als Wintersalat bekannte Chicorée ist eine Kulturform der Wegwarte.

Tipps und Tricks für eine starke Mitte
Essenszeiten: Regelmässige Essenszeiten sorgen dafür, dass der innere Verdauungsofen nie ganz ausgeht. Idealerweise sollte man noch vor sieben Uhr ein leichtes Frühstück einnehmen. Um die Mittagszeit sind die Verdauungsorgane besonders aktiv und können eine richtige Mahlzeit vertragen. Am Abend ist eine Suppe, ein Eintopf oder etwas gedünstetes Gemüse ideal.
Gute Lebensmittel: Frische Kost mit saisonalen, hiesigen Lebensmitteln stärken die Milz. Saisonal sind Gemüse und Früchte, die beim Schweizer Bauer oder im eigenen Garten zu einer bestimmten Jahreszeit erntereif sind. (Die Spargel- und Erdbeerensaison beginnt im Mai – und nicht im Februar.)
Meridianverlauf abklopfen: Von der Aussenkante des Zehennagels beginnend klopft man mit dem Finger Richtung
Knöchel, an der Innenseite des Beines hoch bis zur Rippe. Von dort hoch zur Achselhöhle. Bilder zum genauen Meridianverlauf finden Sie im Internet.
Organ beruhigen: Aus Sicht der traditionellen, chinesischen Medizin stärkt man die Milz mit süssen Lebensmitteln. Damit ist aber nicht Zucker gemeint, sondern Lebensmittel, die süss im Geschmack sind. Zum Beispiel gekochtes Getreide, Karotten, Nüsse, Äpfel oder Honig.

Fotos: fotolia.com


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