TCM und TEN im Vergleich

Aktualisiert: 10. Sept. 2021

Kategorie: Gesundheit


Die Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN) ist das westliche Pendant zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Ein Vergleich – auch mit der Schulmedizin.


Obwohl TEN und TCM jeweils eigenständige Medizinsysteme sind, «gibt es definitiv mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede. Letztere basieren meist auf unterschiedlichen Beschreibungsweisen für ein und dasselbe Phänomen», sagt Simone Wehrli Adhikari, TEN Naturheilpraktikerin mit eigener Praxis in Aarau. Olivia Steiner, dipl. Naturheilpraktikerin TCM in Akupunktur, TuinaMassage, Phytotherapie und Diätetik im luzernischen Hochdorf, stimmt ihr zu: «Die große Gemeinsamkeit von TCM und TEN ist, den Menschen ganzheitlich zu betrachten und zu behandeln. Anstatt nur die Symptome zu bekämpfen, werden bei beiden Methoden die Ursachen der Beschwerden behandelt.»



Auch Laura Jackson, deren Praxis für Integrative Chinesische Medizin und Shiatsu in der Sportclinic Zürich interdisziplinär arbeitet, betont die Gemeinsamkeiten: «TCM und TEN gehören beide zur Alternativmedizin. Im Gegensatz zum in der Schulmedizin vorherrschenden Modell der Pathogenese konzentrieren sich TCM- und TEN-Therapeuten auf die Salutogense.» Salutogenese ist ein Konzept, das sich auf Faktoren und dynamische Wechselwirkungen bezieht, die zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit führen sollen. Es gebe aber auch Unterschiede, so Jackson: «Die TCM kennt z. B. fünf Elemente, in der TEN sind es vier.» Zentral bei beiden Methoden sei die Frage, welches Element gestärkt werden müsse. Ein Beispiel: «Metall steht in der TCM unter anderem für die Lunge und das Immunsystem – beides ist besonders relevant in der Coronapandemie.»

Hand in Hand mit der Schulmedizin Sowohl in der TEN wie in der TCM werden mit den Patienten zunächst ausführliche Anamnese-Gespräche geführt. Jackson spricht vom «safe place», einem geschützten Raum, «um Patienten ganzheitlich abzuholen». Sie berichtet aus ihrem Praxisalltag: «Führt die Physiotherapien bei verletzten Sportlern nicht zum gewünschten Erfolg, versuchen wir in detaillierten Gesprächen zu klären, ob die Ursache der anhaltenden Beschwerden tiefer sitzen könnte, wie etwa der Unfall-Schock, der noch nicht verarbeitet wurde und buchstäblich noch in den Knochen steckt.» TCM gebe den Patienten Zeit und Raum, um den Blick über das verletzte und schmerzenden Körperteil hinaus zu öffnen. «Bei akuten Unfallverletzungen muss ein Notarzt gerufen werden. Chronifizieren sich Symptome, kann hingegen die TCM-Diagnostikmethode Ursachen sehr gut aufspüren.»











Auch Simone Wehrli Adhikari praktiziert systemübergreifend, unter anderem zusammen mit einer Gynäkologin und Kinderärztin. In Fachzirkeln trifft sich die TEN-Heilkpraktikerin regelmässig zum Erfahrungsaustauch. «Natürlich schaue ich mir auch schulmedizinische Diagnosen und Laborwerte an, die die Patienten in meine Sprechstunde mitbringen», sagt sie. Für die Interpretation bediene sie sich dann aber dem Funktionsmodell der TEN in Abstimmung mit der Befindlichkeit des Patienten. Auch eine Therapiekombination aus TEN und TCM könne – unter Berücksichtigung gewisser Aspekte – funktionieren: «Man kann zum Beispiel TEN-Arzneimittel und -Ernährung mit TCM-Akupunktur kombinieren.» Die Basis dafür bilde die Bereitschaft der Therapeuten, sich bei Bedarf fachlich auszutauschen. Das geschehe heute häufiger als noch vor ein paar Jahren.

Auch Olivia Steiner und Laura Jackson beobachten eine Annäherung der Medizinsysteme. Und tatsächlich gibt es in der Schweiz einen erfreulichen Trend zu verzeichnen: Krankenhäuser haben zunehmend einen interdisziplinären Ansatz. Schul- und Alternativmedizin konkurrieren nicht mehr, vielmehr behandeln sie zunehmend «Hand in Hand». 


TEN Traditionelle Europäische Naturheilkunde Die Traditionelle Europäische Naturheilkunde (TEN) basiert auf der antiken Heilkunde von Hippokrates und Galenos. Über die Jahrhunderte wurde sie stets weiterentwickelt und ist heute an unser Denken und Medizinverständnis angepasst. Ein zentraler TEN-Lehrsatz lautet: «Die Organe sind die Werkzeuge zur Realisierung von Lebensfunktionen; Krankheitssymptome sind Ausdruck für Störungen in der Funktionalität der Organe.» TEN fokussiert sich demnach weniger auf die organische Strukturen selbst, als vielmehr darauf, ob diese Strukturen ihre Aufgaben erfüllen können.


Das TEN-Denk- und Arbeitsmodell betrachtet den menschlichen Organismus als «offenes System», das in ständiger Wechselbeziehung mit seiner Umwelt steht und ein untrennbarer Teil von ihr ist. So ist der Mensch abhängig von seiner Umwelt, wobei er sich auch gegen schädliche Einflüsse abgrenzen und an veränderte Bedingungen anpassen muss. Gemäss TEN sind die Elemente der Umwelt auch im menschlichen Organismus repräsentiert; dabei wirken sie nicht nur lokal im Körper, sondern im gesamten «System Mensch».


Alles ist miteinander verbunden Dieses Denkmodell erklärt, warum in der TEN eine Krankheit nicht als lokales und temporäres Ereignis betrachtet wird, sondern stets den gesamten Organismus betreffend – physisch wie psychisch, also Körper, Geist und Seele. Folglich betrifft keine Erkrankung nur ein Organ. Die Aussage, «das eine hat mit dem anderen nichts zu tun», trifft gemäss systemischen Denken der TEN auf ein «offenes System» nicht zu. Folglich sind die TEN- Therapieansätze nicht auf ein einzelnes Organ bezogen, sondern fokussieren sich auf die Optimierung systemischer Heilmechanismen.


Humoralmedizin, die «Vier-Säfte-Lehre», ist ein definierendes Kernelement der TEN. Sie entwickelte sich aus der Vier-Elemente-Lehre der griechischen Antike mit den Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer. Entsprechend der Naturlehre, in der die Elemente der Gesamtnatur (Makrokosmos) auch im menschlichen Organismus (Mikrokosmos) repräsentiert sind, ist die Humorallehre eine logische Weiterführung der Vier-Elemente-Lehre im menschlichen Organismus. In der TEN repräsentieren sich die vier Elemente in Form der Kardinal-Säfte, von denen jeder wiederum definierte Qualitäten besitzt. Wichtig zu wissen: die Kardinalsäfte sind Wirkprinzipien, keine Körperflüssigkeiten.


 

Das TEN-Therapiekonzept

Es besteht aus einer konstitutionsorientierten und einer symptomorientierten «Säule». Therapeutisches Ziel ist, die Funktionalität und ihre Anpassung an wechselnde Bedingungen zu optimieren. TEN räumt der Prophylaxe von Krankheiten und der Lebensführung, der Diatetik im ursprünglichen Sinne, einen besonders hohen Stellenwert ein.


Die therapeutischen Verfahren setzen auf «natürliche Kräfte» wie Licht, Luft, Erde, Wärme, Wasser und Heilpflanzen.


Folgende Anwendungen gehören zu einer klassischen TEN-Therapie: Badekuren, Umschläge, Wickel-, Wärme-, Licht- und Luftanwendungen sowie Ernährung und Diätetik, der Lehre von der rechten Lebensweise in medizinischer Hinsicht.


Die Schwerpunkte liegen auf Phyto- und Mineraltherapie (Schüssler-Salze), der Anwendung von Spurenelementen und Vitaminen sowie Spagyrik. Spagyrika unterdrücken nicht die natürlichen Abwehrreaktionen des Körpers, vielmehr fördern sie die Wiederherstellung des natürlichen Gleichgewichts – so sollen Krankheiten nicht verdrängt, sondern überwunden werden.


Diese Kriterien definieren das Denk- und Arbeitsmodell der TEN:

  • Akzeptanz der Gesetze der Natur

  • Funktionsorientierung

  • Systemischer Ansatz

  • Humoralmedizinische Basis

  • Konstitutionslehre

  • Systemkonsistente Diagnostik

  • Therapie mit naturgemässen Mitteln und Verfahren


Diagnostische Verfahren/ Anamnese in der TEN

Die Diagnostik in der TEN analysiert primär Störungen der Funktionalität und deren Hintergründe. TEN hat eine spezifische Funktions- (Physiologie), Fehlfunktions- (Pathophysiologie) und Krankheitslehre (Pathologie).


Die TEN-Diagnostik baut auf diesen drei Lehren auf und bildet die Basis der Therapiekonzepte.


Zu den diagnostischen Verfahren gehören ein ausführliches Erstgespräch, die Auskultation (Abhören des Körpers), Inspektion, Palpation (Abtasten und Befühlen von dicht unter der Körperoberfläche liegenden Organen) sowie Perkussion (Abklopfen), neurologische Untersuchung, einfache Labordiagnostik, Iris-, Puls-, Zungen- und Antlitzdiagnose, Segment- und Reflexzonendiagnose sowie die Harnanalyse.


Ergänzt werden diese therapeutischen Säulen durch:

  • Schröpfen

  • Baunscheidttherapie

  • Blutegeltherapie

  • Blutreinigungskuren

  • Ausleitende Verfahren

  • Massagetechniken

  • Magistralrezepturen (Arzneimittel, die auf ärztliche Verordnung in Apotheken individuell für Patienten erstellt werden).

 

TCM Traditionelle Chinesische Medizin Die traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist eine Jahrtausende alte und erfahrungsorientierte Heilkunst mit einem energetischen Krankheitsund Gesundheitsverständnis. Vertritt die westliche Schulmedizin den somatischen (auf Krankheitsbilder bezogen) und mikroskopischen – den auf Details respektive Teilbereiche fokussierten Ansatz – so steht die TCM für eine funktionale und ganzheitliche Medizin. Wie die TEN definiert die TCM Konstitutionstypen. In der chinesischen Heilkunst beruhen sie auf den 5 Elementen. Diese werden bestimmten Charaktereigenschaften, Körperbau, Emotionen sowie Neigung zu bestimmten Erkrankungen zugeordnet. Eine Konstitution besteht meist aus ein bis zwei Elementen. Anhand der persönlichen Konstitution leitet die TCM Empfehlungen zur Lebensführung ab.


Die Milz verwandelt Nahrung in Qi Gemäss TCM-Lehre hängt unsere Gesundheit vom Gleichgewicht zwischen den gegensätzlichen Kräften Ying und Yang ab. Es sind einander entgegengesetzte und dennoch aufeinander bezogene, duale Kräfte oder Prinzipien, die sich nicht bekämpfen, sondern im Gegenteil ergänzen. Geraten Ying und Yang aus dem Gleichgewicht, führt dies zu Krankheit. Aus dem Zusammenwirken dieser beiden Kräfte – kalt und warm, passiv und aktiv etc. – entsteht «Lebensenergie», das Qi. Qi wird über die Atmung und Ernährung aufgenommen und zirkuliert im gesunden Menschen frei im Körper über die «Meridiane», den energetischen Bahnen – so verbindet sie die unterschiedlichen Regionen des menschlichen Körpers miteinander.


Laut TCM muss Qi in Harmonie sein. Gestörtes Qi verursacht Probleme: Abgeschlagenheit, Erschöpfung und Störungen in einem Organsystem sind Anzeichen von Qi-Schwäche; ist Qi nicht mehr im Fluss, entstehen Schmerzen; ist ein pathogener Faktor stärker als das gesunde («geradläufig» genannte) Qi des Körpers, entstehen Erkrankungen.


Nach TCM-Lehre ist die Milz zuständig für die Umwandlung der aufgenommenen Nahrung in Qi und Blut und wird direkt dem Verdauungsapparat zugeordnet. Die Schulmedizin schenkt der Milz weitaus weniger Beachtung: Nach westlicher Auffassung spielt sie zwar eine Rolle bei der Immunabwehr und Blutreinigung, baut z. B. Bakterien und Viren ab, ist aber kein lebensnotwendiges Organ.


 

Diagnostische Verfahren/ Anamnese in der TCM


  • Detailliertes Patientengespräch

  • Pulsdiagnose

  • Zungendiagnose

  • zudem geben Hautfarbe und weitere Körpermerkmale wichtige Hinweise, ebenso der Klang der Stimme, die Atmung und Verdauungsgeräusche

  • Analyse des Körpergeruchs

Die fünf Therapie-Säulen


Akupunktur

gleicht die Qi-Zirkulation aus und reguliert bestimmte Organsysteme.


Chinesische Arzneimittel

als Magistralrezeptur. Sie beinhalten pflanzliche, mineralische und tierische Stoffe, wobei pflanzliche Wirkstoffe überwiegen.


Diätetik

die chinesische Ernährungslehre nach den «fünf Wandlungsphasen» oder «Fünf Elementen» ist eine der wichtigsten Therapie-Grundlagen: Sie betrachtet die verschiedenen Aspekte der Nahrungsmittel und deren Wirkung auf den Menschen.


Tuina

die Traditionelle Chinesische Massage, ist besonders wirksam bei Störungen des Bewegungsapparates sowie bei Arthrose, Verspannungen und nach Schlaganfällen.


Qi Gong

Dabei sind Atmung und Bewegung im Einklang. Die regelmässige Anwendung dieser Meditations- und Bewegungsform soll zur Vertiefung des Atems, Puls-Beruhigung, Entspannung der Muskulatur und Blutdrucksenkung führen.


Fünf Elemente-Lehre

Ähnlich wie in der TEN definiert auch die TCM Krankheit als ein Ungleichgewicht der Elemente.


Statt der «Vier-Säfte-Lehre» (Humoralpathologie) der TEN, verwenden die Chinesen die sogenannten «fünf Elemente» und die zugehörigen Organsysteme Holz (Leber), Feuer (Herz), Erde (Milz/Bauchspeicheldrüse), Metall (Lunge) und Wasser (Nieren).


Diese medizinische Philosophie entspricht nur bedingt dem westlichen Organverständnis. Ein Beispiel: Lautet die Diagnose Milzschwäche, bedeutet dies laut TCM nicht, dass das Organ Milz erkrankt ist, sondern vielmehr, dass die dazugehörige Funktion gestört ist. In der TEN ist die Milz der Ort der Blutmauserung (Teilfunktion der Blutregeneration), in der TCM hingegen gehört die Milz zum Verdauungstrakt.


TCM – Therapieziel

Ying und Yang ins Gleichgewicht bringen mittels einer freien Qi-Zirkulation.

 

Fotos: getty-images.com, mauritius-images.com











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