Sabine Hurni über Intuition

Aktualisiert: Sept 3


Kategorie: Gesundheit


Kennen Sie das? Sie haben die Wahl zwischen zwei offenen Kassen im Warenhaus. An einer Kasse stehen zwei Leute, an der anderen vier.


Ihre Intuition drängt Sie an die Kasse mit vier Leuten. Trotzdem stellen sie sich – der Logik folgend – ans Ende der kürzeren Schlange. Ihr Gehirn hat blitzschnell Bilanz gezogen zwischen den Vor- und Nachteilen beider Schlangen. Doch die Rechnung ging nicht auf: Bei der Kasse mit mehr Personen geht’s zügig vorwärts, während an Ihrer Kasse Probleme auftreten. Der Kartenleser funktioniert nicht, ein Gemüse wurde nicht abgewogen, Münz wird umständlich zusammengekratzt. Wie es halt so ist. Die Intuition wäre richtig gelegen, der Verstand hat Sie in die Irre geführt.

Intuition schulen – niemand bringt uns bei, wie das geht. Die Schulen füllen unsere Köpfe mit logischem Denken, Fachwissen und Fachkompetenz. Doch Tatsache ist, dass wir nicht besser entscheiden, wenn wir mehr wissen. Im Gegenteil: Weniger Zeit und weniger Informationen führen zu besseren Entscheidungen. So ist es zumindest im Buch «Bauchentscheidungen» von Gerd Gigerenzer eindrücklich und wissenschaftlich erklärt. In seinen Ausführungen kommt er zum Schluss, dass mehr Zeit, um Entscheidungen zu treffen, nicht immer besser ist. Auch langes Nachdenken ist nicht immer besser. Man kann


eine vergangene Situation mit viel Hintergrundwissen zwar besser analysieren; aber für die Bestimmung von zukünftigen Entscheiden behindert das Wissen mehr, als dass es hilft. Wir können für unsere Entscheidungen noch so viele Pro- und Kontra-Listen führen – am Schluss entscheidet dann doch das Bauchgefühl. Nur wenn danach jemand fragt, warum wir uns so entschieden haben, kommen wir auf die Bilanz zurück und erklären, wie wir die Entscheidung getroffen haben. Kaum einer gibt gerne zu, dass er oder sie aus dem Bauch heraus entscheidet. Das gilt in unserer Gesellschaft als zufällig, unglaubwürdig und inkompetent.

Sogar belächelt werden intuitive Entscheide aus dem Bauchgefühl heraus. Wir brauchen Fakten und Beweise. Tatsache ist jedoch, dass Geistesblitze immer ein Resultat der Intuition sind. Die Aufarbeitung, Weiterverarbeitung und Vollendung hingegen benötigt unsere Hirnleistung, den Verstand. Die Idee kam vielleicht im Traum, auf einem Spaziergang, unter der Dusche, während eines Zoom-Meetings oder beim Autofahren auf einer monotonen Autobahnstrecke. Der Grund: Sobald das Gehirn in eine Art Entspannungszustand übergeht, gleichen sich die linke und die rechte Hirnhälfte aus; wir finden irgendwo in deren


Mitte eine Balance, wo wir einen direkten Zugang zum Unterbewusstsein herstellen können. Ist der Geistesblitz positiv und beantwortet vielleicht ein Problem, das über den Verstand nicht lösbar war, dann vertrauen wir auf den Gedankenblitz. Was wir jedoch mit dem Verstand nicht hören wollen, drängen wir dann doch lieber zur Seite. Nagende Gefühle wie «kündige diesen Job» oder «such dir eine neue Wohnung» zum Beispiel. Das wollen wir nicht hören. Und doch, einige Wochen später, flattert vielleicht eine Kündigung ins Haus und bestätigt das ungute Gefühl, das man hatte.

In einer Zeit wie jetzt, wo viele Unsicherheiten, Veränderungen und Ängste die Gemeinschaft prägen, ist die innere Stimme besonders wichtig. Doch was machen wir, anstelle dass wir auf die Intuition vertrauen? Wir hängen den Wissenschaftlern und Politikern an den Lippen, die ihre Entscheidungen aufgrund von «Expertenmeinungen» fällen, um sie danach mit Fakten und Beweisen der Gesellschaft vorzutragen. Nehmen wir das Thema Impfen. Verstand und Logik scheinen dafür zu sprechen, dass sich jeder gegen Corona impfen lassen soll – als Zeichen der Solidarität, als Schutz für die Wirtschaft, als Freiheitspass für die nächste Reise oder als vermeintlich einzige Möglichkeit, seinen Mitmenschen endlich wieder nah zu sein. Auf der so gemachten Bilanz von Pro und Kontra überwiegt klar das Pro. Aber was, wenn das Bauchgefühl eine andere Meinung hat? Wenn es einem «Gschmuch» wird beim Gedanken an die in Rekordzeit entwickelten und per Notzulassung angewandten neuartigen Impfstoffe? Darf man in einer solchen Situation das Bauchgefühl bestimmen lassen? Oder muss man gar? Es ist wichtig, dass wir in uns hineinhorchen und uns fragen, was diesen Widerstand hervorruft. Ob es eine ungute Vorahnung ist oder uns eher diffuse Ängste an der Entscheidung hindern, die sich durch mehr Informationen zerstreuen oder aber bestätigen liessen.